Antimilitaristischer und überwachungskritischer Aufruf zur Kundgebung gegen das Cyber Valley am 6. Juli 2018

Der allgemeine Aufruf mit Angaben zu Ort und Zeit findet sich hier: http://www.tueinfo.org/cms/node/24597

Die Vision der Künstlichen Intelligenz (KI) hat ihre Wurzeln in Krieg und Militär. Wer die Bewegungen des Gegners antizipieren und schneller reagieren kann, gewinnt die Schlacht und jeden Krieg – so die Theorie. In den Kriegsgebieten von Afghanistan über Syrien/Irak bis nach Mali zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die Automatisierung und Autonomisierung der Kriegführung führt zu deren Entgrenzung und Barbarisierung, im Schatten der Drohnen und ihrer zivilen Opfer gedeihen entmenschlichte Milizenverbände. Sicherer jedenfalls ist die Welt hierdurch nicht geworden.

Dessen ungeachtet setzt man auch in der sog. „Inneren Sicherheit“ zunehmend auf die Anwendung militärischer Technologien. Drohnen kommen bei Fußballspielen und Anti-AFD-Protesten, wie kürzlich in Stuttgart, zum Einsatz, Pilotprojekte zur Gesichtserkennung und intelligenter Videoüberwachung finden in Berlin und Mannheim statt. Mehrere Bundesländer haben in den letzten Monaten die Möglichkeit zur (tw. unbegrenzten) Inhaftierung mutmaßlicher „Gefährder*innen“ eingeführt, denen gar keine konkrete Straftat vorgeworfen werden muss. Die Grundlage solcher Klassifikationen ist die automatisierte Auswertung großer Datenmengen und die Erkennung „verdächtigen Verhaltens“ als Analogie zur militärischen Zielerkennung - „Kollateralschäden“ inklusive. Folgerichtig arbeiten das Bundesinnen- und das Kriegsministerium gegenwärtig gemeinsam an einer „Agentur für Disruptive Innovationen in der Cybersicherheit und Schlüsseltechnologien“ (ADIC) nach dem Vorbild der DARPA, der Forschungsbehörde des Pentagon.

Es geht jedoch bei der ausufernden Überwachung nicht nur um mutmaßliche „Kriminelle“, auch Arbeitsuchende, Mieter*innen und Konsument*innen sind Gegenstand einer kontinuierlichen Klassifikation: Bei der Bewerbung um einen Job, eine Wohnung, beim Abschluss einer Versicherung und alltäglich bei der Arbeit unterliegen wir dem, was die Mathematikerin und ehemalige Hedgefund-Programmiererin Cathy O’Neil „Weapons of Math Detsruction“ nennt: Der automatisierten Auswertung über uns gesammelter Daten, die weder wir, noch die Anwender_innen noch durchschauen, die aber Leben physisch, sozial und ökonomisch vernichten können.

Entsprechend wird gegenwärtig allerorten ein Innehalten und Nachdenken bei der weiteren Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz gefordert. Nicht so in Tübingen und dem Cyber Valley: Hier soll unter Beteiligung von Amazon, Facebook und der Schufa, der Automobil- und der Rüstungsindustrie (Daimler, Porsche, ZF Friedrichshafen) in Windeseile die Verarbeitung von Big Data vorangetrieben und zur Anwendung gebracht werden. Geplant ist die massenhafte Entwicklung neuer Patente in Zusammenarbeit von Universität und Industrie und einer rasche Kommerzialisierung in Form von Start-Up-Unternehmen. Für eine gesellschaftliche und ethische Auseinandersetzung bleibt in diesem Setting ebensowenig Raum, wie für eine vorausgehende Identifikation der tatsächlichen Probleme und möglichen Lösungen.

Die militärisch, sicherheitspolitisch und industriell motivierte KI-Forschung bedeutet nichts weiter, als die weitere Beschleunigung der jetzt schon falschen Ansätze: Mehr Überwachung (Datenerhebung) und Krieg. Wenn bereits jetzt in Tübingen Wohnprojekte mit Kameras überwacht wurden und werden, lässt sich leicht ausmalen, wie solche Überwachung mit neuen Technologien des maschinellen Sehens ausarten und unser Leben beeinflussen kann.

Deshalb rufen wir auf zur Kundgebung gegen das Cyber Valley am 6.7.2018 um 17 Uhr am Holzmarkt:
Gegen den Ausverkauf der Stadt, der Universität und des Wissens
GEGEN DIE KONTROLLGESELLSCHAFT