Evangelikale Zentren am Neckar

„Evangelikal“ ist die Eigenbezeichnung von traditionalistisch und strukturkonservativ ausgerichteten Protestanten, die von Kritikern zumindest teilweise dem Fundamentalismus zugeordnet werden. Der Evangelikalismus ist eine Strömung innerhalb der Landeskirchen und besonders in den kleineren Freikirchen. Mit der „Partei Bibeltreuer Christen“ verfügt das evangelikale Spektrum auch über eine eigenen parteiförmigen Ableger. Insgesamt dürften über eine Million Menschen in der Bundesrepublik dieser Strömung folgen. Der evangelikale Dachverband „Deutsche Evangelikale Allianz“ (DEA) gibt an, dass seine Mitgliederzahl bei 1.300.000 liegt.
Inhaltlich ist die evangelikale Strömung geprägt von einem Bibel-basierten traditionalistischen Familienbild, dass Frauen in altertümliche Rollen drängt und Homosexualität ablehnt. Homosexualität gilt laut Bibel sowieso als Sünde. Reformen und Modernisierungs-Bestrebungen innerhalb der Kirche werden genauso abgelehnt, wie außerhalb. Man ist gegen die Legalisierung von Abtreibung, gegen die Homo-Ehe, gegen Sex vor der Ehe oder gegen Sexualkunde an den Schulen. Wie in kleinen Sekten betrachtet man die Mehrheitsgesellschaft als verloren und „gefallen“. Es gilt diese sündige Welt zurückzuerobern. Ein altes Feindbild ist dabei alles, was links ist. Heute besteht dieses Feindbild weiter fort, wurde aber etwas durch das Feindbild Islam abgelöst. Auch diese gemeinsamen Feindbilder führen zur Zusammenarbeit und zum Zusammengehen mit der extremen Rechten. Sowieso sind viele Evangelikale deutschnational ausgerichtet. Als jüngst in München knapp 300 Christen gegen Abtreibung aufmarschierten, bildeten 60 Neonazis einen eigenen Block in dieser Prozession. Erst sehr spät, setzten halbherzige Distanzierungen ein.

Im traditionell stark pietistischen Schwaben ist die evangelikale Strömung gut organisiert. Auch in der Region Tübingen/Reutlingen finden sich mehrere evangelikale Stützpunkte. Das besonders Skandalöse sind die engen Beziehungen einiger dieser Stützpunkte zur Universität Tübingen, obwohl sich z.B. in Publikationen dieser Zentren offen homophob geäußert wird.

*** Das Institut Diakrisis ***
Das Institut Diakrisis ist eine Organisation des evangelikalen Dachverbandes „Internationale Konferenz Bekennender Gemeinschaften e.V.“ und hat seinen Sitz in Gomaringen.
Der Missionswissenschaftler Prof. Dr. Peter Beyerhaus (* 1929) war ab 1978 Direktor des Instituts Diakrisis (Sitz: Gomaringen) und ab 1972 Präsident des von ihm 1969 mitbegründeten theologischen „Konventes der Konferenz Bekennender Gemeinschaften“.
Beyerhaus war 1965 bis 1997 Ordinarius für Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie an der Universität Tübingen und 1974/75 sogar Dekan der Theologischen Fakultät Tübingen. Von 1970 bis 1974 war er ehrenamtlicher Gründungsrektor des Albrecht-Bengel-Hauses (siehe unten).
Zur politischen Rechten scheint es gewisse Anknüpfungspunkte zu geben, so schreiben die „Antifaschistische Nachrichten“ 18/1999:
„Als die "Junge Freiheit" noch eine Kirchenseite hatte, fanden sich dort gelegentlich Artikel von Personen aus dem Umkreis der "Konferenz Bekennender Gemeinschaften".“
Die „Junge Freiheit“ ist eine rechtskonservative Wochenzeitung, die bis 2005 unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand.
Beyerhaus selbst soll sich gegen die doppelte Staatsbürgerschaft ausgesprochen haben und warnte „vor einer schleichenden Islamisierung in Europa“. Ein Zitat von ihm verdeutlicht seinen Nationalismus:
„Drittens wird im Zuge der Einwanderungspolitik das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland vorrangig zum Experimentierfeld eines multi-kulturellen Verschmelzungsprozesses bestimmt.“
Das könnte so auch in einer NPD-Broschüre stehen.
Ansonsten agitiert Beyerhaus stark antifeministisch und wandte sich beispielsweise gegen die Ernennung der ersten protestantischen Bischöfin in Hamburg („eine der schwersten geistlichen Katastrophen in den letzten Jahren“). Im Jahr 1993 war er Kongresspräsident beim ersten Kongress „Mut zur Ethik“ der rechtslastigen Politsekte „Verein zur psychologischen Menschenerkenntnis“ (VPM), die in Tübingen über einen lokalen Ableger verfügte.
Er ist Buch-Autor im evangelikalen IDEA-Verlag und schrieb bereits für „Erneuerung und Abwehr“, das Organ der extrem rechten „Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland“ (ENiD). Kontakte bestehen auch zur anti-darwinistischen Studiengemeinschaft „Wort und Wissen“.

