Zum Umgang mit Anwerbe-Versuchen

Erst vor kurzem, Mitte August 2008, gab es in Tübingen den Versuch jemand aus der linken Szene als Spitzel anzuwerben. Der Versuch war freilich reichlich dilettantisch, da er fehlendes Wissen über die Person offenbarte und sich nur indirekt präsentierte, der Anwerber sprach nämlich die Eltern der Zielperson an.

Erfahrungsgemäß finden Anwerbe-Versuche in Tübingen eher am Semester-Anfang statt, da die linke Szene mehrheitlich aus Studierenden besteht.

Sollte ein Anwerbe-Versuch bei Dir stattfinden, dann blocke ihn ab. Versuch nicht durch Gespräche etwas über den Anwerber herauszufinden! So etwas funktioniert nur in schlechten Filmen. Richtig ist konsequentes Abblocken. Und danach die lokalen Strukturen (z.B. die örtliche „Rote Hilfe“) über den Versuch informieren, damit er publik gemacht wird.

Manche Versuche, an Informationen heranzukommen sind auch verdeckter. Da wird dann eine vermeintliche Forschungsarbeit über linke Gruppen in Auftrag gegeben. Bitte bei solchen Aufträgen vorsichtig sein und nachrecherchieren.

Teilweise wird auch versucht psychischen Druck aufzubauen (z.B. Hinweis auf spätere Beschäftigung). Den kann mensch vermeiden, indem er/sie sich erst gar nicht auf ein Gespräch einlässt.

Noch einmal ein anderes Thema sind „Anti-Antifa“-Aktivisten aus dem Nazi-Spektrum, die ebenfalls versuchen ihre Leute unbemerkt auf Demonstrationen und Veranstaltungen unterzubringen. Ziel ist hier aber keine langfristige Infiltration, sondern kurzfristige Informations-Gewinnung und besonders Foto-Porträts von Linken.

Hier eine kleine (unvollständige) Zusammenstellung von Anwerbeversuche:
* Am 21.07.92 wurde der Einsatz zweier Verdeckter Ermittler des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg in Tübingen bekannt. Einer der beiden Ermittler hatte seine Identität aufgrund der Beziehung zu einer Frau aus der Szene offengelegt. Unter dem Namen Joachim Armbruster und Ralf Hausmann wohnten die beiden Beamten seit Februar 91/April 91 im selben Haus wie eine politisch aktive Wohngemeinschaft. Beide Verdeckten Ermittler waren mit einer vollständigen Legende ausgestattet. Sie arbeiteten in Solidaritätsgruppen (Nicaragua Arbeitskreis der evangelischen StudentInnengemeinde [ESG] und Palästina-Libanon-Komitee), im Tübinger Aktionsbündnis gegen den Münchner Weltwirtschaftsgipfel und das Abschiebelager für Flüchtlinge in Reutlingen (Anti-EG-Conquista-Plenum) sowie in der Gruppe ’Profan’ mit. Darüber hinaus besuchten sie regelmäßig das Tübinger Infocafe.
[Papier „Verdeckte Ermittler in Tübingen“, Dezember 1992, http://www.geocities.com/~aufbau/Gruppe2/Inhalt.htm]
* Am 07. April 1998 versucht der Verfassungsschutz in Tübingen erfolglos einen Anti-Castor-Aktivisten zu rekrutieren.
[http://www.rote-hilfe.de/rhz/rhz199802/rpa04.html]
* Im Herbst 2000 tritt der Verfassungsschutzspitzel Georg Berthold Becker der LiStA und der Antifa bei und nahm bis Juli 2001 an 50 Veranstaltungen teil.
* Am 13.11.2001 wird „Georg Becker“ als Spitzel geoutet.
[Flyer, Stellungnahme des Ermittlungsausschusses Tübingen, ST 28.02.2002, IL; indymedia „tübingen.spitzel.2001.!?.“, 18.11.2001, http://de.indymedia.org/2001/11/11123.shtml]
* Anfang November 2002 wird getarnt als ein angeblicher Nebenjob versucht zwei Studenten im 1. Semester als Spitzel anzuwerben.
[indymedia „Anwerbeversuch in Tübingen“, 10.04.2003, http://de.indymedia.org/2003/04/48565.shtml]
* Am 10.11.2003 versuchen zwei Verfassungsschutz-Beamte in Tübingen erfolglos eine Studentin und Attac-Aktivistin anzuwerben.
* Mitte August 2008 kam es in Tübingen zu einem Anwerbeversuch des Verfassungsschutzes.
Ein Mitarbeiter redete auf Grund der Abwesenheit des Genossen mit seinen Eltern. Ziel war es ihn als Informanten zu gewinnen. Interessant ist dies besonders, da der Genosse in Freiburg wie auch in Tübingen aktiv ist. Der Anwerbeversuch fand am gemeldeten Erstwohnsitz statt.
[VS Anwerbeversuch in Tübingen/Freiburg, 18.08.2008, http://de.indymedia.org/2008/08/224785.shtml]

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