Offener Brief an die Antispe Tübingen in Sachen Peter Singer und Freunde

Werte Antispe Tübingen,

dass ihr auf eurer Homepage für meine Veranstaltung zur Kritik der Anthroposophie am Mittwoch, 2. November, in Tübingen Negativ-Werbung macht, ist ja besser als gar nichts. Euch Dank zu sagen, wäre gleichwohl übertrieben, weil ihr mich zum einen auf der Grundlage trüber Quellen als Verleumder diffamiert und ich zum anderen eure politische Bewusstseinsspaltung nicht bestärken will.

Denn einerseits behauptet ihr eine Distanz zu dem Killerphilosophen Peter Singer und der Ehrung, die ihm im Juni zuteil geworden ist, andererseits verteidigt ihr genau die Leute, die diese Ehrung vorgenommen haben, Michael Schmidt-Salomon, den Sprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS), und Colin Goldner, der in Frankfurt die Laudatio hielt und seitdem als Koordinator des von Singer initiierten Great Ape Project fungiert.

Das ist etwa so schizophren, als würden Tierrechtler/Veganer die Metzger verurteilen, aber den Fleisch-Konsum verteidigen oder Massentierhaltung bekämpfen, aber die kapitalistische Landwirtschaft unterstützen.

Euer Eiertanz ist allerdings symptomatisch. Die Tierrechtsinitiative Rhein-Main hat erst in Frankfurt mit Singer an ihrem Infostand für den Fotografen posiert, dann das Bild wieder von der Homepage genommen und auf einer Veranstaltung zur Kritik Singers Mitte August behauptete eine Frau aus dieser Gruppe, sie wäre ja bloß zu der Ehrung gegangen, um dort kritisch mit anderen Besuchern zu diskutieren.

Ich denke, dass Tierschutz ein wichtiges Element linker Politik sein sollte, halte aber wenig von den Begriffen Tierrechte und (Anti-)Speziesismus. Darüber ließe sich streiten, bloß ganz klar sollte sein, für was Peter Singer steht und was die Giordano-Bruno-Stiftung, Schmidt-Salomon, Goldner und Gunnar Schedel vom Alibri-Verlag unterstützen: Singer recycelt ein zentrales Element der faschistischen Rassenhygiene. Seine Thesen über Personen und Nichtpersonen entsprechen in zeitgemäßer Form jenen von Binding und Hoche, die 1920 in ihrem berüchtigten Werk für die Tötung von „minderwertigen“ bzw. „lebensunwerten“ Menschen plädierten, damit große Resonanz erzielten und als Wegbereiter der NS-Verbrechen fungierten.

Von Tierrechtlern mit linkem, antifaschistischem und demokratischem Selbstverständnis (gleiches gilt für Atheisten, Säkularisten, Papstkritikern und Veranstaltern linker Buchmessen) ist darum in Worten und Taten eine klare Distanzierung ohne Wenn und Aber zu erwarten – sowohl von Singer als auch von seinen Förderern. Eine solche Haltung sollte gerade für Eure Gruppe, die sich auf den Antifaschisten Leonard Nelson bezieht, eigentlich selbstverständlich sein.

Ihr selber habt bei früherer Gelegenheit zu Recht den utilitaristischen und marktliberalen Ansatz der GBS kritisiert. Es geht allerdings darüber hinaus. Die ideologischen Affinitäten im GBS-Spektrum nach rechtsaußen sollten endlich zur Kenntnis genommen und reflektiert werden. Schmidt-Salomon Religionskritik basiert auf Nietzsches Herrenmenschen-Ansatz und sein „evolutionärer Humanismus“ auf der reaktionären, faschistoiden Soziobiologie, darum erfreut sich sogar der Nazi-Biologe Konrad Lorenz einer gewissen Beliebtheit in dieser Szene.

Und wenn Euch Esoterik-Kritik so wichtig ist, wie ihr schreibt, könntet ihr Euch fragen, wieso diese Stiftung, in deren Beirat Goldner sitzt, sich nicht beispielsweise nach Galileo Galilei benannt hat, sondern nach einem Pantheisten und Mystiker, den Esoteriker und Völkische seit über hundert Jahren feiern und der als einziger Italiener von Theodor Fritsch in seinem „Antisemiten-Katechismus“ als Kornzeuge zitiert wird.

Wenn ihr stattdessen meint, mir vorwerfen zu müssen, ich würde sinnentstellend zitieren, wäre es angemessen, selber die Quellen prüfen, statt einfach aus diversen Pamphleten aus dem Dunstkreis dieser Giordano-Bruno-Stiftung abzuschreiben.

Das gilt etwa für meine Kritik an Goldner, die sich auf seinen Beitrag „Tierrechte und Esoterik – eine Kritik“ bezieht (in: Susann Witt-Stahl, Hrsg., Das steinerne Herz der Unendlichkeit erweichen. Beiträge zu einer kritischen Theorie für die Befreiung der Tiere, Aschaffenburg 2007, S.254ff.).

