Tübingen: Plakatier-Aktion in Erinnerung an NSU-Opfer

In der Nacht vom 5. auf den 6. November 2012 haben Aktivist_innen in Tübingen über 50 Plakate verklebt, die an die NSU-Opfer erinnern sollen.
Die Aktion stand im Kontext des bundesweit aktiven „Bündnis gegen das Schweigen“, wenn sie auf Grund der Wetterverhältnisse auch erst einen Tag später stattfinden konnte.

Begleitend wurde folgender Text erstellt und an die regionalen Medien weitergeleitet:

»Ein Jahr nach der Aufdeckung des NSU und keine Klärung in Sicht
Die Existenz des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) wurde heute vor einem Jahr der Öffentlichkeit bekannt. Bis dahin hatten die Mitglieder des NSU sich durch die Republik gemordet ohne auf echten Widerstand zu stoßen.
Mindestens zehn Opfer gehen auf das Konto des NSU und seines UnterstützerInnen-Netzwerkes. Daneben gab es mehrere Verletzte bei Bombenanschlägen des NSU. Von den zehn Opfern wurden neun aus rassistischen Motiven ermordet, weil sie einen türkischen bzw. griechischen Migrationshintergrund hatten.
Diese Morde waren so nur möglich durch das Nichtstun der Behörden und die Ignoranz großer Teile der Gesellschaft. Denn gedeckt wurden die TäterInnen von einem Alltagsrassismus in Medien und Polizei, die von „Dönermorden” schrieben und sprachen oder Sonderkommissionen mit Namen wie „Mordserie Bosporus” oder „Aladin” einrichteten. Statt die realen TäterInnen zu verfolgen, wurden aus den Opfern selber Täter gemacht und sie in Verbindung mit einer fiktiven Mafia gebracht.
Undurchsichtig ist bis heute die Rolle der Geheimdienste. Die Einschätzung schwankt zwischen total inkompetent und eingeweiht. Immerhin hielten sich V-Leute von vier Geheimdiensten - vom Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz, Bundesamt, Bundesnachrichtendienst und Militärischen Abschirmdienst MAD - im Umfeld des untergetauchten Trios auf. Im Thüringer Neonazi-Netz, aus dem der NSU entstand, sollen die Geheimdienste sogar über 40 Spitzel verfügt haben.

Auch mit UnterstützerInnen hier in der Region
Der NSU war keine abgegrenzte Zelle von drei Personen. Die drei Untergetauchten stellten nur den Kern, der im Untergrund lebte. Der Nationalsozialistische Untergrund sei „ein Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte“, heißt es in offen einem Bekenner-Video. Nur ein Netzwerk von mehreren dutzend Personen und die Ignoranz des Staates ermöglichte für über zehn Jahre das Leben im Untergrund.
Die Spur des NSU führt dabei auch nach Baden-Württemberg. Eines der NSU-Opfer wurde hier ermordet: Am 25. April 2007 wurde die 22jährige Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn vom NSU erschossen, ihr 24jähriger Kollege Martin A. wurde schwer verletzt. Unklar sind bis heute die Motive. Es bestand aber über den Vorgesetzten von Kiesewetter, der zeitweise im rassistischen Ku-Klux-Klan Mitglied war, ein Kontakt zum NSU-UnterstützerInnen-Netzwerk.
Auch andere Spuren führen hier in die Region. Der NSU benutzte in seinen ersten Bekenner-Videos Musikstücke von der 2011 aufgelösten Nazi-Band „Noie Werte“ aus Stuttgart und Reutlingen. Die Homepage von „Noie Werte“ ist angemeldet auf deren Ex-Mitglied Andreas Graupner aus Remshalden. Ursprünglich kam Graupner aus Chemnitz und wohnte lange Zeit in Ludwigsburg. Allein Ludwigsburg ist auf der nach ihrem Untertauchen beschlagnahmten Kontakt-Liste des Trios mit vier Namen verzeichnet. Jedenfalls gilt Graupner als NSU-Unterstützer, was auch zu einer Hausdurchsuchung bei ihm führte. Graupner soll im Jahr 2000 Zeugenaussagen zufolge bei einer Schulungsveranstaltung im thüringischen Eisenberg gegenüber beunruhigten Jenaer Kameraden gesagt haben, den dreien Untergetauchten gehe es gut. Graupner produzierte als Mitbetreiber von „Movement Records” über 30 CDs von Bands, die der Organisation „Blood & Honour” nahe stehen. Mitglieder der 2002 in Deutschland verbotene Neonazi-Gruppe machten einen größeren Teil des NSU-UnterstützerInnen-Netzwerks aus. Die Nazi-Band „Noie Werte“ soll ebenfalls „Blood & Honour“ nahe gestanden haben. Besonders ihr Sänger Steffen Hammer, ein Rechtsanwalt aus Reutlingen, verfügt über gute Kontakte zur Mutter-Organisation in Großbritannien.
Hammer betrieb bis Anfang 2012 in Stuttgart eine gemeinsame Kanzlei u.a. mit der Anwältin Nicole Schneiders aus Rastatt, geborene Schäfer. Diese ist auch die Vertretung von Ralf Wohlleben. Wohlleben aus Jena hat den Untergetauchten vor rund zehn Jahren eine Schusswaffe mit Schalldämpfer nebst Munition verschafft. Wohlleben war 2002 bis 2008 stellvertretender NPD-Landesvorsitzender von Thüringen und kennt Schneiders noch von früher, als diese die stellvertretende Vorsitzende des NPD-Kreisverbands Jena war und er der Vorsitzende.
Auch als NSU-Unterstützter wurde anfangs immer wieder der ins damalige Apartheids-Südafrika ausgewanderte Neonazi Claus Nordbruch benannt. Dieser ist ein wichtiger Autor im extrem rechten Grabert-/Hohenrain-Verlag mit Sitz in Tübingen. Jedenfalls beherbergte Nordbuch im Jahr 2000 auf seiner Farm Thüringer Neonazis zum Schießtraining.
Der NSU ist also nicht auf ein ostdeutsches Problem zu reduzieren. Die Verflechtungen des NSU-UnterstützerInnen-Netzwerks sind vielfältig und betreffen auch Baden-Württemberg. Statt das zu ermitteln, jagte die hiesige Polizei lieber aus ihrem Rassismus geborenen Phantomen hinterher. Nach dem Mord an ihrer Kollegin sprachen sie z.B. von einer „heiße[n] Spur ins Zigeunermilieu“.«

NSU-Opfer.Erinnerung.jpg