Antwort: Für eine Kritik der Distanzierungen und solidarische Kritik statt Militanz-Bashing

Das Lesen des Textes "Für eine reflektierten Umgang mit Militanz als ein Mittel des Antifaschismus!" vom 20.09.2018 auf tueinfo sorgte bei uns für gemischte Gefühle. In diesem Text wollen wir unsere Gedanken, teilweise Zustimmung und aber auch Ärger über einige Teile des Textes ausdrücken.

Ja Kritik, Lob, Evaluierung und Reflektion der eigenen politichen Praxis sind unerlässlich. Wenn antifaschistische Aktionen die patriarchalen Verhältnisse reproduzieren, muss das kritisiert werden. Doch Formulierungen wie "da sie sich davon distanzieren müssen" in Bezug auf eine Gruppe von AfD-Gegner_innen die sich von einer Spray-Aktion distanziert, zeugen für uns eher von mangelnder Reflektion über die zutiefst unsolidarische Praxis der Distanzierungen, statt von ernst gemeinter solidarischer Kritik. Schade.

Auch der dritte Punkt des Textes, der sich auf einen Angriff auf einen Nazi, der in Rottenburg als Zeuge beim Prozess gegen Antifas erschien, bezieht, erscheint uns eher wie Militanz-Bashing. Das Argument das militante Aktionen Repression nach sich ziehen, ist nun wirklich ein alter Hut. Muss das echt jedes mal wieder aufgewärmt werden?
Ja der Staat reagiert repressiv auf antifaschistischen Widerstand, besonders militanten. Doch wenn wir deswegen unser politisches Handeln anpassen, werden wir am Ende Lichterketten statt Blockaden machen, Faschist_innen und Rassist_innen werden bedeutend mehr Handlungsraum haben, unsere Szene gespalten sein und der Staat hat sein Ziel erreicht.

Schuldzuweisungen nach Repression sind dermaßen unsolidarisch und unangemessen. Der Staat ist ein autoritärer, repressiver Akteur, der Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse gewaltsam unterdrückt. Somit ist der Adressat jeglicher Schuldzuweisung offensichtlich. Der Staat handelt repressiv und ist dafür verantwortlich, nicht antifaschisticher Widerstand!

Im Text wird darauf eingegangen, dass ein Beteiligter des Angriffs auf einen Nazi in Rottenburg, angeblich 18 Jahre alt sei und es wird argumentiert, dass das hieße ältere Antifaschist_innen wären ihrer Rolle nicht gerecht geworden, die Person von der Aktion abzuhalten. Was ist das bitte für ein Verständnis von Alter und Erfahrung?

Es klingt doch sehr nach, 'wir die Älteren, die alles verstanden haben, müssen den jungen Kids mal erklären, wie Widerstand funktioniert'. Das ist eine verdammt traurige Haltung!
Ob ein Mensch nun 18 oder 45 ist - das ändert nichts daran, dass wir alle selber denkende, reflektierende und kämpfende Menschen sind, die zu eigener Entscheidungsfindung fähig sind. Wir brauchen keine älteren Genoss_innen die sich als dir Hüter_innen der antifaschistischen Weisheit verstehen.
Natürlich ist Erfahrungsaustausch und Wissensweitergabe wichtig. Diese muss aber in jede Richtung gehen, ansonsten schafft sie schädliche Hierarchien und behindert das Lernen und die Reflektion derer, die sich als wissender verstehen. Auch ältere Antifaschist_innen können weniger erfahren sein als jüngere, nicht jede Person hat in allen Aktionsformen Erfahrung, auch erfahrenere Antifaschist_innen können und sollten immer noch viel von jüngeren lernen. Adultismus raus aus den Köpfen!

Den nächsten Punkt wollen wir jedoch trotz unserer Kritik noch einmal hervorhebe: "Es gibt ohnehin besonders im Raum Stuttgart offenbar die rücksichtslose Taktik jüngere, unerfahrenere Menschen bewusst absehbarer Repression und handfesten Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt auszusetzen, offenbar in der Hoffnung sie so zu radikalisieren und politisch zu bestärken."

Das ein solches Verhalten absolut gefährlich und unsolidarisch ist selbstverständlich. Doch wenn dann jüngeren Menschen die eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird, haben wir damit auch nichts erreicht.

Wer es sich anmaßt über den politischen Mehrwert von Aktionnen zu urteilen, stellt sich unserer Meingung, zudem in eine sehr problematische Sprechposition. Wer seid ihr zu entscheiden, was Mehrwert hat und was nicht?
Klar kann die Frage gestellt werden, ob eine Aktion mehr Nutzen als Schaden gebracht hat und es ist ein wichtiger Diskussionspunkt. Doch wenn ihr der Meinung seid, die Autorität zu haben, zu entscheiden, was sinnvoll ist und was nicht, solltet ihr vielleicht mal euer eigenes Selbstverständnis kritisch hinterfragen.

Wir wünschen uns diverse, bunte und militante Aktionen gegen die herrschenden Verhältnisse. Um effektiv gegen Nazis und Rassist_innen zu kämpfen, brauchen wir einen solidarischen, kritischen Umgang miteinander. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen und von Entsolidarisierungen absehen. Natürlich müssen wir nicht jede Aktion gut finden. Eine öffentliche Distanzierung ist aber eine andere Sachen.

Und um es noch einmal zu wiederholen: Kritik an der Reproduktion sexistischer und anderer Herrschaftsverhältnisse, ja bitte! Aber ohne Selbstinszenierung und Bashing. Danke!

einige Antfaschist_innen