Stellungnahme der „Studierendengruppe für Kritik und Widerstreit“ zur Kritik der Liberalen Hochschulgruppe (LHG) an ihrem Finanzierungsantrag

Die LHG fordert dazu auf, gegen den Antrag auf finanzielle Förderung durch den Studierendenrat (Stura) für einen Vortrag zum Thema „ (Jüdische) Frauen im Widerstand“ abzustimmen

Der Tagblattartikel „Nie von der RAF-Vergangenheit distanziert“ vom 23.11.2017 behandelt eine Stellungnahme der LHG auf ihrer Facebookseite. In dieser fordert die LHG die Fachschaften der Uni Tübingen dazu auf, gegen den Antrag auf finanzielle Förderung des Sturas bezüglich des Vortrages zum Thema „(jüdische) Frauen im Widerstand“ abzustimmen. Um den Inhalt des Vortrages gehe es den Liberalen scheinbar nicht, viel mehr halten sie die Referentin sowie die Kooperation der Veranstalter*innen mit der Antifa Reutlingen Tübingen (ART) für nicht akzeptabel.

Für uns wird in ihrer Argumentation deutlich, dass auch die LHG die seit einiger Zeit sehr populäre aber unseres Erachtens brandgefährliche „Extremismustheorie“ vertritt. Dieser Theorie zufolge wird von einer legitimen und neutralen Mitte der Gesellschaft ausgegangen, welche links und rechts extreme(istische) Ränder besitze. Diese Rändern würden sich, wie bei einem Hufeisen, immer weiter annähern und sich damit angleichen. Diese Vorstellung ist nicht nur unterkomplex, sondern birgt auch politisch gefährliche Konsequenzen. Zum einen wird eine sogenannte Mitte der Gesellschaft konstruiert, welcher zusätzlich der Status der Neutralität und damit die einzig legitime und „gute“ Position zugeschrieben wird. Dadurch wird verschleiert, dass die sogenannte Mitte der Gesellschaft keinesfalls frei von rassistischen, sexistischen, antisemitischen – kurz gesagt: aller Arten von menschenverachtenden Einstellungen – ist. Diese Verschleierung ist fatal, denn nur durch die offene Benennung jener Einstellungen können diese aufgedeckt und bearbeitet werden. Zum anderen setzt diese Theorie rechte und linke politische Haltung sowie Praxis gleich. Diese Setzung ist nicht haltbar, stellt ein Grundelement rechter Ideologien doch die Bestreitung der Gleichheit der Menschen im Sinne einer Gleichwertigkeit dar und drückt damit eine menschenverachtende Position aus. Linke Politik hingegen setzt sich zum Ziel eine gerechtere Welt für alle Menschen zu schaffen. Dass es nicht „die eine linke Politik“ gibt wird dabei als selbstverständlich vorausgesetzt. Genauso wie die Notwendigkeit einer kritischen Prüfung der verschiedenen und heterogenen linken Positionen. Deutlich soll an dieser Stelle lediglich der fundamental unterschiedliche Ausgangspunkt von „Rechts“ und „Links“ werden. Dass es so etwas wie eine neutrale Position, wie sie die LHG für den Stura propagiert, nicht geben kann, können wir hier leider nicht weitergehend diskutieren. Es sei nur so viel gesagt: Wir alle sind geprägt von unserer Erziehung und Sozialisation, kurzum von der Gesellschaft. Diese beeinflusst was und wie wir wahrnehmen, deuten und beurteilen. Die Vorstellung irgendjemand könne „neutral“ sein ist damit nicht haltbar. Auch vermeintliches neutrales Handeln ist nicht möglich. Selbst ein Nicht-Handeln hat Konsequenzen.
