Offener Brief gegen die Einladung von Boris Palmer zum Fachforum Flucht und Migration

Vorbemerkung: Folgender offener Brief stammt von der AG Kritische Geographien Globaler Ungleichheiten. Er bezieht sich anlässlich des in Tübingen stattfindenden Deutschen Kongress für Geografie (DKG) 2017 auf die Veranstaltung eines "Fachforums" zu Migration und Flucht, zu dem auch Boris Palmer eingeladen ist.

An die Organisator*innen des DKG und des Fachforums ‚Migration und Flucht‘

Mit Schrecken haben wir festgestellt, dass Boris Palmer, ein für seine ausländerfeindlichen und bewusst populistischen bis rassistischen Haltungen und Äußerungen bekannter Politiker, als Diskussionsteilnehmer zum Fachforum ‚Migration und Flucht‘ auf dem diesjährigen Deutschen Kongress für Geographie (DKG) in Tübingen eingeladen wurde.

Laut eigener Beschreibung sollen die Fachforen dazu dienen, „einer breiteren Öffentlichkeit darzulegen, wofür die Geographie in der heutigen Zeit steht, auf welche brennenden Fragen sie Antworten liefern kann, und wo ihre Kompetenzen liegen“. Darüber hinaus sieht das Konzept der Foren vor, dass sich „unter den Diskutanten [...] ein bis zwei über das Fach hinaus bekannte Personen befinden [sollen], die durch ihren Namen mithelfen können, eine entsprechende Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu erreichen“.

Gerade zu den Themen Migration und Flucht kann die Geographie (und ihre unterschiedlichen Teildisziplinen) einen wichtigen Beitrag leisten und in den gesellschaftlichen Diskurs intervenieren. Nicht zuletzt haben der soeben beendete Bundestagswahlkampf und die Wahlergebnisse deutlich gezeigt, wie sehr diese Themen von rechtspopulistischen Positionen besetzt, für eine Politik der Angst und der Ausgrenzung genutzt und für ein nationalistisch-völkischen Roll-Back instrumentalisiert werden. Insbesondere in einem solchen Kontext ist es für eine engagierte Wissenschaft wichtig, sich mit tiefer gehenden Analysen und kritischen Positionen in die Debatte einzubringen, vermeintlich einfache Wahrheiten in Frage zu stellen und Gegenpositionen aufzuzeigen. Es ist die Aufgabe einer kritischen, selbstreflexiven Wissenschaft danach zu fragen, wie ein bestimmtes Thema gerahmt und verhandelt wird, wem dabei eine Stimme gegeben wird (und wem nicht) und wie darin die eigene Rolle zu bewerten ist.

Vor diesem Hintergrund sind wir über die Besetzung des Fachforums ‚Migration und Flucht‘ schockiert. Ob dieses Panel aus vermeintlicher Naivität oder als bewusstes politisches Statement so organisiert wurde, können wir nicht abschätzen – beide Varianten erscheinen uns jedoch untragbar.
Zum einen sah es zunächst danach aus, dass es für die Organisator*innen des Panels nur interessant zu sein schien, was fünf vornehmlich weiße Männer, die – soweit wir das beurteilen können – selbst keine Fluchterfahrung haben, zu diesem Thema zu sagen haben (#allmalepanel). Mittlerweile wurde zumindest noch eine Frau als Mitdiskutantin eingeladen. Dennoch bleibt es ein Reden-über anstatt ein Reden-mit und vergibt die Chance, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen mit Fluchterfahrung selbst zu Wort kommen.

Zum anderen wird – wahrscheinlich um eine „entsprechende Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zu erreichen“ – einem für seine Äußerungen mehr als umstrittenen Politiker eine Plattform und wissenschaftliche Bühne geboten. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen ist in der Vergangenheit mehrfach für seine offen rassistischen und sexistischen (http://www.fr.de/politik/staedtetag-sexismusvorwuerfe-gegen-boris-palmer...) Äußerungen aufgefallen und kritisiert worden. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an die Debatte über die auf dem Tübinger Schokoladen-Markt verkauften „M-köpfle“, in der Palmer die Bezeichnung „M-Kopf“ verteidigte und dafür eintrat, dass diese für manche keine rassistischen Äußerungen darstelle (http://isdonline.de/rassismus-lebt-auch-von-ignoranz/), an seine Forderung, verbindliche DNA-Test für „alle schwarzen Asylbewerber“ in Tübingen einzuführen (http://www.taz.de/!5428231/) oder daran, dass er Schwarze Menschen, die ohne Fahrschein in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, fotografiert und auf Facebook dafür anprangert. In Zeiten, in denen Übergriffe auf Flüchtlingsheime sowie auf Schwarze Menschen und Menschen of Color zur Tagesordnung gehören und rassistische Parolen wieder salonfähig geworden sind, ist es die Aufgabe politischer Entscheidungsträger wie Boris Palmer, sich konsequent gegen rassistische Hetze zu stellen, statt sie zu befeuern.

Welche Aussagen von Palmer auf dem Podium zu erwarten sind – und wofür er wahrscheinlich auch eingeladen wurde – kann vor allem in seinem neuesten Buch mit dem bezeichnenden Titel „Wir können nicht allen helfen“ nachgelesen werden. Ohne hier auf einzelne problematische Äußerungen eingehen zu wollen (s. bspw. https://www.neues-deutschland.de/artikel/1059565.der-gruenste-kopf-deuts..., http://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-08/boris-palmer-wir-koennen-...) zeigt das Buch deutlich Palmers populistische Positionierung am rechten Rand der Debatte. Indem einer solchen Position eine Plattform gegeben wird, wird ihr nicht nur unnötige Aufmerksamkeit und akademische Legitimität zugewiesen, sondern damit auch die zu erwartende Debatte einseitig vorstrukturiert. Erinnert sei hier nur an die unzähligen Talkshows, in denen weder Moderator*innen noch die eingeladenen Gäste in der Lage waren, provokante und kalkulierte Aussagen von rechts zu dekonstruieren und somit den Inszenierungen der Vertreter*innen der AfD eine Bühne gaben. Dadurch wird nicht nur die Chance einer kritischen Auseinandersetzung mit progressiven und inklusiven Ansätzen und kritischen Analysen vertan, sondern es werden gleichfalls andere Stimmen zum Schweigen gebracht.

Auseinandersetzungen mit kontroversen Standpunkten sind wichtiger Bestandteil wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten. Es liegt jedoch in der Verantwortung der Organisator*innen eines Panels, welche Art der Auseinandersetzung vorangetrieben wird, welche Stimmen zu Wort kommen und über welche Ansätze, Ideen und gesellschaftsrelevante Veränderungen gestritten wird – und über welche nicht. Die Einladung Palmers auf eines der prominentesten Foren bei dem zentralen Treffen der deutschsprachigen Geographie stellt ein politisches Statement dar, das über das Fach Geographie in den öffentlichen Diskurs hinaus wirkt und das wir mit diesem offenen Brief aufs Schärfste kritisieren und von dem wir uns distanzieren.

Wir fordern:

* Die Umsetzung von Diversitätskriterien bei der Besetzung jeglicher Panels auf dem DKG.
* Der DKG darf keine Plattform für rassistische, sexistische oder in irgendeiner Weise diskriminierende Äußerungen darstellen.

Daher fordern wir die Organisator*innen des Fachforums ‚Migration und Flucht‘ dazu auf, zu diesem Brief Stellung zu nehmen und Boris Palmer von dem Fachforum ‚Migration und Flucht‘ auszuladen.

Die Unterzeichnenden