Üble Gesellen in der Region

Der Journalist Maik Baumgärtner nennt die bündische Gruppierung „Fahrende Gesellen“ ein „Sammelbecken traditionalistisch-völkischer Personen“. Diese eher unbekannte rechte Gruppe hat auch Verbindungen in die Region Tübingen, denen im Folgenden einmal nachgegangen werden soll.

In einer kleinen Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion vom 25.02.2010 zu der extrem rechten Jugendorganisation „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ wird unter Punkt vier nach ähnlich ausgerichteten, völkischen Jugendorganisationen gefragt:
„Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über völkisch-nationalis- tische bzw. rechtsextremistische Orientierungen bei anderen bündischen Jugendorganisationen (z. B. dem Freibund – Bund Heimattreuer Jugend, den Fahrenden Gesellen – Bund für deutsches Leben und Wandern und dem Deutschen Mädelwanderbund) in der Bundesrepublik Deutschland vor, und inwiefern besitzt sie Kenntnis von deren Zusammenarbeit mit dem Sturm- vogel und seinen Mitgliedern?“

Die in dieser Frage auftauchenden „Fahrenden Gesellen – Bund für deutsches Leben und Wandern“ und der mit diesen eng verbundene „Deutsche Mädelwanderbund“ (DMWB) sind teilweise in Tübingen und Mössingen beheimatet. Grund genug sich diese Gruppen einmal genauer anzusehen.

*** „Fahrende Gesellen“ historisch ***
Der „Fahrende Gesellen, Bund für Deutsches Leben und Wandern e.V.“ versteht sich als Nachfolger der gleichnamigen Organisation, die 1909-1933 bestand. Die damaligen „Fahrenden Gesellen“ waren ein Wanderbund von Kaufmannsgehilfen und -lehrlingen und die Jugendorganisation des völkischen „Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband“ (DHV). Die völkische, also rassistisch-radikalnationalistische, Ausrichtung war innerhalb der bündischen Jugend zu dieser Zeit keine Seltenheit. Viele in dieser Szene von wandernden, jugendlichen Naturschwärmern in Uniform neigten in der Weimarer Republik stark nach rechts.
Bei den damaligen „Fahrenden Gesellen“ spiegelt sich das auch in ihrem Organisations-Symbol wieder. Die Farben Blau und Gelb im Symbol beziehen sich auf den Ariermythos (blauäugig und blond); eine blaue Kornblume war in Österreich in den 1930er Jahren das Erkennungssymbol der illegalen NSDAP.
In der Weimarer Republik gab es personelle Überschneidungen zu den weiter rechts stehenden „Artamanen“, einer Siedlungsbewegung, der u.a. auch die späteren hohen NS-Funktionäre Walter Darre und Heinrich Himmler (bayrischer Gauleiter der Artamanen) angehörten. Kurz nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, im April 1933 lösten sich die „Fahrenden Gesellen“ selbst auf.

*** „Fahrende Gesellen“ heute ***
Im Jahr 1948 wurden die „Fahrenden Gesellen“ wieder gegründet. Im Gegensatz zu anderen Wiedergründungen von Gruppen mit Wurzeln in der Weimarer Republik scheinen die „Fahrenden Gesellen“ bis heute ihr völkisches Selbstverständnis nicht aufgegeben zu haben. Wie eine rote Linie zieht es sich auch durch ihre Geschichte nach 1945. In Kooperation vom „Deutschen Mädchen-Wanderbund“, den „Fahrenden Gesellen“, „Deutschen Wanderbund“, „Gefährtenschaft“, „Jungdeutscher Volkschaft Thule“, „Tatgemeinschaft“ und dem „Deutschen Pfadfinderbund - Westmark / Stamm Sturmvaganten“ erschien im Jahr 1954 ein Liederheft mit dem Titel „Heimat und Volk : ein Bekenntnis zu Deutschland - im Lied“.
Später scheinen sich die Gruppe aktiv bei „Deutschtums-Arbeit“ in Südtirol beteiligt zu haben („1975: Bundestag in Hilders/Rhön. Beschluss über Betreuung in der Bergbauerngemeinde Moos in Südtirol.“). Zu genau dieser Zeit intervenierten Deutschnationale massiv im Konflikt um Autonomie zwischen der mehrheitlich deutschsprachigen, italienischen Provinz „Bozen-Südtirol / Bolzano-Alto Aldige“ und der Zentralregierung in Rom. Im Jahr 2000 sollen sich „Fahrende Gesellen“ an dem rechten CD-Projekt „Liedg(l)ut“ beteiligt haben, auf dem auch die Rechtsrockband "Carpe Diem" und "Sleipnir" vertreten sind.
Das bis heute gültige völkische Selbstverständnis dokumentiert sich aber auch auf der Homepage, wenn da von der „Pflege des deutschen und Achtung fremden Volkstums“ die Rede ist.

Eng verbunden mit den „Fahrenden Gesellen“ ist der „Deutsche Mädelwanderbund“ (DMWB). Dessen gleichnamiger Vorgänger-Bund wurde 1914 mit Hilfe der „Fahrenden Gesellen“ gegründet und weist ebenfalls eine völkische Vergangenheit auf. Erst vor einigen Jahren wurde der DMWB neu gegründet. Mit bei der Gründung dabei waren der extrem rechte Freibund und der „Jugendbund Sturmvogel“, eine Abspaltung von der neonazistischen Wiking-Jugend (1994 verboten).