Die ART, mit der wir bei dieser Veranstaltung kooperieren, positioniert sich politisch. Sie gaukelt nicht vor, in irgendeiner Art und Weise neutral zu sein. Dies gibt aber auch jeder Person die Möglichkeit Kritik an ihren politischen Positionierungen zu formulieren. Die ART widmet sich in ihrer politischen Arbeit antifaschistischen Themen, kritisiert rassistische und sexistische Strukturen und auch die menschenverachtenden Strukturen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Wir finden es gut und wichtig, dass sich Menschen diesen Fragen und einer solchen Kritik widmen. Denn wenn wir neutral gegenüber diesen Themen bleiben, lassen wir zu, dass alles bleibt wie es ist (was dann nicht mehr wirklich neutral ist)… und das ist in Anbetracht des Leids und der Ungerechtigkeit auf der Welt doch eine eher zynische und bequeme Haltung. Was der Vortrag genau mit den G20 Protesten zu tun hat, warum es verwerflich sein soll in in einer Demokratie zu demonstrieren oder sich für die Beseitigung struktureller Ungerechtigkeit einzusetzen ist uns durch das Statement der LHG noch nicht wirklich klar geworden. Wer natürlich im Kapitalismus und dem damit notwendigerweise verbundene Leid kein Problem sieht und es sich in seiner studentischen Tübinger heilen-Welt- Blase so richtig gemütlich gemacht hat und nicht bereit ist seine eigenen Privilegien zu reflektieren kann wohl nicht nachvollziehen warum manche Menschen nach einer emanzipatorischen Veränderung streben. Wir wollen an dieser Stelle der LHG nicht unterstellen, dass sie um ihre (vermutlich) privilegierte Stellung in der Gesellschaft zu verteidigen, gegen die G20-Proteste ins Feld zieht.
Wie dem auch sei, an dieser Stelle geht es ja nicht um den Kapitalismus oder G20-Proteste, sondern um einen Vortrag, der sich dem Widerstand (jüdischer) Frauen gegen den Nationalsozialismus widmet.
Nun zur Frage der Referentin: Da der LHG ja sehr viel am Rechtsstaat und der freiheitlich demokratischen Grundordnung gelegen scheint, verstehen wir nicht warum sie Menschen, die eine Haftstrafe verbüßt haben auch noch darüber hinaus weiter stigmatisieren. Menschen steht in einem Rechtsstaat die Möglichkeit zu, im Anschluss an ihre Haftstrafe ein Leben wie jede*r andere zu führen und das heißt eben auch Vorträge zu halten. Nun zu diskutieren, unter welchen Umständen Frau Strobl verurteilt wurde und ob eine Distanzierung notwendig ist oder nicht, halten wir für müßig und den Vortrag betreffend für irrelevant. An anderer Stelle halten wir eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der „Roten Armee Fraktion“ und den „revolutionären Zellen“ für äußerst wichtig und spannend. Fest steht, dass sie einige erhellende Bücher zum Thema des Vortrages verfasst hat, die sie als Referentin für dieses Thema qualifizieren.
Um zu unserem eigentlichen Anliegen zu kommen. Wir möchten einen Vortrag veranstalten, dessen Ziel es ist – wie wir in unseren Antrag an den Stura formulierten - „ das hegemoniale Geschichtsverständnis zu unterlaufen und neue Perspektiven auf das Thema des Widerstands zur Zeit des Nationalsozialismus zu ermöglichen. Gerade deshalb wenden wir uns einem so spezifischen Thema zu. Die Rolle von Frauen im Widerstand und auch der jüdische Widerstand an sich, wurde größtenteils in der Geschichtsschreibung nicht beachtet. Der Vortrag soll damit also dazu beitragen, Positionen und „Geschichten“, welche aufgrund von gesellschaftlichen Machtstrukturen bisher kaum Beachtung fanden, ins Bewusstsein zu rücken und zu einem Teil der Aufarbeitung und Erinnerungskultur zu machen.“
Nun liegt es am Stura zu entscheiden, ob er den Inhalt unseres Vortrages als wichtig erachtet und darin einen bedeutsamen Beitrag zur heutigen Erinnerungskultur sieht und ob er dabei auf das fundierte Wissen und die Qualifikation von Ingrid Strobl verzichten möchte.
Wir wollen das nicht und werden unabhängig von der Abstimmung des Sturas den Vortrag veranstalten.

Studierendengruppe für Kritik und Widerstreit

Hier der Link zum Facebook-Statement der LHG: https://www.facebook.com/lhgtuebingen/posts/1530163917075736