Unsichtbares Theater am 12. Dezember auf dem Tübinger Weihnachtsmarkt

Am Nachmittag des 12. Dezember wurde in Tübingen von pro-refugee-Aktivist*innen ein unsichtbares Straßentheaterstück inszeniert. 'Unsichtbar' heißt in diesem Zusammenhang, dass die Passant*innen anfangs nicht wussten das sie Teil einer Aufführung waren.
Sechs Personen in Weihnachtsmann-Kostüm errichteten am Zugang zum Weihnachtsmarkt oberhalb des Rathauses eine Grenze aus Maschendraht. Zusammen mit weiteren Aktivist*innen wurden Fußgänger*innen darauf kontrolliert, ob sie auch wirklich aus Tübingen kommen, da der heimische Weihnachtsmarkt von Menschen aus anderen Städten hoffnungslos überflutet sei. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hatte ja bereits verkündet, dass die Obergrenze erreicht sei.

So kontrollierten Weihnachtsmenschen und Unterstützer*innen den Zugang zum Weihnachtsmarkt. Dies geschah durch Ansprache und gezielte Fragen wie „Wer ist der Tübinger Oberbürgermeister?“, die nur echte Tübinger*innen beantworten konnten.
Einzelne Fluchthelfer*innen halfen 'fremden' Weihnachmarkt-Besucher*innen immer wieder die Grenze zu durchbrechen. Ausnahmen wurden auch bei Fachkräften gemacht.
Ein verteiltes Programm zum Stück enthielt sowohl die offizielle Begründung auf der Vorderseite als auch die inoffizielle Auflösung der Satire-Aktion.
Ein Megafon verkündete beständig: „Die Obergrenze ist erreicht!“ oder „Der Weihnachtsmarkt ist voll!“ und am Ende wurde noch die Auflösung verlesen und alle Beteiligten riefen: „Refugees welcome!“
Gegen Ende tauchte dann auch noch die Polizei auf, die aber gleich in das Stück mit eingebunden wurde. Die kontrollierenden Weihnachtsmänner und -frauen verwiesen immer wieder auf die offiziellen Autoritäten, die sie ja ganz offensichtlich unterstützen würden.
Zwar ließ sich ein Polizist zu dem Ausruf „Die Mauer muss weg!“ hinreißen, aber es wurde eine Frist gesetzt bis zu der die Aktion beendet sein müsste. Da die Flyer größtenteils verteilt waren, wurde die Grenze einige Minuten später gestürmt und niedergerissen.

Insgesamt waren knapp 20 Personen an dieser Aktion beteiligt, die etwa 45 Minuten dauerte. Es wurden 600 Flyer verteilt und ein anwesender Journalist porträtierte die Aktion in einem Artikel für das „Schwäbische Tagblatt“.
Leicht irritierend war das die ganz offensichtliche Satire manchmal auch von Erwachsenen nicht verstanden wurde und es vereinzelt sogar begrüßt wurde den Weihnachtsmarkt nur für Tübinger*innen zu öffnen.
Andererseits war viel Zustimmung zu spüren und eine Person schloss sich sogar spontan der Aktion an und verteilte Flyer.
Eine schöne Aktion mit Außenwirkung, die vielleicht in anderen Städten wiederholt werden kann. Schließlich gibt es ja auch andernorts noch Weihnachtsmärkte, die von 'Fremden' überflutet werden. Dem sollte eine Grenze gesetzt werden! ;-)

Hier die zwei Texte, die im Rahmen der Aktion in Form von Straßentheaterprogrammen verteilt wurden (Vorder- und Rückseite):

VORDERSEITE
Sehr geehrte Weihnachtsmarktbesucher_innen von außerhalb,
 
wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie diesen Weihnachtsmarkt nicht betreten dürfen. Der Zugang ist in diesem Jahr Tübinger_innen vorbehalten. Jahr für Jahr strömen mehr Menschen auf diesen kleinen Weihnachtsmarkt. Aufgrund der daraus resultierenden Überlastung hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) erklärt: „Wir schaffen das nicht!“
 