Im Gegensatz zu vergangenen Zeiten mit vierstelligen Mitgliederzahlen sind die „Fahrenden Gesellen“ und der DMWB heutzutage Kleinst-Organisationen. Der DMWB soll nur über etwa 40 Mitglieder verfügen und zum Hauptfest zum 100jährigen Bestehen der „Fahrenden Gesellen“ Anfang Mai 2009 auf der Jugendburg Ludwigstein kamen lediglich 2-300 Teilnehmer.

*** Funktionäre vor Ort ***
Die „Fahrenden Gesellen“ waren vor allem in Norddeutschland aktiv, verfüg(t)en aber auch über einen „Gau Schwaben“ und die Pfingstfahrt 2009 fand im Schwarzwald statt. Ganz konkret lassen sich in der Region Tübingen Personen ausmachen, die bei den „Fahrenden Gesellen“ aktiv sind. Neben einer Familie aus Mössingen gehört dazu noch ein ehemaliger Tübinger Student.

„»Ich bin eine treue Nationalsozialistin«, erklärte Barbara Stübinger ungefragt bei einem Besuch. In diesem Geiste habe sie auch ihre zwei Kinder erzogen. […] Danach zeigt sie mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf einen jungen Mann mit messerscharfen Scheitel: »Gunthart, unser Sohn, er ist Burschenschafter in Tübingen.« Beide Kinder machten aus ihrer braunen Gesinnung ebenfalls keinen Hehl.“ So heißt es über Gunthart S. in dem Buch „Stille Hilfe für braune Kameraden. Das geheime Netzwerk der Alt- und Neonazis“ von Oliver Schröm und Andrea Röpke (Berlin 2006, Seite 140 und 141). Seine Eltern sind Barbara und Günter Stübinger aus, sein Vater war Mitglied der 16. Panzerdivision „Reichsführer SS“, Aktivist der Nazi-Gefangenenorganisation „Stillen Hilfe“ und Beiträge von ihm erschienen in dem braunen Blatt „Recht und Wahrheit“.
Gunthard S. (* 1972), inzwischen wohnhaft in Lüneburg, ist einer der wenigen bekannten Aktivisten der „Fahrenden Gesellen“. Der Burschenschafter Gunthard S. verfasste auch Beiträge für „Fahrender Gesell“, die Bundes-Zeitschrift der „Fahrenden Gesellen“. So schreibt er in „Der Fahrende Gesell“ 2/2006 unter der Überschrift „Fahrtenbericht: Wie oft sind wir geschritten auf schmalem Negerpfad…“: „Was ist Deutschlands höchster Berg? Wer auf diese Frage statt der erwarteten Antwort ‘die Zugspitze“ die Antwort ‘der Kilimandscharo’ bekommt, schaut erst einmal verblüfft.“ Damit spielt er darauf an, dass der Kilimandscharo in einem Gebiet liegt das zeitweise zu der deutschen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ gehörte.

Der Sohn: Rüdiger B., wohnhaft in Tübingen, ist laut DENIC-Abfrage der Verantwortliche für die Homepage des „Der Deutsche Mädelwanderbund“ (DMWB) und der „Fahrenden Gesellen“. B. studiert seit April 2001 Jura und ist seit Februar 2002 studentische Hilfskraft.

Der Vater: Peter B. (* 1939) ist wohnhaft in Mössingen. Die Mössinger Adresse des Ehepaars B. war bis vor kurzem eine Kontaktadresse der „Fahrenden Gesellen“. Der Vater soll Mitglied des rechten Witikobundes sein und gehörte laut einer Meldung der Stuttgarter Zeitung von 1994 der NPD an.
Er betreibt seit 1997 in „Insterburg“ (russisches Oblast Kaliningrad) einen Betrieb für Holzverarbeitung. Solche Projekte deutscher Rechter im ehemaligen Nord-Ostpreußen sind fast immer eine Beteiligung an dem Versuch der Re-Germanisierung des Gebietes.
Auch Peter B. ist im „Vertriebenen“-Milieu aktiv. So organisierte 2006 für den BdV eine Fahrt nach Potsdam und Berlin zum XXV. osteuropäischen Seminar in Wustrau bei Neuruppin und war Autor von „Thorn - Königin der Weichsel 1231-1981. Aus der 750jährigen Geschichte einer deutschen Stadt“ (Stuttgart/Tübingen 1981). Mit Mathematik scheint Peter B. Probleme zu haben, Torun (Deutsch: Thorn) war seit 1919, nur unterbrochen durch die deutsche Besatzung 1939-44, polnisch.

Die Mutter: Ingeborg „Inge“ B. ist wohnhaft in Mössingen und aktiv im Milieu der so genannten „Vertriebenen“. So ist sie Mitautorin von „Ostdeutsche Trachten. Aus Ost- und Westpreussen Pommern Ober- und Niederschlesien aus dem Egerland dem Böhmerwald und aus Südmähren. (Stuttgart, 1975) und bietet unter ihrer Adresse als „Ostdeutschen heimatwerk“ „Ostdeutsche Trachten“ an.

*** Verwendete Literatur ***
Maik Baumgärtner und Jesko Wrede: »Wer trägt die schwarze Fahne dort...«. Völkische und neurechte Gruppen im Fahrwasser der Bündischen Jugend heute, Braunschweig 2009

Uwe Puschner: Völkische Bewegung, Darmstadt 2001, Seite 63, 91, 134, 261, 386

Blog „Rechte Jugendbünde, http://rechte-jugendbuende.de/?p=81, http://rechte-jugendbuende.de/?cat=5

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