In diesem Beitrag kritisiert Goldner zunächst völlig zurecht die Gruppe Universelles Leben (S.254-260), wendet sich dann dem von Dritten gegen die UL erhobenen Vorwurf des Antisemitismus zu und urteilt, dieser sei „in der erhobenen Form nicht gerechtfertigt“, auch und gerade dann nicht, wenn der Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek als Beweis herangezogen werde. Diesem seien zwar seine Auftritte „im Umfeld des UL“ anzulasten und in diesem Zusammenhang „eine unzulässige Instrumentalisierung der Judenverfolgung für die Zwecke des UL und anderer Glaubensgemeinschaften; dezidiert antisemitische Positionen lassen sich in dessen Schriften indes nicht finden“ (S.260)

Nun folgt jene Passage, auf die ich mich beziehe. Goldner schreibt: „Mynareks viel zitierte Aussage „Das schlimmste KZ bereiten wir den Tieren!“ als Relativierung der Nazi-KZs und damit als antisemitisch zu werten, trägt allenfalls zu einer Inflationierung und damit Entwertung des Antisemitismusvorwurfes bei.“ (S.260f.) Aus dieser Passage habe ich korrekt zitiert und bleibe dabei, dass die Rede von Tier-KZs eine Relativierung von Auschwitz und ein Element des sekundären Antisemitismus ist. Goldners Auslassungen erinnern an Martin Walsers berüchtigtes Wort von der „Auschwitzkeule“.

Zum Hintergrund dieser Auslassungen Goldners gehört, dass Mynarek wiederholt wegen seines Bezuges auf Jakob Wilhelm Hauer, den Chefideologen und Gründer der nationalsozialistischen Deutschen Glaubensbewegung, sowie seine Kooperation mit der Deutschen Unitarier Religionsgemeinschaft (DUR) und dem 2008 verbotenen Collegium Humanum des Weltbundes zum Schutz des Lebens (WSL) von antifaschistischer Seite kritisiert wurde, Mynarek aber in dem Blättchen Materialien und Informationen zur Zeit (MiZ) des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) in der Zeit, als Schmidt-Salomon als Redakteur fungierte, eine Plattform bekam. Goldners Intention war also, Mynarek und damit Schmidt-Salomon und die MiZ gegen diese Vorwürfe zu verteidigen.

Meine von Euch bekrittelte Kritik an Witt-Stahl bezog sich auf ihren Beitrag „Das Tier als der „ewige Jude“. Ein Vergleich und seine Kritik als Ideologie“ in dem von ihr herausgegebenen, oben bereits genannten Buch (S.279-297, daraus die folgenden Zitate).

Halbherzig und vordergründig tadelt Witt-Stahl darin zunächst den in gewissen Kreisen beliebten KZ-Vergleich, bevor sie sich linke Kritiker vornimmt. Der KZ-Vergleich würde von vielen Gegnern „gar nicht konsequent kritisiert, sondern hysterisch verteufelt, um schließlich für die Verteidigung der Schlachthofgesellschaft... instrumentalisiert zu werden.“ Das eigentliche Problem bestünde in einem „längst zur sozialen Pathologie gewucherten Philosemitismus“. Denn der Holocaust hätte sich seit Ende der 80er Jahre „zur westlichen Weltreligion entwickelt – zu einem negativen Identifikationsmodell“, wozu etwa eine „kulturindustrielle Verstümmelung“ der Shoa wie durch die „US-amerikanische Fernsehserie Holocaust“ beigetragen hätte, mit dem Resultat dass Teile der Tierrechtsszene ständig denunziert und stigmatisiert würden. Dabei habe eine Organisation wie „Peta“, so schreibt Witt-Stahl „den Holocaust lediglich als Vehikel für ein effektives Marketing benutzt.“ Die Kritiker solcher Marketingstrategien aber „moralisieren sich mit der Auschwitz- den Weg zur Gänsekeule frei“ und dabei werde „jegliche tatsächlich vorhandene phänomenale Ähnlichkeit und jede historische, technische Verbindung zwischen Vernichtungslager und Schlachthof geleugnet“ (S.297f.). In ihrer Tirade auf Kritiker des KZ-Vergleichs versteigt sich Witt-Stahl dazu, vorzurechnen, dass Israel gar nicht der Staat der Shoah-Überlebenden sein könne, weil nur vier Prozent der Einwohner Shoa-Überlebende wären.

Auch in Bezug auf diesen Text von Witt-Stahl finde ich nicht, dass ich irgendwelche Zitate sinnentstellend interpretiert habe.

Aber es geht ja nicht um die korrekte Textexegese. Die Schmähungen aus dem GBS-Spektrum gegen mich sollen von dem Skandal ablenken, dass 70 Jahre nachdem die Nationalsozialisten offiziell die Tötung von Behinderten aufgrund von Protesten einstellen mussten (aber insgeheim weiter betrieben), eine deutsche Stiftung einen Mann auszeichnet, der sich erneut anmaßt, Menschen in „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu sortieren. Indem ihr die Angriffe in eurer aktuellen Stellungnahme reproduziert, tragt ihr zu diesem Manöver bei.

Peter Bierl, 28.10.2011