Ein faschistischer Ideologe aus Tübingen und seine Nachbeben

*** Wer war Jakob Wilhelm Hauer? ***
Jakob Wilhelm Hauer wurde am 04.04.1881 in Ditzingen bei Stuttgart geboren. Er wurde christlich-pietistisch erzogen und war 1907-11 missionarisch in Indien (Malabar) tätig. Von 1911 bis 1914 studierte Hauer in Oxford Theologie. Ab 1915 wandte er sich in Tübingen dem Studium der Indologie und Allgemeinen Religionswissenschaft zu, parallel dazu war er Pfarrervikar. Im Jahr 1918 promovierte Hauer mit einer Dissertation im Fach Indologie über den Yoga. 1919 schied Hauer aus dem Kirchendienst und zwei Jahre später folgte seine Habilitation. Von 1921 bis 1925 wirkte Hauer als Privatdozent in Tübingen.
Von 1927 bis 1945 hatte Hauer die Professur für Religionswissenschaft und Indologie in Tübingen inne. Vertrat er zuerst als Mitglied und Anführer (seit 1920) des evangelischen „Köngener Bund“ eher christliche Ideen, so wandte Hauer sich gegen Ende der Weimarer Republik immer mehr der deutsch-völkischen Bewegung zu. Hauer war zu dieser Zeit auch der Mentor des Nationalbolschewisten Karl Otto Paetel.
Schon früh dachte Hauer rassistisch und verstand Rasse als biologisch und geistig. Wobei seiner Meinung nach Religion das „rassische“ Potenzial mobilisiert. Seine Vorstellung von einem Kampf zwischen der orientalisch-semitischen Rasse und Religion gegen die nordisch-indogermanische Rasse und Religion, konnte er gut im nationalsozialistischen Gedankengebäude integrieren.

Im dritten Reich versuchte er 1934-36 die „Deutschgläubige Bewegung“ als dritte Konfession neben der evangelischen und der katholischen zu etablieren und kritisierte die Kirchenfreundlichkeit der Nazis. Trotzdem arbeitete Hauer seit Beginn mit den neuen Machthabern zusammen, so trug er 1935 mit einem Gutachten zum Verbot der „Anthroposophischen Gesellschaft“ bei. Auch tat er sich bei der Forderung nach dem Ausschluss von Juden aus der Indologie hervor.
Im Zuge der „Lobbyarbeit“ für seine völkische Religion hielt Hauer am 26.4,1935 vor mehr als 20.000 Zuhörern im Sportpalast den Vortrag „Fremder Glaube oder Deutsche Art“.
Letztlich scheiterten Hauers Bemühungen aber auf Grund der Zersplitterung und Marginalität der Deutschgläubigen. Insgesamt aber gilt Hauer neben Ludendorff und Rosenberg als der prominenteste Neuheide im 3. Reich.

Hauer ist Mentor und Ziehvater von Herbert Grabert, der nach 1945 den rechtsextremen Grabert-Verlag gründete, der bis heute besteht und seinen Sitz in Tübingen hat.
Herbert Grabert war bereits in der Weimarer Republik Schüler des Theologieprofessors Jakob Wilhelm Hauer. Im Jahr 1928 promovierte Grabert als Religionswissenschaftler. Danach arbeitete er als Dozent in Tübingen. Während der Zeit bis 1933 stand Grabert wie sein Mentor Hauer eher christlichen Ansichten nahe, die er aber schon damals mit völkischen Ansichten verband. Der Hinwendung seines Mentors zum völkischen Neuheidentum 1933 folgte auch sein Schüler Grabert. So leitete Grabert das Tübinger Hochschulamt der völkischen „Deutschen Glaubensbewegung“ (DGB) und war seit Januar 1934 Schriftleiter des DGB-Organs „Durchbruch“ und der Zeitschrift „Deutscher Glaube“. Zu dieser Zeit kam es zu einem Bruch zwischen Grabert und seinem Mentor Hauer.
Nach dem Scheitern der völkischen Glaubensbewegung 1936 sah Herbert Grabert in einer Art religiös verbrämten Nationalsozialismus den einzig wahren Glauben.

Hauer trat 1934 dem SS-Sicherheitsdienst bei, wobei ihn Himmler persönlich vereidigte, weiterhin wurde er Mitglied im NS-Dozentenbund (1935), der NSDAP selbst (1937) und war ab 1938 ehrenamtlicher Mitarbeiter im Sicherheitshauptamt und SS-Mitglied. Im April 1941 besaß er den Rang eines Hauptsturmführers.
Im Zuge der Befolgung der NS-Forderung nach einer kämpferischen Wissenschaft wurde auf Hauers Betreiben ein „Lehrstuhl für Indologie, Vergleichende Religionswissenschaft und Arische Weltanschauung“ für ihn selbst eingerichtet.
Im Jahr 1939 gründete Hauer die „Weltanschauliche Lehrgemeinschaft“.
Ab April 1940 war Hauer der Direktor eines eigenen „Arischen Seminars“ mit einer religionswissenschaftlichen, indologischen und weltanschaulichen Abteilung.
Seit 1941 plante Hauer ein eigenes Indieninstitut in Tübingen.

