Polemische Replik auf Artikel: 20.09.2018 - 20:09 „Für eine reflektierten Umgang mit Militanz als ein Mittel des Antifaschismus!“ oder: Die Kritik der Kritik kann ein Du „Hurensohn“ nicht ersetzten!

In der radikalen Linken haben Debatten über Militanz lange Tradition. Diese, mal mehr mal weniger in der Öffentlichkeit geführten Diskussionen, zeigten sich mal gewinnbringend weil solidarisch und fundiert geführt, mal offenbart sich die politische Einfallslosigkeit und Ausdrucksarmut diffuser Zirkel in ihrer ganzen Pracht.

Der Beitrag auf TueInfo vom 20.09. ist offensichtlich eher in der Linie zuletzt genannter Beiträge zu verorten. Trotzdem soll an dieser Stelle kurz darauf Eingegangen werden. Nicht um diesen durch zu viel geschenkter Aufmerksamkeit etwa in seiner Relevanz zu erhöhen, sondern die Positionen als das zu benennen was sie letzten Endes sind und um diese in die politische Bedeutungslosigkeit polemisch zu begleiten!

Wessen Geistes Kinder die Verfasser*innen des Artikels sind, wird allzu schnell deutlich: Schon im zweiten Absatz bestimmen sie vor allem nicht näher definierten „Sinn“ und eine ebenso ungenaue Ethik als für sie anscheinend wichtigste Kriterien einer direkten politischen Aktion. Bemüht man den Text weiter, wird das ganze Ausmaß bürgerlicher Naivität deutlich. Als bei Fallbeispiel 1 einzig die Aussagen eines leitenden Mitarbeiters der Hotel Fortuna Betriebs GmbH Ausschlag geben, von einer direkten Aktion Abstand zu nehmen, ohne die Frage nach ihrer politischen Notwendigkeit unabhängig des Managements des Hotels für sich selbst zu stellen.
Doch hier sind wir schon bei des Pudels Kern: Wer für sich lediglich Kategorien wie Sinn und ethisch-moralische Verträglichkeit entwickelt, ist weit davon entfernt politische Aktionen – seien diese nun militant oder nicht- nach ihrer politischen Notwendigkeit zu bewerten und die beteiligten Akteure nach einer objektiven Interessenslage einzuordnen.
Oder um es mit Engels zu sagen: „Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten.
Friedrich Engels, Anti-Dühring, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke Bd. 20, Berlin 1975, S. 88.

Angewandt auf unser Fallbeispiel 1 heißt das konkret: Natürlich äußert sich der Mitarbeiter im Nachgang (!) negativ bezüglich eines bestehenden Vertrags mit der rechtspopulistischen AfD, wird er von der Presse darauf angesprochen. Er schlägt dabei zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen verweist er auf kapitalistische Sachzwänge, welche es Ihm anscheinend unmöglich machen die Rassisten wieder auszuladen und inszeniert sich dabei gleichzeitig als unschuldiges Opfer, sieht er sich durch eine angemeldete Kundgebung mit antifaschistischen Protesten konfrontiert, welche das Potential entwickeln könnte, nicht mit den ökonomischen Interessen der Hotel Fortuna Betriebs GmbH in Einklang zu stehen. Den Profit aus der Raumvermietung streicht er jedoch gerne ein.

Das schlimmste ist, dass dieser, bewusste oder unbewusste, PR-Schachzug seine Wirkung nicht verfehlt, indem solcherlei Lippenbekenntnisse Menschen dazu verleiten unter dem Deckmantel einer „linken Nachhaltigkeit“ in das selbe ideologische Boxhorn zu blasen und lieber auf Grundlage einer bürgerlichen Moralvorstellung von direkten Aktionen Abstand nehmen, als die Notwendigkeit zu erkennen Akteure zu sanktionieren, die mit den Verantwortlichen eines gesellschaftlichen Rechtsrucks Profite generieren.
Von dem Abschreckungseffekt auf weitere Hotelbetreiber*innen, welche in die Versuchung geraten, der AfD einen Tagungsraum anzubieten und die damit einhergehende strukturelle Schwächung der AfD als durchaus adäquaten „sinnvollen“ Effekt ganz zu schweigen.