Von den anderen Diakrisis-Mitarbeitern ist nur wenig bekannt. Aber Dr. Werner Neuer, ein Assistent von Beyerhaus, soll Mitglied in der fundamentalistischen Kleinstpartei „Christlichen Liga“ gewesen sein.

*** Das Albrecht-Bengel-Studienhaus ***
Das 1970 gegründete Albrecht-Bengel-Studienhaus in Tübingen-Derendingen ist ein großer aus mehrstöckigen Trakten bestehender Gebäude-Komplex. Dieser Gebäude-Komplex entstand 1987 in der Ludwig-Krapf-Straße und verfügt über insgesamt 95 Studentenzimmer, drei Mitarbeiterwohnungen und Seminar- und Büroräume. Es ist Wohnheim und Studienhaus in freier Trägerschaft für mehrere Dutzend Menschen. Wer im Bengel-Haus wohnt, muss sich auch der christlichen Sexual-Moral unterwerfen. Die Mieter müssen sich vor ihrem Einzug in einer sogenannten „Selbstverpflichtung“ dazu bereiterklären, mit „dem Geschlechtsverkehr bis zur Eheschließung“ zu warten. Konkret heißt es in den Bewerbungsunterlagen:
„Von jedem Bewerber wird ein Leben im Gehorsam gegen die Gebote Gottes erwartet. Dazu gehört Selbstzucht in jeder, auch in geschlechtlicher Beziehung. […] Wir halten an der Unantastbarkeit und Unauflöslichkeit der christlichen Ehe als einer von Gott gegebenen Lebensordnung fest und treten für ihre Bewahrung und ihren Schutz ein. Deshalb pflegen wir einen verantwortungsvollen Umgang zwischen Mann und Frau und warten mit dem Geschlechtsverkehr bis zur Eheschließung.“

Das Bengel-Haus ist vornehmlich ein Haus für evangelische Theologie-Studierende der Tübinger Universität und eng verbunden mit der theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Auf der Homepage der evangelisch-theologischen Fakultät findet sich zum Bengel-Haus folgender Abschnitt: „Auch das zweite große theologische Studienhaus in Tübingen, das Albrecht-Bengel-Haus, pflegt enge Beziehungen zur Fakultät und arbeit mit ihr vielfach zusammen.“
(Fehler im Original)

Der Rektor des Bengel-Hauses, Rolf Hille (seit 1995), ist der Vorsitzende der Theologischen Kommission der „Evangelischen Weltallianz“, die nach Eigenangabe rund 420 Millionen Evangelikale in 128 Ländern vertritt. Hille ist ebenfalls Mitherausgeber des Jahrbuches für evangelikale Theologie.

