Auf den Sozialismus warten und Cola trinken

Die Tübinger Falken luden am 5. Juli 2017 in der Schellingstraße ein zur Diskussion über den in Mode gekommenen „bewussten“ Konsum und dessen Potenzial zur Veränderung der Produktionsweisen. Ihr überraschendes Fazit: Der Kapitalismus ist Schuld. Warum wir weiterhin darauf achten sollten, wem wir unser Geld geben, obwohl sie recht haben, wollen sie nicht wissen. Zusammenfassung einer Werbeveranstaltung.

Der Bio-Hipster scheint eine bedrohliche Plage geworden zu sein. Samstags schiebt er sich in Lederschuhen vom Schuhmacher und fair-trade Hemd durch die schicken Gänge des Alnaturas, wo er Bio-Oliven und Vollkorn-Süße Stückle einkauft, deren Preis wie Blei auf dem Unterkiefer eines schwäbischen Arbeiters wirken würde. Unter der Woche kommt er stets pünktlich und ist beliebt am Arbeitsplatz, meist eine Stelle als gehobener Angestellter, Lehrer oder in anderen Positionen, die ihm seinen moralischen Ablassbrief in Form der meist teureren ethisch vertretbaren Produkten ermöglichen. Weitere politischen Aktionen zur Verringerung der Ungerechtigkeit in der Welt hält er für sinnlos oder überflüssig. Von außen sieht man ein grün gestrichenes Zahnrädchen oder gar einen überzeugten Kapitalisten, der mit Kraft der Nachfrage den ganzen Markt ändern möchte.

Die Gefahren die eine solche selbstgerechte Moral, ein solches utopieloses revolutionäres Verständnis - die Macht des Menschen auf seine Kaufkraft reduziert - unweigerlich mit sich bringen, liegen auf der Hand. Und gerade in grünen, akademischen Hochburgen wie Tübingen, in denen der relativ hohe Lebensstandard und Freiräume der linken Szene zu einem luxuriösen Leben einladen, das einiges an revolutionärem Potenzial verschluckt, ist der „Revolution!“-schreiende Systemkritiker einer der sympathischsten Störenfriede. Die Antriebsfedern der menschlichen Entwicklung sind stets die Menschen, denen der aktuelle Fortschritt, mit dem Blick auf ferne Utopien, nie genug sein kann.

Denn die fundamentalen Kritikpunkte der Falken stimmen: Auch mit einer noch so bewussten, gut gemeinten Kaufentscheidung wird nichts geändert am System des Wirtschaftens, dass wir mit Geld für unsere Leistungen bezahlen müssen und somit der Wohlstand weiterhin ungleich verteilt sein wird. Da den besser Verdienenden berechenbar mehr Konsumenten Macht zukommt, ist es besonders wichtig, dass die gering Verdienenden ihre Interessen auf anderen Wegen, beispielsweise durch die parlamentarische Politik, autonome Strukturen und revolutionäre Aktionen, durchzusetzen wissen.

Durch den Wohlstandsvorsprung drängt sich einem Menschen mit Herz das Bedürfnis auf, solidarisch zu Handeln

Dass dieser Kampf nach oben geschehen muss, steht außer Frage. Doch durch den relativen Wohlstandsvorsprung, den jeder Geringverdiener und selbst Student wahrnimmt, der sich auf seiner Reise durch die Länder außerhalb der weißen Industrienationen unverschämt viel leisten kann, drängt sich einem Menschen mit Herz und Verstand das moralische Bedürfnis auf, praktisch solidarisch zu Handeln und die Misere zumindest nicht zu verschlimmern. Andere verspüren diesen Drang solidarisch zu Handeln auch gegenüber den Kindern zukünftiger Generationen und entscheiden sich für Bioprodukte und andere nachhaltige Alternativen. Und wieder Andere solidarisieren sich auch mit unseren (tierischen) Mit-Erdenbewohnern und entscheiden sich für einen vegetarischen oder veganen Lebensstil, um sich hier nicht zu Mittätern zu machen.
Und die gute Nachricht dieses Aufsatzes soll sein: Dies ist möglich. Die Nachfrage ist im derzeitigen System eine verändernde Macht, und diese kann man sich zunutze machen.

In der Tradition vieler sozialistischer Denker geben die Falken an, nicht die Politik sondern die politische Ökonomie zu kritisieren. Doch wie gut verstehen sie eigentlich, was sie da kritisieren?