Die bürgerliche Lesart direkter Aktionen und ein opportunistisches Verhältnis zum Antifaschismus im allgemeinen wird auch im zweiten bemühten Fallbeispiel deutlich:
Die Möglichkeit, dass es sich hierbei um einen praktischen und ganz subjektiven Ausdruck der Betroffenheit rassistischer Politik handelt, wird in der kritischen Betrachtung gänzlich ausgeblendet.
Die Idee, dass sich dabei die Wut von Menschen von vor Ort in Burladingen kanalisiert hat und ihren, zugegeben nicht gerade stilvollen, Ausdruck an der Wand des Rathauses gefunden hat, kommt den Verfechtern der „linken Nachhaltigkeit“ erst gar nicht. Vielmehr wird das Produkt dieser Unzufriedenheit in Unvereinbarkeit zum antifaschistischen Engagement in Burladingen gestellt, als ob ein praktischer Antifaschismus auf verschiedenen Ebenen noch nie zum Ziel geführt hätte.

Die belehrenden Auslassungen zum Begriff „Hurensohn“ mussten dann schließlich folgen, als theoretischer Ausdruck von Verfechtern einer praxisarmen Politik im studentischen Tübingen, welche der direkten Aktion lieber eine generelle Absage erteilen, da diese ja durchaus das Lehramtsstudium gefährden und es im Zweifelsfall weniger ECTS-Punkte dafür gibt, als das Engagement in einer NGO.
Der Vollständigkeit sei natürlich erwähnt, dass „Hurensohn“ sich nur bedingt eignet, als die Aktivitäten des Bürgermeisters von Burladingen in einer rassistischen Partei zu charakterisieren und es sich keinesfalls um einen fortschrittlichen Ausdruck der eigenen Wut handelt und das es gewiss auch andere, weitaus effizientere Mittel gibt, Harry Ebert ans Bein zu pissen. Dies soll dabei aber keine generelle Absage an das stilistische Mittel der Alliteration in Kombination von „Harry“ und „Hurensohn“ sein!

Eine weitere Frage, die sich hier aufdrängt ist folgende: Warum wird dem bürgerlichen Zwang zur Distanzierung, durch einen solchen Beitrag Vorschub geleistet, indem kontinuierliche Bündnisarbeit vor Ort in Unvereinbarkeit mit direkter politischer Aktion gestellt wird? Würden die Verfasser*innen ihren selbst gestellten Auftrag einer „linken Nachhaltigkeit“ ernst nehmen, könnten sie daran arbeiten, diese selbstverschuldete Spaltung der antifaschistischen Kräfte zu überwinden, anstatt dieses Schisma zu reproduzieren.
Zugegeben, der Kontakt mit der burladinger Zivilbevölkerung ist auch durchaus mühsamer, weil #Dorf und weil Verwendung nicht jugendfreier Kraftausdrücke, als das Schreiben eines neunmal klugen Artikels auf einem linken Spartenmedium.

Grenzenlose Frechheit und reaktionäre Ideologie offenbart sich in den Auslassungen zum dritten Fallbeispiel:
Auch hier werden abermals bürgerliche und kurzsichtige Kategorien zum Maß in der Beurteilung einer politisch notwendigen, direkten Aktion. Nämlich „Die Konsequenzen sowohl für den Prozess und die Medien-Berichterstattung als auch für die solidarischen Prozess-Beobachter_innen“. [sic]
Bemerkenswert ist, dass dabei die größte Angst vor den etwaig persönlichen Konsequenzen, gemäß der Definition des rhetorischen Mittels der Klimax, die bei dem „Club“ der Verfasser*innen besonders zu überwiegen scheint, erahnt die*der Leser*in die Sympathie für die geneigten prozessbeobachter*innen.
So wie der „Club“ sich naiv von den Aussagen des Hotelmanagers blenden ließ, lassen Sie sich, gemäß Ihrer Argumentation von etwaig aufkommender schlechter PR, in der Beurteilung der Aktion treiben. Frei nach dem Motto: Was das regionale Presse für nicht gut befindet, war selten schon progressiv. Das ist an Lächerlichkeit schwerlich zu überbieten, soll aber bitte nicht als Motivation für weitere Logoröh dieser Art verstanden werden.
Freilich darf die Frage nach der Vermittelbarkeit in der Planung und Durchführung von politischen Aktionen – vor allem bei militanten - eine nicht untergeordnete Rollen spielen. Aber darauf zu warten, bis 100 % aller Menschen eine Aktion als legitim bewerten, heißt seinen Widerstand als zahnlos zu gestalten und letzten Endes zu scheitern!

