Gerda Taro, eine jüdische Spanienkämpferin mit biografischer Verbindung zu Reutlingen

Gerda Taro wurde als Tochter von Gisela und Heinrich Pohorylle am 1. August 1910 in Stuttgart geboren. Sie stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die aus Ost-Galizien nach Reutlingen zugewandert war.
Die Eltern trugen ursprünglich die Vornamen Hersch und Ghittel, gaben aber dem Kind aber keinen jüdischen Namen, um es vor Benachteiligungen zu schützen. Die Pohorylles hatten um 1909 ihre ostgalizische Heimat in Richtung Schwaben verlassen. Mit Verwandten unterhalten sie in Reutlingen und Stuttgart den Eiergroßhandel „C. Hörnle’s Nachfolger“. Anfangs wohnte die Familie Pohorylle wohl noch in Reutlingen, zog aber während des Krieges von Reutlingen nach Stuttgart in die Alexanderstraße 170a. Im Jahr 1929 zog die Familie dann nach Leipzig um. Hier politisiert sie sich nach links. Ihre Brüder und sie engagieren sich ab dem Januar 1933 im Kampf gegen die NS-Diktatur.

Zu ihrer weiteren Biografie heißt es in einem Denkblatt der Stuttgarter „Geissstraßenstiftung“ (http://www.geissstrasse.de/files/denkblatt_taro.pdf):
Bei einer Durchs¬chung der Wohnung am 18. März nimmt die SA Gerda in „Schutzhaft“, ihre Brüder sind untergetaucht. Vor der SA mimt sie die harmlose und naive Schönheit und gibt keine Informationen preis. Sie zeigt sich couragiert, als die Schreie einiger von der Gestapo geprügelten Männer in ihre Zelle dringen und initiiert ein Ablenkungsmanöver durch Klingeln und Rufen. Ihre Entlassung am 4. April verdankt sie ihrem polnischen Pass. Unter dem Druck der Nationalsozialisten ist ihr Vater 1933 gezwungen, sein Geschäft aufzugeben. Mit Ruth entschließt sie sich, in Paris Arbeit zu suchen und zu studieren. Im Herbst 1933 reist Gerda über Stuttgart nach Paris […].
In Paris angekommen wird es Gerda nicht gestattet zu arbeiten. Sie darf sich zwar in Paris aufhalten, muss aber, wie viele Emigranten, ihren Unterhalt durch Schwarzarbeit bestreiten. Ihre guten Sprachkenntnisse helfen ihr jedoch, eine Aushilfstätigkeit als Sekretärin im Büro des Psychoanalytikers Dr. René Spitz zu finden. Trotzdem reicht Gerdas Gehalt nicht zum Leben aus. Sie ist auf die Unterstützung ihrer Leipziger Freunde sowie Pariser Hilfskomitees angewiesen. In Paris trifft Gerda ihre Freundin Ruth Cerf wieder. Sie mieten sich ein erschwingliches Zimmer, das sich im Zentrum der Stadt in der Nähe von zahlreichen Cafés befindet. Ruth Cerf erinnert sich: „Wir haben beide sehr wenig Geld gehabt, so dass wir übers Wochenende meistens im Bett gelegen sind, damit wir Kalorien sparen.“ Dennoch besuchen Gerda und Ruth, als leidenschaftliche Kaffeehausgängerinnen, so oft wie möglich mit ihren sozialistischen Freunden die Pariser Cafés. Hier treffen sich die Flüchtlinge, hier wird Kritik geübt, hier wird Arbeit vermittelt und hier werden Informationen ausgetauscht.
[...] Gerda und Ruth besuchen Veranstaltungen des SDS, dem „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“, an denen auch Bertolt Brecht und Louis Aragon teilnehmen.
Im September 1934 lernen sie den ungarischen Fotografen André Friedmann kennen. André spricht Ruth an, da er sie gerne für einen Auftrag fotografieren möchte. Gerda begleitet ihre Freundin zum Fototermin und schließt mit André Freundschaft. Sie ist fasziniert von seinen künstlerischen Fähigkeiten. André nimmt an sozialistischen und kommunistischen Demonstrationen teil und liebt es, davon Fotos zu machen. Er spricht nur wenig französisch und kommt so nur schwer an Fotoaufträge.
[...] Während eines dreimonatigen Urlaubs, unter anderem mit André, ent¬scheidet sich Gerda Fotografin zu werden. André und Gerda verlieben sich und möchten nicht nur zusammen leben, sondern auch gemeinsam arbeiten.
[...]
