Ankündigung der Vortragsreihe "Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus"

Im Folgenden sind die Ankündigungstexte einer Vortragsreihe im Epple-Haus angehängt, die am Montag, den 14.05., beginnen wird. Die Vortragsreihe "Zur feministischen Kritik" am Poststrukturalismus wurde mit dem Ziel initiiert, der postmodernen Ideologie der "Diskursivität", "Konstruktion" und "Dekonstruktion" entgegenzutreten, um die nicht nur bürgerlichen, sondern damit auch notwendigerweise androzentrisch-männlichen Denkformen poststrukturalistischer Provenienz zu kritisieren.

Daniel Späth

Vortragsreihe „Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus“

Daniel Späth, Männliche Dominanz in der linksradikalen Bewegung. Eine Kritik des postmodernen Sozialcharakters, Montag, 14.05, 20.00 Uhr im Epple-Haus.

Der Einführungsvortrag zur Reihe „Feministische Kritik am Poststrukturalismus“ wird im ersten Teil mit einem historischen Überblick über die Kategorie Geschlecht einsetzen. Entgegen der bürgerlichen Ideologie, Geschlechterverhältnisse seien eine natürliche Gegebenheit, soll versucht werden diese zu historisieren – der geschichtliche Bruch zwischen vormodernen Sozietäten und dem modernen „warenproduzierenden Patriarchat“ (Roswitha Scholz) lässt sich auch wesentlich auf der Ebene von Geschlechterverhältnissen bestimmen, weshalb die Unterschiede zwischen vormoderner und moderner Männlichkeit und Weiblichkeit rekonstruiert werden. Aus der androzentrisch-männlichen Definitionsmacht moderner Geschlechterverhältnisse ergibt sich dabei zwangsläufig die Frage eines Standpunktes des radikalen Feminismus; der sogenantte „Differenzfeminismus“ wie auch der „Gleichheitsfeminismus“ versuchten dabei auf jeweils eigene Art und Weise diese Positionierung gegen die männliche Definitionsmacht zu behaupten. Inwiefern bei beiden feministischen Strömungen Widersprüchlichkeiten zutage treten, wird im zweiten Teil des Vortrags analysiert. Dass der poststrukturalistische Feminismus diese dabei nicht überwindet, sondern im Gegenteil selbst androzentrischen Denkformen verhaftet bleibt, wird den Übergang zu einer Kritik des männlichen Dominanzcharakters bilden, wie er sich in vielen Antifa-Gruppen geltend macht. Veranschaulicht wird diese Kritik an dem unreflektierten Hedonismus weiter Teile der linksradikalen Bewegung, an ihrer Ästhetisierung wie auch an ihrem Gewaltkult.

Lars Quadfasel: Kritik des poststrukturalistischen Feminismus. Dienstag, 29.05.2012, 20.00 Uhr im Epple-Haus.

Kaum ein Linker kommt heute ohne die tiefsinnig klingende Phrase aus, diese oder jene gesellschaftliche Tatsache sei »konstruiert«. Insbesondere die Behauptung, es gäbe gar keine Geschlechter, diese seien in Wirklichkeit bloße Diskursprodukte, erfreut sich großer Beliebtheit. Was so radikal daherkommt, verdoppelt jedoch bloß, was sich unterm Kapital ohnehin vollzieht. Die geschlechtlich bestimmte Rollenverteilung – Männer kümmern sich um die Produktion, Frauen um die Kinder – ist längst in Auflösung begriffen, und der moderne Arbeitsmarkt, der auch von seinen männlichen Lohnabhängigen Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit und kommunikative Kompetenz – die klassischen ›weiblichen Tugenden‹ also – erwartet, erscheint allemal so queer wie die Party im besetzten Haus. Die eigene Leiblichkeit hingegen erscheint bloß noch als Klotz am Bein, die man am liebsten so schnell wie möglich los würde. Wenn der Poststrukturalismus der Verleugnung des Körpers einen kritischen Anstrich verleiht, hintertreibt er in Wahrheit die Kritik an den Verhältnissen. Der Schmerz, der sie gefügig macht, ist eben kein Diskurs, der verschwände, würde man nur anders drüber reden. Es ist gerade ihre Körperlichkeit, der die Menschen verletzlich macht: Dass sich das Geschlechterverhältnis so tief in die Subjekte einsenken konnte, verdankt sich gerade der Tatsache, dass sich in ihm erste und zweite Natur unauflöslich ineinander verschränken. Indem der Poststrukturalismus die Begriffe, die das zu erfassen vermöchten, verwirft, ist er, wie an Judith Butlers Theorie zu zeigen wäre, weder, wie sich manche AnhängerInnen erträumen, revolutionär noch, wie Butler selbst es meint, reformistisch – sondern bloß resignativ.

