87%? Eine Kritik des Demoaufrufs von "#87 Tübingen - Demo für unsere Demokratie"

Nächsten Sonntag um 13 Uhr wird es in Tübingen eine Demonstration unter dem Motto "#87 Tübingen - Demo für unsere Demokratie" geben. Prinzipiell finden wir es natürlich äußerst begrüßenswert, wenn Menschen gegen Rechts auf die Straße gehen, ein paar kritische Worte zum Aufruf möchten wir aber dennoch loswerden:

Im Demoaufruf heißt es, die Initiative sei "Teil von 87%" und möchte "als laute Mehrheit" auf die Straße gehen. Die Konstruktion einer angeblich antirassistischen, nicht-rechten Mehrheit von (vielleicht auch nur symbolisch gemeinten) 87% halten wir für eine sehr falsche, naive und unkritische Analyse der gesellschaftlichen Gegebenheiten. Sicher, die AfD ist der momentan wohl stärkste und gefährlichste Arm der (extremen) Rechten und eine dezidiert fremdenfeindliche, rassistische, sexistische, LGBTI*-feindliche und antisemitische Partei. Das bedeutet aber nicht, dass alle, die nicht AfD gewählt haben, automatisch nicht-diskriminiernd oder gar antidiskriminiernd eingestellt sind. Dass es auch innerhalb von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken menschenfeindliche Einstellungen gibt, zeigen "Einzelfälle" wie Palmer, Sarazzin oder Lafontaine genauso wie die Anbiederung besagter Parteien an rechte Einstellungen, z.B. durch eine Asylrechtsverschärfung (CDU/SPD/Grüne) nach der anderen.

Zu erkennen, dass rassistische, antisemitische, sexistische und andere diskriminierende Einstellungen und autoritäre Sehnsüchte nicht nur "am rechten Rand", sondern auch in der sogenannten "Mitte" der Gesellschaft, sprich bei weiten Teilen der Bevölkerung vorhanden sind, ist unserer Meinung nach unabdingbar für eine progressive, emanzipatorische Kritik an rechten Einstellungen und dieser Gesellschaft.

Das alles heißt für uns aber nicht, dass wir euch von der Teilnahme an besagter Demo abraten - im Gegenteil: hinzugehen, zu argumentieren, warum die dort artikulierte Kritik am "Rechtsruck" unzureichend ist und wie eine treffendere Analyse aussehen könnte (und warum diese nötig ist, um gegen rechte Einstellungen vorgehen zu können), halten wir aus unserer Sicht für eine sehr gute Strategie. Als emanzipatorische Linke sollten wir (unserer Meinung nach) nicht nur am Rand stehen und meckern (auch wenn das Meckern 100%ig berechtigt ist), sondern auch in bestehende Diskurse eingreifen und versuchen, neue, radikalere Herangehensweisen zu vermitteln und für diese zu streiten!

Gegen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit! Für eine solidarische, emanzipierte Gesellschaft!
Tübingen gegen Rechts, 12.10.2017.
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