Zum Bengel-Haus gehört ein hauseigener Missionszweig, der missionarische Aktivitäten in aller Welt fördert. Die missionarische Verpflichtung wird u.a. aus der pietistischen Ausrichtung des Bengel-Hauses hergeleitet:
„Daher war die Weltmission von jeher ein zentrales Anliegen des Pietismus. Als Werk aus dem Bereich des Pietismus wäre auch das Albrecht-Bengel-Haus ohne seinen Missionszweig nicht denkbar.“

Das Bengel-Haus gibt vierteljährlich die Publikation „Theologische Orientierung“ heraus. Eine Ausgabe der „Theologischen Orientierung“ beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Homosexualität. Darin heißt es u.a.:
„Das Problem der Homosexualität zeigt, dass wir in einer gefallenen Welt leben, in
der Gottes ursprüngliche Schöpfungsordnung durcheinander geraten und vielfach
zerbrochen ist. Dabei bleibt zweierlei zu bedenken: Zum einen sind, wie bei allen
Versuchungen und Sünden, auch bei der Homosexualität Christen unmittelbar
betroffen. Ihnen, ihren Angehörigen und Freunden sowie ihren Seelsorgern wollen
wir Orientierung geben. Zum anderen soll die Schuldverstrickung im Zusammenhang
der Homosexualität weder verharmlost noch einseitig dramatisiert werden – so als handle
es sich um Sünde, die viel schwerer wiege als andere Verfehlungen.“

Das Bengel-Haus fungiert auch als Veranstaltungsraum. So richtete der Tübinger CDU-Arbeitskreis „Christ und Politik“ hier am 23. März 2004 die Veranstaltung „Familie - ich bin doch nicht blöd? Argumente und Anregungen zur Familienpolitik“ aus. Referenten waren der Oberkirchenrat i.R. Klaus Baschang aus Karlsruhe und Kostas Petropulos. Moderatiert wurde das Ganze von Dipl. Theologin Irene Hahn und Dr. Christian Herrmann.
Der freie Journalist Kostas Petropulos leitet das „Heidelberger Büro für Familienfragen und soziale Sicherheit“, dass sich seit über einem Jahr in Tübingen befindet.
Der CDUler Christian Herrmann ist nicht nur Mitglied im Tübinger CDU-Arbeitskreis „Christ und Politik“, sondern auch Vorstandsmitglied des Evangelischen Arbeitskreises der CDU Baden-Württembergs und stellvertretender Leiter der Theologischen Abteilung der Universität Tübingen. Am 19.10.2005 trat Herrmann als Vorredner beim Vortrag von CDU-Rechtsaußen Klaus Hornung (arbeitet im Reutlinger CDU-Arbeitskreis „Christ und Politik“ mit) auf. Der Vortrag mit dem Titel „Deutsche Identität und deutsche Interessen“ fand auf dem Haus der völkischen Burschenschaft Germania Straßburg statt und als Mitveranstalter fungierte der CDU-Arbeitskreis „Christ und Politik“. Hornung äußerte sich damals wie folgt:
„Die ganze Türkenfrage entscheidet sich ja viel weniger an den Grenzen oder im Staatsbürgerrecht, als in den Kreissälen.“

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Endlich mal ein klares Wort zur (demokratie)feindlichen Übernahme durch evangelikal-charismatische Stoßtrupps. Hier ist kein Wort zuviel und überflüssig - und Danke, dass Ihr auf Polemik verzichtet habt. Das Thema ist auch zu heikel.
Bitte, eine erweiterte Fassung muß her ...
- "Das Bengel-Haus ist vornehmlich ein Haus für evangelische Theologie-Studierende der Tübinger Universität und eng verbunden mit der theologischen Fakultät der Universität Tübingen." Eine Schande für die Fakultät und unsere Uni ...
- "Wir halten an der Unantastbarkeit und Unauflöslichkeit der christlichen Ehe als einer von Gott gegebenen Lebensordnung fest und treten für ihre Bewahrung und ihren Schutz ein. Deshalb pflegen wir einen verantwortungsvollen Umgang zwischen Mann und Frau und warten mit dem Geschlechtsverkehr bis zur Eheschließung." Das wird zwar von den bösen Heiden und unmoralischen Unbekehrten gefordert, aber halten tun das die selbsternannten Frommen auch nich so ganz, sind auch mal für Bettkantengeschichten zu haben - sind ja auch nur Menschen.
- Was noch fehlt ist was zu "Campus Crusade für Christ", die sind radikal!
Inzwischen ist die evangelikale Familie gewachsen: Die Charismatiker sind jetzt mit dabei in der frommen Fankurve, also ein evangelikal-charismatisches Allerlei.
Bleibt dran an dem Thema! Bitte.