Solidarität mit Afrin - stoppt den Überfall auf Rojava!

Unter dem Motto "Hände weg von Afrin" zogen am Samstag, dem 03. Februar 2018, rund vierhundert Demonstrant_innen lautstark vom Europaplatz durch die Tübinger Innenstadt zum Holzmarkt. Dort folgte eine Kundgebung mit Reden zur aktuellen Lage in Afrin und gegen den Angriffskrieg der Türkei gegen Rojava.

Vor rund zwei Jahren waren Kobane und die kurdischen Kämpfer_innen weltweit in den Medien. Sie wurden nach der erfolgreichen Verteidigung Kobanes gegen den IS ("Islamischer Staat") als Held_innen gefeiert. Seitdem gelang es den SDF (Syrian Democratic Forces), einem Militärbündnis progessiverer Gruppen in Nordsyrien, mit Hilfe des internationalen Bündnisses gegen den IS, diesen Stück für Stück zurück zu drängen und schließlich Syrien größtenteils von dieser islamistisch fundamentalistischen Gruppe zu befreien. Gleichzeitig entwickelte sich ein einmaliges demokratisches Projekt im Norden Syriens - Rojava. Mitten im syrischen Bürgerkrieg gelange es den Menschen eine zunehmend stabile auf emanzipatorichen Prinzipien aufbauende Region und Gesellschaft zu erkämpfen, die zudem abertausenden Geflüchteten Schutz vor IS und anderen bot und bis heute bietet.

Nun da der IS geostrategisch seine Relevanz verloren hat und als besiegt behandelt wird, hat sich die Situation jedoch massiv verändert. Die Lobhymnen der Medien und vieler Politiker_innen sind jäh verstummt, genauso wie auch die militärische und politische Unterstützung Rojavas weltweit jäh zurück ging. Nur der SDF hatte Erfolg im Kampf gegen den IS - das führte dazu dass die internationale Koalition schlicht auf diese als Bodentruppen angewiesen war. Das hat sich nun verändert.

Seit dem 20. Januar überfällt das türkisches Militär mit Unterstützung islamistischer Kräfte Afrin, einen Kanton Rojavas. Statt diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und drohenden Genozid zu verurteilen und zu stoppen, schweigen Staatsoberhäupter weltweit und fielen somit den Menschen in Rojava in den Rücken. Nur kurze Zeit nach der erfolgreichen Niederschlagung des IS, ist somit der Krieg nach Rojava zurück gekehrt. Die einst als Held_innen international gefeierten stehen dem Angriff der übermächtigen Türkei allein gegenüber.

Der Angriff auf Rojava ist nicht nur ein weiterer militärischer Konflikt in Syrien, sondern ein gezielter Angriff des autoritären Erdoğan-Regimes auf ein demokratisches und emanzipatorisches Projekt. Bei den angeblich "berechtigten Sicherheitsinteressen" die unter anderem von der Bundesregierung herbei fantasiert werden, handelt es sich nicht um eine Gefahr für die Sicherheit der türkischen Bevölkerung, die geht ganz klar vom zunehmend diktatorischen Erdoğan-Regime aus. Viel mehr bedroht der demokratische Gedanke Rojavas mit seinen egalitären Prinzipien die autoritäre türkische Staatsideologie. Die Menschen in Rojava haben gezeigt, dass selbst inmitten eines Bürgerkrieges es möglich ist, eine friedliche und egalitäre Gesellschaft anzustreben. Eine Gesellschaft in der Menschen verschiedenster Herkunft, Religion und Kultur friedlich zusammen leben. Damit zeigt Rojava einen Weg in Richtung einer demokratischen Zukunft Syriens und darüber hinaus. Das emanzipatorisch demokratische Prinzip steht im krassen Gegensatz zur türkischen Staatspolitik und weckt Hoffnungen die der türkische Staat möglichst im Keim zu ersticken versucht.
Der Überfall auf Afrin ist zudem bei weiten nicht die erste Aggression der Türkei gegen Rojava. Immer wieder war es zu kleineren Angriffen auf die Kämpfer_innen und Zivilbevölkerung in Rojava durch das türkische Militär und ihre Verbündeten gekommen und die Türkei hatte gewaltsam verhindert, dass sich der Kanton Afrin mit den anderen Kantonen Rojavas geographisch verband, indem sie islamistische Gruppen im Gebiet zwischen Kobane und Afrin militärisch und logistisch unterstützte und so die Isolation Afrins erhielt.