In der Diskussionsrunde wurden die Referenten mehrmals gefragt, ob sie der Nachfrage gar keine Macht einräumten, worauf nach einer Weile zugegeben werden musste, dass eine geringe Macht, im Falle großer Beteiligung, durch die Wahl beim Einkaufen ausgeübt werden könne. Scheinbar verschwindend gering. Aus dem Publikum kam ein Beispiel: der Babymilchskandal von Nestlé, bei dem ein großer Boykott Nestlé dazu bewegte, ihre betrügerisches Abhängig-Machen von afrikanischen Müttern zu unterlassen. Schlau argumentierten sie, dass der Konzern Nestlé immer noch existiert, und noch heute fragwürdige bis kriminelle Produktionsformen praktiziert. Sicher ist hieran die Gesetzeslage, besonders in den, durch Freihandelsabkommen und West-gestützte Korruption in Schach gehaltenen Ländern der Produktion, sowie das kapitalistische System schuld. Aber eben auch jeder, der den Konzern entgegen seinem besseren Wissen mit Geld unterstützt.

„Dann könnte man das Geld auch einfach spenden“

Daraufhin wurde die Diskussion immer verbissener und festgefahrener. Die Argumente wiederholten sich. Man konzentrierte sich auf die Einhalt gebietende Konsumenten-Macht und falsche Siegel. Boykotte des einen Konzerns förderten den wenn nur minimal besseren Konkurrenten(1), die Bio-Siegel seien gefälscht oder viel zu lax – und, unbemerkt von den Meisten, befand die Diskussion sich plötzlich in einem Gefilde, in dem eigentlich hätte erörtert werden können, wie welcher Konsum tatsächlich die gewünschten Effekte hervorrufen kann. Von der bewussten Förderung von beispielsweise zapatistischen Kaffee-Kooperativen und kleinen Bio-Bauernhöfen sagten sie nur: „Dann könnte man das Geld denen auch einfach spenden“, beziehungsweise: „Da arbeitet der Bio-Bauer dann viel mehr, als er es konventionell müsste. Die ganze Familie mit dabei. Für seine Ideale muss der dann wieder auf ganz viel verzichten.“ Nicht im Interesse der selbst-erklärten Sozialisten. Man wollte ja über Alternativen, über den Weg in den Kommunismus reden.

Denn darum ging es offensichtlich: für ihren Weg zu werben. Dabei ist jedoch nur das Ziel klar, den Weg konnten sie uns nicht weisen. Nur führte er eben nicht an der Kasse vorbei. Die Revolutionstrommel war ihnen scheinbar zu abgedroschen. Doch dass eine veränderte Einstellung zu Arbeit dazu gehöre, deuteten sie dennoch an. Aus dem Publikum kam dann auch gleich ein Erfahrungsbericht: Ein Informatiker hatte von einem Zulieferer der Rüstungsindustrie zu einem kleinen ausschließlich zivilen Betrieb gewechselt. Aus idealistischen Gründen. Da der neue Betrieb weniger zahlt, gehe er jetzt seltener in den Bioladen. Das fanden die Falken gut. Der Witz: weniger (Bio-)Brötchen für seine Arbeitszeit zu bekommen, aber dafür das bessere Gewissen zu haben, die Welt weniger zu belasten – das kennen wir doch?! Richtig, vom bewussten Konsum!

„Am liebsten würde ich die ganze Zeit konsumieren“

In privaten Gesprächen vor und nach der Veranstaltung, auch mit dem Referenten selbst, entpuppt sich genau dieser Verzicht-Gedanke, als dass, was am bewussten Konsum angegriffen werden soll. „Dass die Arbeiter nun wieder für die Schandtaten der Kapitalisten zahlen sollen, akzeptieren wir nicht“, beschwert sich ein Philosophiestudent. „Der Kommunismus ist die Organisationsform in der von allem genügend für alle da ist“, erklärt er. Das überrascht. Zumindest alle, die dachten der Kommunismus sei nur die Organisationsform, in der alle den selben Zugang zu allen Gütern haben, ungeachtet ihrer Arbeit, ihres Erbes oder sonstigen Privilegien. So wünschenswert das schon ist: Im Kommunismus nach seiner weniger bekannten Definition müsste keiner mehr auf irgendwas verzichten. Fast zu schön um wahr zu sein. Der Weg dahin, wurde uns auf der Veranstaltung leider auch nicht gewiesen.

