Für eine reflektierten Umgang mit Militanz als ein Mittel des Antifaschismus!

Militanz sollte für Antifaschist_innen nur ein Mittel unter vielen sein und es sollte reflektiert eingesetzt werden. Leider wird über dieses Mittel wenig reflektiert. Höchstens geschieht das einmal im Rahmen einer feministischen Kritik, die den Antifa-Machismo thematisiert.

Mehrere unserer Meinung nach sehr sinnlosen Einsätze von Militanz in letzter Zeit im Raum Tübingen, Reutlingen und Burladingen zwingen uns zu einem kritischen Kommentar. Das geschieht in der Hoffnung solcherart die Verantwortlichen zu erreichen und ein Nach- bzw. Umdenken zu fördern.
Drei Beispiele vom Einsatz von Militanz gegen Sachen und Menschen durch mutmaßlich antifaschistisch motivierte Menschen oder Gruppen fanden in den letzten Monaten statt, die keinerlei politischen Mehrwert hatten und durchaus auch ethisch bedenklich sind.

Der Farbangriff I:
Nach einer Veranstaltung der AfD im Hotel Fortuna in Reutlingen, wurde dieses ein paar später mit Farbe „markiert“ [I]. Dabei hatte der Hotelbesitzer gegenüber der Presse erwähnt dass die AfD ein unerwünschter Kunde sei, es zur Reservierung nur versehentlich durch eine Angestellte gekommen sei und jetzt durch den Vertrag nicht mehr rückgängig zu machen sei. Er schloss zukünftige Veranstaltungen der AfD bei sich aus.
Warum das Hotel trotzdem noch „markiert“ werden musste, ist nicht nachvollziehbar.

Der Farbangriff II
Ende Juni 2018 wurde das Rathaus der Stadt Burladingen, in dem auch der zu der AfD übergetretene Bürgermeister Harry Ebert residiert, bemalt. Es wurde „Harry Du AfD Hurensohn“ und „Nazi“ gesprüht.
Es zeugt nicht von fortschrittlichen Geist seinen Gegner als „Hurensohn“ zu beschimpfen. Die Aktion ist aber auch für die Ebert-Gegner_innen vor Ort keine Hilfe, da sie sich davon distanzieren müssen und Ebert sich als Opfer inszenieren kann.
Die Verantwortlichen scheinen keinerlei Ahnung von den politischen Verhältnissen in Burladingen zu haben, wo vor Ort ein lokales Bündnis gegen Ebert und Co. kämpft. Diesem ist mit so einer Aktion gar nicht geholfen.

Der körperliche Angriff
Am 16. Juli 2018 wurde laut Presse [III] ein Nazi, der in Rottenburg vor Gericht als Zeuge gegen zwei angeklagte Antifas ausgesagt hatte, von zwei Vermummten mit einem Schlagstock überfallen, angegriffen und verletzt. Es wurden zwei Verdächtigen, darunter ein 18-Jähriger, festgenommen.
Darauf hin ereigneten sich – nur wenig überraschend – Hausdurchsuchungen in einem linken Hausprojekt in Stuttgart [IV].
Hier erschließt sich der Sinn dieser Aktion am wenigsten. Es kommt einem vor wie eine Aktion der Mafia. Da wird offenbar vor allem ein autoritäres Rache- und Bestrafungsbedürfnis befriedigt.
Die Konsequenzen sowohl für den Prozess und die Medien-Berichterstattung als auch für die solidarischen Prozess-Beobachter_innen wurden offenbar überhaupt nicht bedacht. Im Prinzip handelt es sich durch die Möglichkeit der Urteilsbeeinflussung durch den Angriff um ein im Grunde unsolidarisches Verhalten.
Zudem liegt es nahe dass die Polizei eine Verbindung zu den Angeklagten, als auch zu den solidarischen Prozess-Beobachter_innen sieht bzw. konstruiert und diese unter Verdacht und Beobachtung stellt. Es stellt sich ja die offensichtliche Frage, wie die Angreifer_innen wussten, wann der Nazi-Zeuge das Gericht verlassen hat.

Jede dieser drei Aktionen war ein Bärendienst für die hiesigen Linken ohne jeglichen politischen Mehrwert.
Zudem sind es im Grunde sehr hilflose Aktionen. Trotz des hohen Risikos erscheint es uns als der einfachere Weg nachts etwas zu beschmieren, jemand anzugreifen und andere die politischen Folgen ausbaden zu lassen, als nachhaltige politische Arbeit zu leisten. Diese wird aber leider in einem großen Teil der Antifa-Kreise häufig als weniger ‚cool‘ bewertet.
Die hiesige Szene rückt durch die unsinnigen Taten Einzelner unnötig in den Fokus der staatlichen Repressionsorgane.
Sollte es zutreffen dass ein 18-Jähriger an dem körperlichen Angriff im Juli beteiligt war, müssen sich die älteren Beteiligten zudem vorwerfen lassen dass sie einen Jugendlichen ins Messer rennen lassen haben, entweder weil sie ihn dazu motiviert oder weil sie ihn nicht zurückgehalten haben. Rücksichtsvoller Umgang und Erfahrungsweitergabe durch ältere Genoss_innen sieht anders aus. Es gibt ohnehin besonders im Raum Stuttgart offenbar die rücksichtslose Taktik jüngere, unerfahrenere Menschen bewusst absehbarer Repression und handfesten Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt auszusetzen, offenbar in der Hoffnung sie so zu radikalisieren und politisch zu bestärken.

Wir würden die Verantwortlichen – es dürfte sich jeweils um unterschiedliche Gruppen oder Einzelpersonen handeln – dringend darum bitten vor solchen überstürzten Aktionen noch einmal über Sinn und Unsinn solcher nachzudenken und es im Zweifelsfall auch mal SEIN ZU LASSEN!!!

Der Club für eine linke Nachhaltigkeit – Ortsverein Tübingen-Reutlingen

[I] Reutlingen: AfD Veranstaltungsort Hotel Fortuna mit Farbe markiert!, 03.06.2018, https://de.indymedia.org/node/21551
[II] Harry Ebert auf Rathausfassade beschimpft, Burladingen / SWP 25.06.2018, https://www.swp.de/suedwesten/staedte/burladingen/harry-ebert-auf-rathau...
[III] Attacke nach Antifa-Prozess: Zeuge mit Schlagstock verletzt, 17.07.2018, https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Ein-Zeuge-im-Antifa-Prozess-wurde-na...
[IV] [Tü] Solidaritätsaktion für von Hausdurchsucheung betroffene Antifas!
19.07.2018 ereigeten sich zwei Hausdurchsuchungen bei Genoss*innen in Stuttgart
https://de.indymedia.org/node/22999