Unerwünschte Gäste beim Novemberpogrom-Gedenken

Wie uns zugetragen wurde, haben sich bei dem Gedenken zur 70. Jährung der Novemberpogrome vom 09.11.1938 auch vier Verbindungsstudenten, darunter einer mit Bändel beteiligt. Das Gedenken fand am Platz, der 1938 niedergebrannten Tübinger Synagoge in der Gartenstraße statt.
Der anwesende Korporierte mit Bändel trug vermutlich die Farben des Tübinger Wingolfs (Verbindungshaus in der Gartenstraße). Der Wingolf ist eine klerikale und konservative Verbindung. In den Blättern des Wingolfs wird heute noch die blutige Niederschlagung von Arbeiteraufständen durch rechtsradikale Tübinger Freikorps (vornehmlich aus Korporierten bestehend) gefeiert, wie folgender Auszug beweist:
„Auch das Lied, das die Kriegsgeneration im Wingolf (die Leifamilie „Siegfried“) , nämlich Volkers Nachtgesang (E. Geibel) anstimmte, war längst verklungen: „Die lichten Sterne funkeln kalt und stumm – wohl finster ist die Stunde, doch hell ist Mut und Schwert …“ Mancher Wingolfit reihte sich damals ein in die Tübinger Studentenregimenter, die die junge Republik gegen den chaotischen Mob (München) sicherten (1919).“
Tübinger Blätter 49 – Dezember 2003, Organ des Wingolf Tübingen, Seite 55

Als weiterer Beteiligter wurde ein Mitglied der Burschenschaft Arminia Straßburg (Verbindungshaus in der Gartenstraße) erkannt. Die Burschenschaft Arminia Straßburg ist im völkisch-großdeutschen Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB) organisiert. Die DB hat eine lange antisemitische Geschichte und führte lange vor dem Auftauchen des Nationalsozialismus in ihren Reihen einen „Ariernachweis“ ein. Auch nach 1945 behielten einige Burschenschaften der DB diese antisemitische Bestimmung bei. Die Suevia Innsbruck 1960: „Wir stehen auf dem allein burschenschaftlichen Standpunkt, dass somit auch der Jude in der Burschenschaft keinen Platz hat.“
Andere Tübinger Verbindungen, nicht nur Burschenschaften, waren ebenfalls aktive Träger des Antisemitismus. Hierzu ein paar Zitate:

„Schließlich wies der Vorstand noch darauf hin, daß künftig bei der Empfehlung von Füchsen und bei der Admission der Rassegrundsatz besonders berücksichtigt werden müsse, vor allem auch den empfehlenden Alten Herren. Dies sei nichts Neues, da kraft Kösener Kongreßbeschluss von 1921 der Grundsatz arischer Abstammung bis zu den vier Großeltern einschließlich bereits gelte.“
„Corps-Zeitung“ der Rhenania zu Tübingen über eine Sitzung des Verwaltungsrats vom 23. Juli 1933 (nach: Joachim Lang: achtzehn-achtundvierzig – ran, ran, ran!, in: Schwäbisches Tagblatt vom 10.09.1998)

„Zweck unseres Corps ist die Bildung einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die im Sinne der Nationalsozialistischen Weltanschauung ihre Angehörigenin aufrichtiger Freundschaft verbindet und zu Vertretern eines ehrenhaften Studententums und zu charakterfesten, pflichttreuen Männern erzieht. […] Judenstämmlinge und jüdisch Versippte im Sinne des § 43 der Kösener Statuten oder Freimaurer können nicht Angehörige des Corps sein.“
Semesterbericht des Corps Suevia zu Tübingen, Ende des Wintersemesters 1933/34, über eine in der Mitgliederversammlung vom 22. Juli 1933 vorgenommene Satzungsänderung (nach: Joachim Lang: achtzehn-achtundvierzig – ran, ran, ran!, in: Schwäbisches Tagblatt vom 10.09.1998)

„In Leuna bei Merseburg (Industriegebiet) ist auf Grund des Arierparagraphen eine prakt. Arztstelle kassiert worden. Der betr. Herr war Halbjude. Diese Stelle ist bisher noch nicht wieder besetzt worden […] Für junge Anfänger wäre die Sache ideal.“
Ulmer-Zeitung vom Juli 1933, Rubrik „Stellenvermittlung“
(nach: Landsmannschaft Ulmia zu Tübingen: 150 Jahre Landsmannschaft Ulmia zu Tübingen, Tübingen 1990, Seite 43)

„Die Waffen der jüdischen und paritätischen Korporationen werden nicht anerkannt. Ihren einzelnen Angehörigen wird keine Satisfaktion gewährt.“
aus den „Satzungen des Tübinger Waffenrings“ von 1927
(nach: Landsmannschaft Ulmia zu Tübingen: 150 Jahre Landsmannschaft Ulmia zu Tübingen, Tübingen 1990, Seite 43)

Über diesen Teil ihrer Geschichte schweigen sich Korporierte heute gerne aus. Sie darf auf jeden Fall als weitgehend unaufgearbeitet betrachtet werden.