Am 17. Juli 1936 erfolgt der Militärputsch des Generals Franco und seiner Truppen. Die im Februar knapp verlorene Parlamentswahl des Mitte-Rechts-Bündnisses gegen die „Frente Popular“, einer Koalition aus liberalen, republikanischen und linksgerichteten Parteien, hatte den Ausschlag gegeben. Alle antidemokratischen Kräfte hatten sich für den Fall eines Wahlsieges der „Frente Popular“ verschworen: Militärs, rechtsgerichtete konservative Kreise und die Kirche. Gerda und Robert lässt dieses Ereignis nicht unberührt. Zusammen wollen sie nach Spanien.
Als Taro und Capa am 5. August in Barcelona eintreffen, haben hier die republikanischen Verteidiger die Situation ebenso unter Kontrolle wie in Madrid.
[…]
Taro und Capa zieht es Ende August ins Kampfgebiet um Madrid. Kurz davor ist die Stadt von deutschen Junkers-Maschinen bombardiert worden. Hitler und Mussolini unterstützen von Anfang an die Nationalisten und liefern zahlreiches Kriegsmaterial sowie Truppen. Die Legion Condor ist der Kampfverband, in dem alle deutschen Truppenteile, vor allem die Luftwaffe, zusammengefasst werden.
Anfang September begeben sich Taro und Capa an die Front im Süden, da hier ein Angriff republikanischer Truppen erfolgen soll. Inmitten dieser Kampfhandlungen schießt Robert Capa das berühmteste Foto des Spanischen Bürgerkrieges: „Der fallende Milizionär“. Ein republikanischer Milizsoldat wird von Capa in dem Moment fotografiert, als ihn eine Kugel tödlich trifft. Taros und Capas Credo, „Wenn ein Foto nicht gut ist, war man nicht nah genug dran“, bestimmt die tägliche Arbeitsweise.
[…]
Immer wenn Capa und Taro in Madrid sind, beziehen sie Quartier in der „Alianza de Intelectuales Antifascistas“, der enteigneten Villa eines Grafen. Das Haus wird genutzt für politische und kulturelle Veranstaltungen, als Büro und Unterkunft für ausländische Journalisten und Schriftsteller. Für Gerda wird die Alianza quasi ihr Madrider Zuhause.
[...]
Am 18. Juli 1937 setzt die nationalistische Gegenoffensive bei Madrid ein. Bewaffnet mit Foto- und Filmkamera – seit der Segovia-Offensive gehört sie mit zu Taros und Capas Ausrüstung – ist sie fast täglich an der Front. Gerda bleibt ihrem fotografischen Stil treu: Wenn sie Tote fotografiert, dann nur einzeln. Immer gibt sie ihnen ein Gesicht. Nie fotografiert sie einen „anonymen“ Tod oder gar Leichenberge.
Am 25. Juli, einem Sonntag, fährt Gerda mit dem befreundeten Ted Allan an die Front nach Brunete. Als sie im Hauptquartier eintreffen, warnt sie General Walter vor dem gleich beginnenden Kampf: „In fünf Minuten wird hier die Hölle los sein.“ Gerda und Ted gehen in einem Erdloch in Deckung, aus dem sie die tobende Schlacht beobachten. Gerda fotografiert pausenlos mit hochgehaltener Kamera und feuert zurückweichende Soldaten an, ihre Reihen wieder zu schließen.
Nach den Luftangriffen der deutschen Legion Condor und der italienischen Luftstreitkräfte kriechen sie aus der Deckung und fahren auf den Trittbrettern eines Verwundetentransportes zurück. Panik bricht aus, als Tiefflieger angreifen. Ein Panzer aus der Kolonne schlingert quer über die Straße, ihr Wagen will ausweichen, wird aber gestreift, Gerda vom Trittbrett gerissen und ihre Beine überrollt. An diesen schweren Verletzungen stirbt sie am nächsten Morgen im Lazarett.
[...]
Freunde bringen den Leichnam in die Alianza. Frontkämpfer, Künstler, Politprominenz, Presse sowie die Bevölkerung strömen herbei, um von der Aufgebahrten Abschied zu nehmen. Der Dichter Luis Perez Infante feiert Gerda Taro im Gedicht als eine Kameradin „gleich der Rose“. Capa ist untröstlich: „Als Gerda starb, war auch mein eigenes Leben in gewissem Sinne zu Ende.“
Zu der Trauerfeier in Paris am 1. August 1937 säumen Zehntausende die Straßen, als der Trauerzug, angeführt von ihrem Vater Heinrich, vorbeizieht. Auf dem Friedhof Père-Lachaise halten die Dichter Louis Aragon und José Bergamin die Grabreden. Noch Tage später sind die Zeitungen voll von Abschieds- und Dankesbriefen sowie Nachrufen und ihren Fotos. Ihre Ruhestätte, mit Alberto Giacomettis entworfenem Grabmal, wird zu einem Wallfahrtsort der sozialistischen Bewegung und zum Mahnmal gegen Krieg und Faschismus.“

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