Block Black Friday 24.11.17 - Aktionswoche zur Unterstützung der Streikenden bei Amazon

24.11.2017 00:00
24.11.2017 23:59

Seit fast vier Jahren kämpfen Beschäftige bei Amazon für die Anerkennung ihrer Forderungen gegenüber der Unternehmensleitung. Längst geht es dabei nicht mehr nur um wenige Euro mehr Lohn, die ein Tarifvertrag absichern würde, sondern um krankmachende Arbeitsbedingungen, entwürdigende Kontrolle und die Respektlosigkeit des Managements.

Mit einer Aktionswoche rund um den Black Friday am 24.11.17 (Amazons internationalem Schnäppchen-Tag) wollen wir die kämpfenden Belegschaften unterstützen. Am Black Friday wollen wir die Wirkung vorweihnachtlicher Streiks durch die Blockade eines Amazon-Standorts verstärken. Das Innenstadt-Verteilzentrum im Berliner Kudamm-Karree garantiert eine Zustellung der dort lagernden Produkte innerhalb von zwei Stunden (für Prime-Kunden sogar innerhalb einer Stunde). Eine in den engen Seitenstraßen durchaus angreifbare Garantie! Solidarische Amazon-Kund*innen schicken in dieser Woche vermehrt (versandkostenfreie) Bestellungen ab und wieder zurück und legen den Retouren solidarische Botschaften an die Belegschaft bei. Ob es auch zur Blockade von Amazons Webseite kommt, wissen wir nicht. Weitere solidarische Störaktivitäten sind jedoch zu erwarten.

Die Despotie der panoptischen Fabrik

Leistungsverdichtung und körperliche Langzeitschäden prägen die Arbeitssituation in den Fullfilment-Center (FC) genannten Werken. Amazons lernende Lagersoftware gibt Tempo und Ablauf aller Arbeitsschritte vor und übernimmt damit die „Steuerung“ der Beschäftigten, die zu senso-motorischen Werkzeugen reduziert werden: Sie erkennen Signale, scannen Waren, greifen, heben, schieben, laufen – 20 km pro Tag, 200 Päckchen jede Stunde. Algorithmen erfassen zugleich alle Bewegungsprofile und erledigten Arbeitsschritte, erstellen individuelle Leistungsprofile und kollektive Durchschnittsproduktivitäten, die den Arbeitenden als vermeintlich objektive Anforderungen entgegentreten – eine panoptische Fabrik, in der die vollständige Erfassung und Bewertung zu psychischem Druck und Stress führt. Verstärkt wird der Leistungsdruck durch den strategischen Einsatz von befristet Beschäftigten in strukturschwachen Regionen, die in Aussicht auf eine Festanstellung die Leistungsvorgaben übertreffen müssen. Mit dieser willigen Reservearmee wird bewusst ein Disziplinarregime eingesetzt, das Angst vor sozialem Abstieg mit innerbetrieblichem Wettbewerb verknüpft.

Zur Bekämpfung des überdurchschnittlich hohen Krankenstandes von bis zu 20% führte Amazon an einigen Standorten eine „Anwesenheitsprämie“ ein – nicht für jede Mitarbeiter*in einzeln sondern in Teambewertung. Abteilungen, die in der Summe weniger Krankheitstage auf dem Negativkonto haben, erhalten einen Bonus von 70-150 Euro je Mitarbeiter*in monatlich. Das ist nicht nur Gift für das Arbeitsklima. Es negiert auch Krankheit als normalen Bestandteil des (Arbeits-)Lebens insbesondere in Folge einer monotonen und einseitigen Arbeitsbelastung.

Die verdrängte Gewalt des digitalen Kapitalismus

Amazon ist stilprägend für die Gewalt eines neuen Produktionsmodells, in dem intelligente Informationstechnologie zur effektiveren Unterwerfung menschlicher Arbeit genutzt wird, um neue Wachstumspotentiale zu erschließen. Wir sind Zeuge, wie die Vierte Industrielle Revolution und das Internet der Dinge über lange Zeit grundlegend die Art, wie wir Arbeiten und Leben verändern werden – sei es im digitalen Update der industriellen lean-production, in der standardisierten Berechnung medizinischer Behandlungsroutinen oder in der Organisation prekärer Arbeitsverhältnisse auf den Crowdworking-Plattformen.

Was in den Erzählungen mancher Stichwortgeber nach dem historischen Projekt einer wissensbasierten und kreativen Arbeitswelt klingt, stellt sich jedoch als weitere Enteignung des Produktionswissens derer dar, die im Maschinenraum des smart capitalism durch ein algorithmisches Nervensystem zur Ausübung von de-qualifizierten und sozial entsicherten Tätigkeiten gesteuert werden oder als Arbeitslose längst überflüssig für die Belange des Kapitals sind.

Amazons smart lenkende Technokratie-Vision

Die algorithmische Fremdbestimmung macht bei Amazon nicht am „Werktor“ Halt. Alle werden als Nutzer*innen gleich mit eingebunden in den Prozess permanenter Bemessung und selbstlernender Bewertung – längst nicht mehr nur beim Online-Shopping. Insbesondere Amazons in vielen Diensten aktive künstliche Intelligenz zur Spracherkennung ist ausgelegt auf die Auswertung sämtlicher Lebensregungen. Mit Scoring-Ansätzen und Methoden der Verhaltensökonomie greift Amazon steuernd ein in unsere Informationsbeschaffung, unser Denken. Wollen wir unseren Gegenentwurf einer gesellschaftlichen Teilhabe in weitgehender Selbstbestimmung nicht aufgeben, müssen wir die partizipative Zurichtung unserer Selbst durch permanente (Selbst-)Bemessung als Grundlage für (Fremd-)Steuerung angreifen.