Karina Korecky: Judith Butler und die uneigentliche Erfahrung - zur Kritik des Poststrukturalismus. Donnerstag, 31.05.2012, 20.00 Uhr im Epple-Haus.

Dass die Poststrukturalisten voraussetzen, was sie kritisieren oder verwerfen, nämlich Tradition, Identität, Geschichte, Sinn und Handlungsziele, haben schon so viele Schlaumeier geschrieben, dass es kaum der Wiederholung wert ist. Das poststrukturalistische Denkgebäude fällt trotz dieses grundlegenden – und zutreffenden – Einwands nicht in sich zusammen, was vermuten lässt, dass es (wie jede andere Theorie auch) seine Evidenz nicht aus sich heraus bezieht. Dem poststrukturalistischen Denkgebäude insofern Irrtümer und logische Fehlschlüsse, gar Nicht-Übereinstimmung mit dieser oder jener und der eigenenTheorie, nachzuweisen, ist eine einigermaßen sinnlose Übung. Zu fragen wäre vielmehr nach dem „Erfahrungsgehalt dieses Denkens“ (Peter Bürger), oder anders: danach, welchem gesellschaftlichen Bedürfnis es entspricht. Für den Feminismus besteht die Attraktivität des poststrukturalistischen Denkens genau in dessen Infragestellung von Wahrheit, Subjekt und Einheit. Die patriarchale Souveränität des strahlenden Subjekts als voraussetzungsreich auf Kosten der Frauen konstituiert anzugreifen, ist ein zentrales Moment feministischer Gesellschaftskritik und darin trifft sie sich, bei allen Differenzen, mit einem den Poststrukturalismus motivierenden Impuls. Dieses Zusammentreffen wahrzunehmen, verbietet eine Form der Kritik am poststrukturalistischen Denken, die in Reaktion darauf ihrerseits bloß auf Wahrheit, Subjekt und Einheit pocht. Aus feministischer Perspektive sollte deshalb dem Poststrukturalismus nicht sein Verzicht auf die Konstatierung von Wahrheit, sondern von gesellschaftlicher Unwahrheit vorgeworfen werden. Versucht wird das im Vortrag an Judith Butlers „Doing Gender“.

Roswitha Scholz: Das Abstraktionstabu im Feminismus. Montag, 18.06.2012, 20.00 Uhr im Epple-Haus.

In den 1990er Jahren kam es in der feministischen Theorie, die nunmehr zur Gendertheorie mutierte, zu einem Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Geschlechtsneutralität theoretischer Entwürfe wurde angeprangert, sondern die Konstruktion bzw. Dekonstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit rückte in den Fokus, ungeachtet dessen, dass in androzentrischen Konzeptionen (die nach wie vor den Mainstream bilden) der Mann einfach als das Allgemeine gesetzt wird. Die frühere feministische Kritik kam nun selbst in den Ruch, das asymmetrische Geschlechterverhältnis ausgerechnet durch seine Benennung erneut zu reproduzieren. Weit bis in die 1980er Jahre hinein hatte sich frau noch im Gegensatz zur linken Nebenwiderspruchsthese zu behaupten versucht (wenngleich meines Erachtens vielfach auf problematische Weise). Nun erlebten Queer- und Genderforschung einen kometenhaften Aufstieg. Damit einher ging auch eine Hinwendung zur soziologisch-deskriptiven Analyse, deren Vertreterinnen sich mit der präzisen Beschreibung von Widersprüchen, Differenzen, Ambivalenzen, Ungleichzeitigkeiten als besonders wissenschaftlich seriös gerierten. Jede Anstrengung des Begriffs wird seither als unzulässige Zuspitzung im Grunde mehr oder minder unterschwellig des „Essentialismus“ geziehen. Eine notwendige RADIKALE Theoretisierung und Infragestellung hierarchischer Geschlechterverhältnisse, die auch im Verfall des warenproduzierenden Patriarchats im Weltmaßstab weiterhin vorherrschen, wird so unmöglich gemacht.