Ein weiteres Feigenblatt in der Argumentation, welches vielleicht auch die eigene Feigheit der Clubinsassen verhüllen soll, ist, die unterstellten Bedürfnisse der angeklagten Antifaschist*innen zu instrumentalisieren.
Wenn „die Polizei eine Verbindung zu den Angeklagten, [...] sieht [...] und diese unter Verdacht […] stellt.“ ja, dann sieht es sehr schlecht für die aus. Denn die könnten sich ja, jeweils für sich, Ihrer sterblichen Hülle entledigt haben, wie Sie es in dem VHS Kurs für Autonome Jediritter gelernt haben und qua Ihres Geistes den Nazizeugen zur Strecke gebracht haben, während Sie zeitgleich auf der Anklagebank saßen.
Und falls der Staat dennoch, jeglicher Logik und physikalischem Verständnis entbehrend, die zwei Angeklagten Antifas für diese Aktion verantwortlich machen wollen würde, ist die Ursache im repressiven Vorgehen der Politik gegen selbstbestimmten Antifaschismus zu verorten und nicht die Schuld bei denjenigen zu suchen, welche sich ein Herz gefasst und den Nazis notwendige Konsequenzen für ihr menschenfeindliches Handeln aufgezeigt haben.

Weiter wird dann das alt bewährte Vorurteil aufgegriffen, dass „besonders im Raum Stuttgart“ rücksichtsloses Vorgehen vor allem durch jüngere Menschen realisiert wird. In autoritärer Manier werden die „ältere[n] Genoss_innen“ in die Pflicht gerufen, die jungen wilden doch bitte im Zaum zu halten. Dem 18-jährigen Genossen, anstatt Ihm die unmissverständliche Solidarität zu Teil werden zu lassen, wird qua Seines Alters das Reflexionsvermögen abgesprochen, die Tragweite seines eigenen politischen Handels vollständig zu erfassen.
Diese Logik ist der wahre Brutusdolch im fortschrittlichen Verständnis praktischer Solidarität und theoretischer Ausdruck eines arroganten „Clubs“ ohne Klassenbewusstsein der sein Heil lieber in altehrwürdigen Genoss*innen sucht, die sich dann mit wenig Relevanz aber um so größerer Nachhaltigkeit mit bürgerlichen Debattenbeiträgen zu Militanz selber beweihräuchern.

Zuletzt soll hier Respekt denjenigen gezollt werden, die es auf sich genommen haben, das Hotel Fortuna mit Farbe zu markieren. Danke, dass die rassistische Hetzte durch den Bürgermeister in Burladingen nicht unbeantwortet blieb. Vor allem ganze Solidarität denjenigen, welche von staatlicher Repression betroffen sind, weil sie sich dem ganz praktischen und legitimen Antifaschismus verschrieben haben.

Vor allem in Zeiten - im wahrsten Sinne des Wortes- politischer BlauPausen von Kandel, Chemitz, und Köthen, in denen Faschisten in manchen Regionen die Mehrheit auf der Straße stellen können und diese für Pogrome an Menschen nutzen, muss nicht die Autorität eines Hotelmanagers in Sachen Selbstgestaltung der Hotelfassade erörtert werden, noch ist ein etymologischer Diskurs über den Begriff „Hurensohn“ angebracht und vor allem stellt sich nicht die Frage ob antifaschistischer Selbstschutz legitim ist!
Lasst uns vielmehr gemeinsam dem „Club der linken Nachhaltigkeit“ noch mehr Anlässe geben, sich über konsequenten Antifaschismus zu wundern, in der gleichzeitigen Hoffnung, dass diese leere bürgerliche Stimmungsmache denen bedeutungslos auf Ihre eigenen Füße fällt und der „Ortsverein Tübingen-Reutlingen“ nicht wieder warten muss, bis die Uhrzeit in Zahlen gleichbedeutend mit dem Datum der Veröffentlichung ist.

Herzlichst ein*e Antifaschist*in aus der Nachbarschaft

Soweit nicht anders angegeben alle Zitate aus: http://www.tueinfo.org/cms/node/24716