Aneignung des Produktionsraums

Was sich in den Kämpfen der picker und packer, der Beschäftigen im receive, stow und ship ausdrückt, ist der Anspruch, den Produktionsraum wieder als politisches Feld zu begreifen. Gegen die willkürliche Anwendung ihrer selbst als kapitalkonform-gesteuerte Apparate setzen sie die Forderung, über die Anwendung digitaler Technik und ihrer Auswirkungen auf die Arbeit mitzubestimmen. Dabei geht es nicht ausschließlich um leutselige Zugeständnisse des Managements, sondern um die prinzipielle Anerkennung der unmittelbaren Produzenten als Akteure mit demokratischen Teilhaberechten im Produktionsraum.

Weil Amazon als Avantgarde einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung gelten kann, ist es notwendig, die Kämpfe der Beschäftigten zu unterstützen. Die Erfolge der Kolleginnen und Kollegen bei Amazon werden auch unsere Erfolge sein!

Wir schlagen deswegen der radikalen Linken vor, mit den Arbeitenden bei Amazon die Gewalt des Produktionsprozesses anzugreifen, die Streiks bei Amazon wirksam zu unterstützen und so dem Verhandlungswillen der Unternehmensleitung etwas nachzuhelfen.

For almost four years, Amazon employees have been fighting for the recognition of their demands against the company’s management. It is no longer just a matter of a few more euros of wages which would secure a collective agreement; here we have an ill-working environment, and humiliating control and the disrespect of the employees by the management.

With an action week around the Black Friday of 24.11.17 (Amazon‚s international bargain day) we want to support the struggling workforce. On Black Friday, we want to strengthen the impact of pre-Christmas strikes by blocking an Amazon site. The inner-city distribution center in the Kudamm-Karree in Berlin guarantees delivery of the products stored there within two hours (for prime customers even within an hour). Because of the narrow side streets, this is a quite vulnerable guarantee! Amazon customers who are in solidarity with the workers will be sending out an increasing numbers of orders (free of shipping costs) during that week and then returning them back, including solidarity messages to the workers. We do not know, whether this action day could also result to the blockade of the Amazons website. However, further interferences of this kind in solidarity to the workers are to be expected.

The despotism of the panoptic factory

Performance compaction and physical long-term damage characterize the work situation in the plants known as Fulfilment Centers (FC). Amazon’s learning storage software provides the speed and flow of all work steps and thus takes over the „control“ of the employees, who are reduced to sensory-motor tools: they detect signals, scan goods, grab, lift, push, run – 20 km per day, 200 packets every hour. At the same time, algorithms capture all movement profiles and completed work steps, create individual performance profiles and collective average productivity, which are presented to the the workers as supposedly objective requirements – a panoptic factory in which the complete recording of work and its evaluation lead to psychological pressure and stress. The performance pressure is increased by the strategic use of temporary employees in structurally weak regions, which have to exceed the performance requirements in view of a fixed employment. With this willing reserve army, a disciplinary regime is being set up, which links fear of social decline with internal competition.

In order to combat the above-average incidence of illness of up to 20%, Amazon introduced an „attendance bonus“ at some locations – not for each individual employee but in overall team assessment. Departments that have fewer sick days on the negative account receive a bonus of 70-150 euros per employee per month. This is not just poison for the working environment. It also negates illness as a normal component of (working) life, particularly as a result of a monotonous and unilateral workload.

The repressed violence of digital capitalism

Amazon is a style icon of the strength of a new production model that uses intelligent information technology to more effectively subordinate human labor so as to tap new growth potentials. We are witnessing here how the Fourth Industrial Revolution and the Internet of Things will fundamentally change the way we work and live, be it in the digital update of industrial lean-production, the standardized calculation of medical treatment routines or in the organization of precarious working conditions on crowdworking platforms.

However, in the narratives of some keyword suppliers for the historical project of a knowledge-based and creative working world, there is a further expropriation of the productive knowledge of those who are controlled in the machine room of smart capitalism by an algorithmic nervous system for the exercise of de-qualified and socially unsecured activities, or who as unemployed have long been superfluous for the interests of the capital.

Amazon’s smart-driving technocratic vision

The algorithmic external determination does not stop at the „plant gates“ at Amazon. Everyone is integrated as simple user into the process of permanent assessment and self-learning evaluation – not just for online shopping. In particular Amazon’s use in many services of active artificial intelligence for speech recognition is designed on the evaluation of all life movement. With scoring approaches and methods of the behavioral economy, Amazon takes control in our information gathering, and our thinking. If we do not want to abandon our counter-design of a social participation in a far-reaching self-determination, we must attack the participatory adaptation of our self by permanent (self-) assessment as the basis for (external) control.

Appropriation of the production space

What is expressed in the struggles of the pickers and packers, the employees in the receiving, the stowing and the shipping is the claim to see the production space as a political field again. Against the arbitrary application of their own as capital-compliant-controlled apparatuses they place the demand to participate in, the application of digital technology and its effects on the work. This is not only about the affable concessions of the management, but about the principle of the direct recognition of the direct producers as actors with democratic interests and rights in the production area.

Because Amazon can be regarded as an avant-garde of a society as a whole, it is necessary to support the struggles of the workers. The success of the colleagues at Amazon will also be our success!

For this reason, we propose to the radical left, with the workers at Amazon, to attack the violence of the production process, to support the strikes at Amazon effectively and thus help out a bit by nudging the negotiating will of the management of the company.

https://blackfriday.blackblogs.org/