Weckruf an die Tübinger Linke

Liebe Tübinger Linke, ich wollte Dir mal schreiben und fragen, was Du eigentlich derzeit so machst? Wir kennen uns ja jetzt auch schon länger. Vielleicht ist es unfair das festzustellen, aber in den letzten Jahren wurden diverse Standards gekippt bzw. nicht auf bedenkliche Entwicklungen reagiert:
* Die Korporationen haben mit dem „Arbeitskreis Tübinger Verbindungen“ eine gemeinsame Trutzburg gebildet, in der sie seit Jahren Politik und Lobbyarbeit machen. Von Palmer gab es das alljährliche Bürgerschoppen und eine Ausstellung im Stadtmuseum geschenkt.
Die Verbindungskritik hinkt dagegen hinterher und dieses Jahr fällt sogar der „Alternative Dies“ aus.
* Nach der Einschätzung vieler hat sich das Ract!-Festival vollkommen entpolitisiert. Früher einmal mit politischen Anspruch, wurde daraus ein politischer Anstrich und davon ist auch nicht mehr viel geblieben, wenn man von den Ständen einiger Politgruppen absieht.
* Mit Boris Palmer hat Tübingen einen Oberbürgermeister, der inhaltlich starke Spuren von Rechtspopulismus enthält. Einen wirklich vernehmbaren und organisierten Widerspruch zu Palmers Positionen aus bzw. in Tübingen gab es bisher noch nicht.
* Im Bundestagswahlkampf konnte die AfD anfangs ungestört in der Innenstadt für sich werben. Kontinuierlicher Protest war nicht möglich. Ebenso konnten viele Treffen und Vortragsveranstaltungen der AfD im Kreis Tübingen ungestört stattfinden.
* Auch wenn sie sich gerne mal aufblasen und wichtiger tun als sie sind, so existiert mit der Ortsgruppe der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ in Tübingen ein Organisationsangebot für junge Rechte.

Natürlich gibt es auch ein paar gute Dinge zu vermelden. Das Wachstum und die Sicherung selbst verwalteter Wohnprojekte, in vielen Stadtteilen gab und gibt es eine Unterstützung von Geflüchteten und es gibt linke Polit-Gruppen, die versuchen Wohnungsnot oder Arbeitsbedingungen zu thematisieren.

Trotzdem bleibt die Frage an diejenigen Linken, die nicht mit anderen politischen Projekten beschäftigt sind, warum es lokal diese Rückschläge gab.
Hat sich etwas verändert? Wenn ja, was?
Ist es nur der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck und die Verschulung der Universitäten, deren Auswirkungen hier zu merken sind? Wurde zu wenig für eine Kontinuität gesorgt, so dass z.B. der AlDi auch in die Hände einer nachkommenden Studi-Generation gelegt werden kann?