Der Angriff auf Afrin ist mehr als nur ein (ebenfalls verurteilenswerter) Angriff auf eine friedliche Gesellschaft im Norden Syriens. Sie ist ein Angriff auf alle, die für basisdemokratische, emanzipatorische Ideen kämpfen!

In Solidarität mit Afrin und Rojava hatte die Demo das Afrin Kommittee, ein Bündnis solidarischer Menschen und Gruppen in Tübingen und Reutlingen, organisiert. Bei der Kundgebung am Holzmarkt gingen die Redner_innen weiter auf die aktuelle Situation in Afrin ein:

Das türkische Militär und seine Verbündeten, zu denen unter anderem Al-Quaida nahestehende Gruppen gehören, gehen mit barbarischen Methoden gegen die Bevölkerung Afrins vor. Zivilist_innen werden bombardiert. Mit dem Einsatz von Napalm und Streubomben verwendet die Türkei international geächtete Waffen. Mit Luftangriffen zerstört die Türkei gezielt historische Kulturgüter wie die Tempelanlagen von Tell Ain Dara im Nordosten Syriens. Unter anderem deswegen forderte der NAV-DEM Sprecher auf der Kundgebung die USA, EU und die Vereinten Nationen dazu auf, endlich Stellung zu beziehen und den türkischen Angriff zu verurteilen.

Ein weiterer Punkt der nicht vergessen werden sollte, ist das die BRD die Türkei immer wieder mit Waffen belieferte und auch vorhat diese Waffendeals in der Zukunft weiterzuführen. Beim Angriff auf Afrin werden unter anderem deutsche Panzer verwendet. Ein besonders widerwärtiges Beispiel dieser Machenschaften war der Deal, den Sigmar Gabriel vor kurzem der Türkei anbot. Wenn Deniz Yücel, ein in der Türkei unter fadenscheinigen Vorwürfen inhaftierter Journalist, freikäme, würde die Bundesregierung weiteren Rüstungsexporten zustimmen. Yücel meinte dazu "Für schmutzige Deals stehe ich nicht zur Verfügung". Während mit deutschen Waffen die Menschen in Afrin beschossen werden, verweigert sich die Bundesregierung jeder Verantwortung.
Die Demonstrant_innen fassten passend zusammen "Türkei bombardiert, Deutschland kassiert!".

Nach der Kundgebung in Tübingen fuhren viele Demonstrant_innen gemeinsam nach Stuttgart zur landesweiten Kundgebung mit 5.000 Teilnehmer_innen.

So lange der Krieg gegen Afrin weitergeht, wird auch unser Widerstand andauern. Wir laden alle herzlich ein sich an den Aktionen oder gerne auch an den Bündnistreffen zu beteiligen. Gemeinsam und mit internationaler Solidarität werden wir uns den Agressionen der Türkei gegen Rojava entgegenstellen - Hände weg von Afrin!

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Die nächsten Treffen des Afrin Kommittees in Tübingen sind:

21.02.2018, 19:00 Uhr im InFö, in der Mauerstraße 2
07.03.2018, 19:00 Uhr im InFö, in der Mauerstraße 2

Weitere Informationen zum Thema findet ihr zum Beispiel hier:

- Artikel im Tagblatt zur Demo: https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Hunderte-zogen-vom-Europaplatz-auf-d...

- NAV-DEM (Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland e.V.) http://navdem.com/

- ANF Nachrichten: https://anfdeutsch.com/rojava-syrien

- Kurdistan Report: http://kurdistan-report.de

- Ismael Küpeli (Politikwissenschaftler, Historiker, Journalist): https://twitter.com/ismail_kupeli/