*** Hauer nach 1945 ***
Nach 1945 blieb Hauer bis 1947 in französischer Gefangenschaft und wurde danach nicht rehabilitiert. In seinen Schriften und Tun blieb Hauer seinem rechten Gedankenbild auch nach dem Ende des Dritten Reiches treu. So gründete er 1947 die rechte „Arbeitsgemeinschaft für freie Religionsforschung“ und 1955 oder 1956 die ebenfalls rechte „Freie Akademie“, die bis heute existiert allerdings ihre rechte Ausrichtung verloren hat.
Diese „Freie Akademie“ stand und steht der „Deutschen Unitarier-Religionsgemeinschaft“ nahe, die nach 1945 als Auffangbecken für neuheidnische Altnazis fungierte. Mitbegründer der „Freien Akademie“ war Lothar Stengel-von Rutkowski (1908-1991), der „wissenschaftlicher Sekretär“ war und nach Hauers Tod 1962 Vorsitzender der Akademie wurde. Lothar Stengel von Rutkowski war im Dritten Reich u.a. Leiter der Rassenhygienischen Abteilung des Rasse- und Siedlungshauptamtes in München (1930-1934), ab 1933 Abteilungsleiter im Thüringischen Landesamt für Rassewesen, ab 1937 SS-Hauptsturmführer, ab 1936 Richter am Jenaer Erbgesundheitsgericht, ab 1940 Dozent für Rassenhygiene, Kulturbiologie und rassenhygienische Philosophie an der Medizinischen Fakultät, ab 1940 stellvertretender Gau-Dozentenführer und er war lange Mitherausgeber von „Deutscher Glaube“ (1934-1944).

Laut ein Fußnote in Kurt P. Taubers Buch „Beyond eagle and swastika“ (Middletown/Conn., 1967, Seite 1270) baute Hauer mit Wigbert Grabert in der Nachkriegszeit in Tübingen einen „Bund für Glaubens- und Gewissensfreiheit“ auf. Von dessen Mitgliedern sollen 26 aus der „Deutschen Glaubensbewegung“, drei aus der antisemitischen Ludendorffer-Sekte, vier aus den Reihen „gottgläubiger“ Nationalsozialisten stammen und angeblich waren sieben Kommunisten.

*** Hauers Werk heute ***
Auch einige Vertreter der Nachkriegs-Rechten in der Bundesrepublik bezogen sich positiv auf Hauer. Die prominente rechte Neuheidin Sigrid Hunke (1913-1999) beispielsweise. Hunke war führendes Mitglied der Religionsgemeinschaft der Unitarier, in die nach Kriegsende heidnische Nazis massenweise eingetreten waren. In den 1980er Jahren spaltete sie sich mit einer extrem völkischen Gruppe von der Haupt-Organisation ab.
Auch der Ex-Professor Hubertus Mynarek (* 1929) soll sich auf die These von Jakob Wilhelm Hauer, dass Religiösität angeblich erblich bedingt sei, positiv beziehen.
Mynarek sympathisiert(e) mit der „Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft“ (DUR) bzw. Sigrid Hunke, mit der autoritären Sekte „Universelles Leben“ und mit Scientology, bei deren Eröffnungsfeier der Berlin-Zentrale er zugegen war. Mynarek ist derzeit der Spitzenkandidat auf der Liste der Linken (Linkspartei) in Odernheim!

Hauers Publikationen gewinnen heutzutage – erschreckenderweise – wieder an Einfluss, besonders unter rechten Esoterikern und Neuheiden. Neu verlegt werden Hauers Werke u.a. vom esoterisch-völkischen Regin-Verlag aus Wachtendonk bei Straelen (NRW).
Es kam in letzter Zeit zu der Wiederauflage folgender Hauer-Schriften:
* „Werden und Wesen der Anthroposophie“, Regin-Verlag
* „Schrift der Götter: Vom Ursprung der Runen“, Original von 1943
* „Fest und Feier aus deutscher Art“, Nachdruck von 2008

*** Literatur (Auswahl) ***
Finkenberger, Martin und Junginger, Horst (Hgg.): Im Dienste der Lügen. Herbert Grabert (1901-1978) und seine Verlage, 2004, Aschaffenburg, Alibri-Verlag

Artikel in Universitätszeitung „Attempto“ 17/2004, http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/at/attempto17/text17/at17_for01.html

www.bautz.de/bbkl/h/hauer_w.shtml

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