Menschen der strengen Moral, die sich wie oben ihres Wohlstands bewusst sind, und praktische Wege suchen um ihrer Solidarität Ausdruck zu verleihen, kann der Ekel schon mal packen, wenn das egoistische Bedürfnis so sehr vor das moralische gestellt wird. „Am liebsten würde ich die ganze Zeit konsumieren“, erklärt sich dieser Philosophiestudent, der, was er betont, nicht zu den Falken gehört, aber viel Freizeit mit ihnen verbringt, da sie doch einiges verbindet. Die Fast-oder-doch-Genossen stehen mittlerweile auf, finden nichts am Gespräch des Kritikers, der ihre Meinung nicht teilt.
Der Unabhängige gleicher Gesinnung gibt sich noch etwas Mühe: „wir wollen die Leute nicht zum Verzichten überreden. Wir wollen, dass sie mehr fordern.“

Sollte der Kommunismus erreicht werden, bevor alles im Überfluss da ist, müsste ein autoritärer Staat dem Egoismus Einhalt bieten

Und tatsächlich trifft das den Punkt des scheinbaren Dilemmas, das verständige Menschen der unteren Mittelschicht in überwiegend weißen Nationen trifft: von der Industrialisierung und der globalisierten Weltwirtschaft profitiert man weit mehr als das Gros der Menschheit. Die folgen von Ressourcen- und Arbeitsausbeutung, von Umweltzerstörung und Klimawandel, treffen Menschen auf anderen Kontinenten viel härter. Beispielsweise die Bewohner Ostafrikas, wo sich gerade die größte Hungersnot seit 60 Jahren abspielt. Sicher sind hier besonders „die da oben“ verantwortlich, die, die sich Spekulationen auf Nahrungsmittel, Landgrabbing und all die Schweinereien leisten.(2) Und Nestlé verdient wieder kräftig mit.(3) Und wieder können wir, die Ausgeschlossenen vom internationalen Devisenmarkt, die wir unser täglich Brot (und KitKat, und Videospiele, und Fernreisen ….) verdienen müssen, wenig dafür – und wenig dagegen tun. Vielleicht etwas spenden. Oder die Konzerne boykottieren. Oder die Revolution ausrufen.

Ich persönlich, möchte keinesfalls irgendjemanden an der Ausführung eines welchen Wegs auch immer hindern. Gerne bin ich an jeder gut geplanten, vertretbaren revolutionären Aktion beteiligt. Die Utopie der Falken liegt mir nicht so ferne. Doch sollte der Kommunismus erreicht werden, bevor alles für alle im Überfluss da ist, dann müsste ein autoritärer Staat dem Egoismus Einhalt bieten - oder die Menschen ein verständiges Bewusstsein für die Knappheit der Güter haben, und bewusst solidarisch teilen. Vielleicht ist der bewusste Konsum nicht der Königsweg dahin, aber zumindest eine gute Vorbereitung des menschlichen Denkens zu dieser solidarischen Welt.

Fußnoten:
(1) Wie Nestlés Konkurrent Unilever nach einer Greenpeace Kampagne den Ankauf von Palmöl aus frisch gerodetem Urwald einstellt, Nestlé aber nicht, hat das österreichische Forum whywar hier zusammengefasst. Keinesfalls soll der Eindruck vermittelt werden, Nestlé wäre der schlimmste Global Player, oder Unilever ein vertrauenswürdiger Konzern. Es geht darum, dass bestimmte Praktiken innerhalb der Kapitalismus durch die Kaufentscheidung gestoppt oder gefördert werden können. http://www.whywar.at/e3yj462k

(2) Dazu ein Interview mit Jean Ziegler, UN-Sonderberichtserstatter und Vizepräsident des UN-Menschenrechtsrat: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/jean-ziegler-im-gespraech-nahrungsmittelspekulation-ist-ein-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit-1.1469878

(3) Der neueste Boykott-Aufruf, gegen den größten Nahrungsmittelhersteller der Welt, zielt auf dessen Machenschaften in der von Hunger geplagten Gegend ab: https://netzfrauen.org/2017/04/12/aethiopien-Nestlé/