Die Arminia hat bis in jüngste Zeit durch rechte Aktivitäten immer konkret auf sich aufmerksam gemacht. Hier die letzten rechten Aktivitäten der Arminia:
* Am 30.10.2007 tritt Prof. Dr. Hartmut Fröschle, Vorsitzender des „Hilfskomitee Südliches Afrika“, mit dem Vortrag „Auslandsdeutsche heute“ bei der Arminia auf.
* Am 20.11.2007 tritt unangekündigt, aber durch ein Foto auf der Arminia-Homepage belegt, der extrem rechte Kriegsschuldleugner Gerd Schultze-Rhonhof bei den Arminen auf.
Bei genauerer Betrachtung der Arminia fällt ihre enge Anbindung an das „Studienzentrum Weikersheim“ (SZW) auf. Das von den Medien als „führende Denkfabrik der deutschnationalen Szene“ (STERN) oder „rechtskonservative Kaderschmiede der Unionsparteien“ (SPIEGEL) bezeichnete SZW vertritt den Stahlhelmflügel der CDU und will diese wieder mehr nach rechts rücken. In nur sechs Semestern vom Sommersemester 2004 bis zum Wintersemester 2006/07 traten drei prominente SZW-Mitglieder, nämlich der ehemalige Präsident des SZW (Klaus Hornung), der SZW-Geschäftsführer (Ronald F. M. Schrumpf) und der SZW-Vizepräsident (Philipp Jenninger), bei der Arminia als Referenten auf.
Zudem fand im September 2006 sogar das jährliche Seminar der SZW-Jugendorganisation „Jungweikersheim“ auf dem Haus der Arminen statt. Von einem Tübinger Arminen (Martin S.) wurde die 15köpfige StudiVZ-Gruppe „Landesvater Dr. Hans Filbinger“ begründet, in deren Beschreibung heißt es: „Für einen der profiliertesten Nachkriegspolitiker“. Der aufgeführte Link führt zur extrem rechten Hans-Filbinger-Stiftung.
Das alles ist kein Zufall. Das Arminia-Mitglied Daniel Krieger (* 1983) ist seit 2006 Vorsitzender von Jung-Weikersheim, der Jugend-Organisation des nationalkonservativen „Studienzentrums Weikersheim“. Nach seinem Abitur 2002 ging Krieger zur Bundeswehr, wo er in einer Objektschutz-Einheit diente. Danach begann er ein Jura-Studium in Tübingen, wo er auch Mitglied der Straßburger Burschenschaft Arminia zu Tübingen wurde.
Krieger geriet bundesweit in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass unter seiner Verantwortung Ex-Brigadegeneral Reinhard Günzel zum 20. April („Führers Geburtstag“) 2007 für Jung-Weikersheim auftreten soll. Der Ex-KSK- Brigadegeneral Günzel war aus der Bundeswehr entlassen worden, weil er sich mit dem Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann und dessen antisemitisch durchsetzten Rede solidarisiert hatte. Danach trat er als Referent bei diversen Burschenschaften, aber auch bei „Pro Köln“ auf.
Als Günzels Vortrag für Jung-Weikersheim ruchbar wurde, wurde der Vortrag wieder abgeblasen.

Beim dem beim Gedenken anwesenden bekannten Arminen handelte es sich laut einem Augenzeugen um Daniel Krieger!!!
Trotz einer verbalen Konfrontation blieben Krieger und seine Gesinnungsgenossen anwesend. Immerhin distanzierten sich die Veranstalter des Gedenkens „ausdrücklich“ von den unerwünschten Gästen. Es empfiehlt sich im nächsten Jahr vorzusorgen, und sich als Veranstalter von vornherein vorzubehalten unerwünschte Besucher auszuschließen.

