Ein Soziales Zentrum in Tübingen?

Am Montag berichtete das Schwäbische Tagblatt von einer Party in einem leerstehenden Haus in der Eisenbahnstrasse, bei der 500 Menschen gefeiert hätten. Was aus dem Artikel nicht hervorgeht: Das Haus wurde anschließend nicht geräumt, sondern wird seit dem für eine weitere Nutzung hergerichtet. Vor Ort wird die Formulierung "Besetzung" gemieden und stattdessen eher von "Zwischennutzung" gesprochen, auf dem Dach weht aber immerhin eine schwarze Fahne mit einem "N" im Kreis, das Symbol der (fast schon tot geglaubten) Squatter-Szene. Offensichtlich haben hier bislang auch jede Nacht Leute geschlafen.

Prinzipiell sei das Haus durchgehend offen, hieß es auf dem Plenum der Nutzer_innen am Montagabend und es gibt auf jeden Fall für jede_n etwas anzupacken. Der größte Raum ist bereits warm und gemütlich hergerichtet, seit der Party wurden hier v.a. Experimental- und Dokumentarfilme gezeigt, anschließend läuft Musik. Andere Räume wurden zum Schlafen genutzt, manche sind noch recht verdreckt und in einigen riecht es noch arg nach Sprühlack. Es gibt Wasser und Strom, zwei der drei Toiletten funktionieren einigermaßen, könnten aber besser ausgestattet sein. Ausbaufähig ist auch der Raum, der offensichtlich mal als Küche dienen soll. An der Wand hängt eine Papierbahn, auf der der weitere Bedarf eingetragen wird. "Wir brauchen: Seife, Sofas, Putzmittel ..." Keine Frage: Das Haus hat Potential, als Soziales Zentrum oder ähnliches, auch wenn es nach jetzigen Plänen bald abgerissen wird.

Über die weiteren Pläne sind sich auch die Teilnehmer_innen des Plenums am Montagabend noch nicht ganz klar. In einem offenen Brief, der ausliegt und dem Eigentümer, der Firma Kemmler, zugestellt werden sollte, heißt es, man werde sich dem Abriss nicht entgegenstellen, sei gewaltfrei und dialogorientiert. Es wird diskutiert, ob man gleich anbieten soll, die Nebenkosten selbst zu zahlen oder das eventuellen Verhandlungen überlassen soll. Wer diesen Brief verfasst hat, wer von Anfang an dabei war oder erst später dazugestoßen ist, bleibt unklar. Prinzipiell sei das Haus immer offen, wird beschlossen, aber auch darauf hingewiesen, dass man morgens vielleicht nur auf vereinzelte verschlafene Leute stößt und nicht gleich mitbekommt, wer hier welche Rolle spielt, was es zu tun gibt und so weiter. Deshalb wird auch beschlossen, dass es jeden Abend um 18:00 Uhr ein "Programmplenum" geben soll, wo Veranstaltungs- und Nutzungsvorschläge diskutiert werden können und besprochen wird, was unmittelbar ansteht. Am Donnerstag dann soll ein großes "Perspektivenplenum" stattfinden, wo es auch um (etwas) längerfristige Planung und das Verhalten in möglichen Verhandlungen über die Zwischennutzung gehen soll. Anschließend wird es dann einen Workshop zu Kapitalismuskritik geben und womöglich wird die Hausbar des Wohnprojekts LU15 samt VoKü hierhin verlegt. Für Dienstag Abend (heute, 2. Dezember) wurde ein Konzert angedacht aber nicht bestätigt. Ansonsten wird es bis Sonntag zumindest jeden Abend Filme geben und am Freitag Nachmittag ein Puppentheater für Kinder und Familien. Weitere Workshops, etwa zur Geschichte der Hausbesetzungen in Tübingen und zur Gründung eines AK "Programmzeitschrift" sind zumindest angedacht und für Vorschläge ist man offen.

Kommt vorbei, bringt Euch ein oder haltet Euch zumindest hier auf TueInfo auf dem Laufenden. Womöglich entsteht in Tübingen gerade ein Soziales Zentrum - zumindest jedoch ein temporärer Freiraum mit großem Potential. Stadtauswärts befindet sich das Gebäude auf der linken Seite recht alleinstehend auf dem Gelände des alten Güterbahnhofes, auf dem ein neues Stadtviertel entstehen soll. Ihr erkennt es an der Fahne auf dem Dach und erreicht die Räume am besten über die Wendeltreppe.