Um Ressourcen zu sparen sollen in diesem Jahr nur noch echte Tübinger_innen den Weihnachtsmarkt betreten dürfen. Alle anderen müssen leider draußen bleiben. Zivilbeamte (z.T. in Weihnachtsmann-Uniformierung) werden verdachtsunabhängige Passkontrollen durchführen, um diese Neuerung druchzusetzen. Alle, die nicht wie echte Tübinger_innen aussehen, werden gezielt angesprochen, kontrolliert und bei nachgewiesener Nicht-Ansässigkeit in Tübingen, der Innenstadt verwiesen.
 
Sie können gerne die Weihnachtsmärkte in Ihrer Heimat besuchen, die ja auch viel näher liegen, als Nicht-Tübinger_in sind Sie aber leider nicht berechtigt einfach hier her zu kommen. Wir möchten Sie bitten, in Ihrer Heimat zu bleiben und die heimische Wirtschaft zu unterstützen. Für Tübingen jedenfalls gilt: die Obergrenze ist erreicht.
 
Mit bedauernden Grüßen,
 
die Universitätsstadt Tübingen
 
RÜCKSEITE
Sehr geehrte Weihnachtsmarktbesucher_innen,
 
wie hat sich diese, natürlich satirisch gemeinte Theateraktion für Sie angefühlt? Haben Sie sich ausgeschlossen gefühlt oder waren vielleicht nur genervt von der Verzögerung? Können Sie sich vorstellen, wie Menschen sich fühlen, die an Europas oder Deutschlands Grenzen oder in einem Abschiebelager ausharren müssen, in Ungewissheit, was als nächstes passiert?
 
Leider beruht unser Spielen nämlich auf wahren Begebenheiten, so verkündete Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, schon mehrfach: „Wir schaffen das nicht!“ und fordert auf dieser Grundlage mehr Abschiebungen und eine Obergrenze bei der Aufnahme von Geflüchteten, so dass mehr Menschen an Deutschlands Grenzen und den Außengrenzen der EU abgewiesen würden.
 
Für seine Position erhielt Palmer einen – ehrlich verdienten – ausgiebigen Applaus von rechts. Die rechtspopulistische AfD forderte ihn sogar zu einem Übertritt in ihre Reihen auf. Boris Palmer ist dabei ein Teil einer Bewegung, die eine Obergrenze fordert und von der AfD bis zur CSU reicht. Argumentiert wird mit scheinbaren Sachzwängen, wie mangelnde Integrationsmöglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und zu wenig Geld für die Unterbringung. Dass solche Probleme gelöst werden könnten, wenn finanzielle Prioritäten verschoben werden würden, verschweigt Palmer dabei. So wird Deutschland im Jahr 2015 Militärausgaben von mehr als 37 Milliarden US-Dollar haben, dass bei diesem Etat das Geld für Menschen fehlen soll, die nach Deutschland fliehen, mutet sehr zynisch an. Außerdem zeigen sich nun auch stärker die Folgen eines Jahrzehnte lang vernachlässigten sozialen Wohnungsbaus und einer Steuerpolitik zugunsten von Reichen. Dem kann aber nicht mit einer Obergrenze für Geflüchtete begegnet werden, schließlich verkündete sogar das Bundesverfassungsgericht in einer Pressemitteilung: „Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren“.
 
Mit seiner Politik repräsentiert Palmer leider auch was auf europäischer Ebene passiert: Europa schottet seine Außengrenzen ab und viele Menschen sterben bei dem Versuch ein besseres Leben zu führen, nur weil sie zufällig keinen Pass eines EU-Landes haben. Wenn Menschen auf legalem Wege einreisen könnten, würde das nicht passieren. Niemand würde sterben oder wäre im Winter in Lagern gefangen.
 
Wir fordern deshalb, dass alle Menschen das Recht haben zu bleiben und zu gehen wohin sie wollen! Stop deportations! Solidarity with Refugees!

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