UNTEN: Die Mitglieder der Landsmannschaft Ulmia, 1935

Bild: 
unmoderated

Wie soll ein Mensch der Öffentlichkeit beweisen, daß was über ihn verbreitet wird schwachsinnig ist, wenn er sich an einer solchen Veranstaltung nicht beteiligen darf?

Er war sicher nicht dort, um zu stören, sondern um der Judenpogrome zu gedenken.

Mit welcher Begründung gilt jemand, der eines Verbrechens gedenkt als "unerwünscht"? Weil er eine andere politische Ansicht hat?

Rechts, konservativ, national sind alles keine Synonyme für Antisemitisch. Auch ein Rechter kann die Verbrechen gegen die Juden bedauern und ihrer Gedenken.

Es wird von Burschenschaftern ständig ein Bekenntnis zur ihrer Vergangenheit gefordert, du schreibst sogar, daß die Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte als "weitgehend unaufgearbeitet" betrachet werden kann. Und? Gibst du ihm eine Chance dazu sich von Antisemitismus zu distanzieren? Nein! Du schließt ihn von vorneherein aus.

Das ist keine Toleranz, was du machst ist Meinungsfaschismus!

unmoderated

Ich verstehe nicht ganz, warum diese Personen nicht an einer Veranstalung teilnehmen dürfen, die sich verpflichtet der Opfer der Pogromnacht zu gedenken und das Vergessen zu bekämpfen um ein Wiederauftreten von Verfolgung und Intoleranz zu verhindern.

unmoderated

In Zukunft darf man also davon ausgehen, dass die Gäste bei solchen Gedenkveranstaltungen kontrolliert werden und nur noch politisch korrekte, linksfaschistische MenschInnen anwesend sein dürfen? Das ist antidemokratisch und freiheitsfeindlich.
Ihr könnt nur hoffen, dass ihr nicht wegen Verleumdung verklagt werdet. Aus obigem Artikel kann ich nur schließen, dass ihr alle Verbindungsstudenten für Antisemiten haltet. Das ist (!) Verleumdung.

unmoderated

Nö, mit ein paar katholischen CVler hätte mensch beim Gedenken vermutlich wesentlich weniger Probleme gehabt. Aber bitte farblos!
In linken und emanzipatorischen Zusammenhängen bleiben Männerbündische natürlich weiterhin allgemein unerwünscht.
Aber ausgerechnet eine Gruppe mit mindestens einem Armine und dann auch noch der Krieger. Ja, die waren unerwünscht. Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.
Es geht darum, dass der Einlader von Antisemiten-Freunden (General Günzel) und Mitglieder einer Institution wie der „Deutschen Burschenschaft“ (DB) mit massiv antisemitischer Vergangenheit und mindestens fortbestehenden antisemtischen Tendenzen in ihren Reihen, unerwünscht sind. Die Wiener Burschenschaft Olympia war 1996 Vorstand des Dachverbandes DB und lud z.B. am 25.01.2003 den Nazi-Liedermacher Michael Müller (Prager Burschenschaft Teutonia zu Regensburg) ein. Eines von dessen Lieder enthält die Strophe: „Mit 6 Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis 6 Millionen Juden, da ist der Ofen an. (...) Wir haben reichlich Zyklon B. (...) Bei 6 Millionen Juden, ist noch lange nicht Schluss.“ Der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß wurde 1987 vom Dachverband Deutsche Burschenschaft in Österreich (DBÖ) sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Wenn die Arminia aus der DB austritt, ihre Geschichte kritisch aufarbeitet, das rassistische DB-Grundprinzip („Deutscher ist wer deutschen Blutes ist“) aufgibt, sich von ihren rechten Kontakten (z.B. „Studienzentrum Weikersheim“) distanziert, dann können wir gerne nochmal drüber reden.
Alternativ: Wenn Krieger von seinem Posten bei Jungweikersheim zurücktritt, sich öffentlich distanziert und rechte Verbandsinterna und biograf. Details öffentlich macht (um nicht mehr zurück zu können), aus der Arminia austritt und zugibt mit seinen Aktivitäten für Weikersheim (z.B. Günzel-Einladung) und Arminia etwas Falsches gemacht zu haben und versucht von dem was er angerichtet hat, etwas wieder gut zu machen, dann kann er auch gerne an dem Gedenken teilnehmen.

PS: „Linksfaschisten“ sind bei dem Gedenken ebenso unerwünscht. Was immer das sein soll. Ebenso wären auch Antizionisten, z.B. von der stalinistischen MLPD unerwünscht gewesen.