Sozialdemokraten mit Bändel auch in Tübingen

Die parteipolitische Anbindung der Studentenverbindungen in Tübingen ist ausgezeichnet. Jedes Semester treten hohe Partei-Funktionär*innen auf den Häusern von Tübinger Korporationen auf. So mancher dieser Referenten war sogar selber in seiner Studiums-Zeit in einer Verbindung aktiv.
Beispielsweise sprach der parteigrüne Oberbürgermeister bereits wiederholt vor Korporierten und die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung veranstaltete dieses Semester bei der Burschenschaft Germania Tübingen am 10. April einen Vortrag mit Dr. Reinhard Erös, Oberstarzt a.D. der Bundeswehr, zum Thema „Afghanistan nach dem Abzug der NATO – Beginn oder Ende eines Albtraums?“. Ein ähnlich gutes Verhältnis gibt es in Tübingen offenbar auch zwischen den Verbindungen und der SPD bzw. ihrer Jugendorganisation, den JuSos. Während anderswo die JuSos sich kritisch gegenüber Studentenverbindungen positionieren, richteten sie in Tübingen eine gemeinsame Veranstaltung mit Studentenverbindungen aus. Als Brücke diente dabei der sozialdemokratische „Lassalle-Kreis“, der anfangs noch als „Arbeitskreis sozialdemokratischer Korporierter“ (AKSK), auftrat. Hierbei handelt es sich um einen im Juni 2006 gegründeten außerparteilichen Kreis von korporierten SPD-Mitgliedern. Die Gründung war eine Reaktion auf die zunehmende Kritik am Verbindungswesen innerhalb der SPD, die in einem Unvereinbarkeitsbeschluss von SPD-Mitgliedschaft und einer Mitgliedschaft in der „Burschenschaftlichen Gemeinschaft“ als Beschluss gipfelte. Linke JuSos hätten sogar gerne eine Unvereinbarkeit mit Mitgliedern aus allen Verbindungen gesehen. Das weckte diverse Sozialdemokraten mit korporierten Hintergrund und führte sie zusammen. Sich selbst sieht dieser Kreis korporierter Sozialdemokraten wie folgt: „Wir sind ein bundesweiter Interessenverband, der Hochschulorte vernetzt, sozialdemokratische Ideen in konservative Milieus trägt und in der politischen Mitte um neue Parteimitglieder für die SPD ringt.“
Auffällig ist, dass die Sozialdemokraten mit Bändel fast alle dem rechten Flügel der SPD zuzuordnen sind. Der AKSK taufte sich bald in Lassalle-Kreis um, um damit an den sozialdemokratischen Ahnherren Ferdinand Lassalle zu erinnern, der ebenfalls Mitglied in einer Studentenverbindung war. Die Burschenschaften haben ihren Ernst-Moritz Arndt und den 'Turnervater' Jahn und die SPD-Korporierten Ferdinand Lassalle. Woran aber bei soviel Traditionsbewusstsein nicht erinnert wurde, war der Umstand, dass der jüdischstämmige Lassalle auch ein Judenfeind war. So schrieb Ferdinand Lassalle 1860 in einem Liebesbrief an Sophie Sontzeff: „Ich liebe die Juden gar nicht, ich hasse sie sogar ganz allgemein. Ich sehe in ihnen nichts als die äußerst entarteten Söhne einer großen, längst vergangenen Zeit. Diese Menschen haben in den Jahrhunderten ihrer Versklavung die Eigenschaften von Sklaven angenommen, und deshalb bin ich ihnen so unfreundlich gesinnt. Ich habe auch keinerlei Berührung mit ihnen. Unter meinen Freunden und in der Gesellschaft, die mich umringt, gibt es fast keinen einzigen Juden.“

In Tübingen existiert ein lokaler Ableger des Lassalle-Kreis und mit dem Rechtsanwalt Andreas Hornung, der u.a. stellv. Vorsitzender der Ehinger SPD war, lebt sogar der Ansprechpartner des Lassalle-Kreis in Tübingen. Hornung ist nicht nur Sozialdemokrat, sondern auch „Alter Herr“ der Tübinger Verbindung A.V. Guestfalia im katholischen Cartellverband. Die Mitgliedschaft in der Guestfalia ist auf männliche Katholiken beschränkt.
Der Lassalle-Kreis richtete in Vergangenheit bereits mindestens drei Veranstaltungen in Tübingen aus:
* Am 11. September 2010 fand in Tübingen eine Tagung des Lasalle-Kreis, einem korporierten Netzwerk in der SPD, zum Thema „Vision Europa“ auf dem Tübinger Schloss mit 25 Teilnehmern statt. Der Referent Klaus Hänsch, Ex-Präsident des Europäischen Parlaments und „Alter Herr“ des Corps Silingia Breslau zu Köln, verlangte einem Presse-Bericht zufolge die „Führung“ Deutschlands in der EU.
* Am 17. Januar 2013 veranstaltete der Lassalle-Kreis einen Vortrag mit dem Thema „'Brüder zur Sonne zur Freiheit' - Ferdinand Lassalle und die Sozialdemokratie im Kaiserreich“ in Tübingen. Es referierte Dr. Braun von der Stiftung „Reichspräsident-Ebert-Gedenkstätte“. Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit den Tübinger Jusos und der örtlichen Juso-HSG organisiert.
* Der Lassalle-Kreis lud am 23. November 2013 hochrangige SPD-Politiker nach Tübingen ein, um über die Koalitionsverhandlungen und den bevorstehenden Mitgliederentscheid zu diskutieren. Es kamen Christian Böttcher (Mitglied des Bundesvorstands), Michaela Engelmeier-Heite (Parteivorstand) und Martin Rosemann (Tübinger SPD-Abgeordneter).

Das die Veranstaltung am 17. Januar letzten Jahres in Kooperation mit den Tübinger JuSos und der örtlichen JuSo-HSG stattfand ist bezeichnend. Offenbar gibt es bei den hiesigen JuSos keine Kritik am System Studentenverbindung, die über die Distanzierung gegenüber den äußersten Rechtsauslegern des Verbindungsmilieus hinausgeht. Das macht der Lassalle-Kreis auch, der sich anfangs noch vorsichtig, später stärker von der „Deutschen Burschenschaft“ distanzierte.
Eine Kritik an dem männerbündischen Prinzip, dem Elite-Geist und den Seilschaften, korporierter Geschichtsverfälschung usw. bleibt so natürlich auf der Strecke.

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