Kundgebung "Eine Wissenschaft für die Menschen – Kein Cyber Valley!"

16.02.2019 13:00
16.02.2019 16:00

Samstag, 16. Februar 2019//ab 13Uhr//auf dem Holzmarkt

Eine Wissenschaft für die Menschen – Kein Cyber Valley!

Im Dezember 2016 wurde die Forschungsinitiative Cyber Valley ins Leben
gerufen, durch die das Neckartal zu “Ökosystem für die Entwicklung
künstlicher Intelligenz” werden soll. Seitdem sind über 150 Mio. Euro in
das Projekt geflossen. Ziel ist es, eine “kritische Masse” an Daten,
Unternehmen und Forschenden zu erreichen, um “disruptive Innovationen”
schnell in die Praxis umzusetzen. Hierzu ist geplant, die Gründung von
Startup-Unternehmen zu fördern, um enorme private Gewinne zu ermöglichen
und unternehmerische Forscher*innen nach Tübingen zu locken.

Das räumliche Zentrum des Cyber Valley entsteht aktuell auf der Oberen
Viehweide bei den Max-Planck-Instituten in Tübingen. Hier soll zukünftig
auch ein Forschungszentrum des Amazon-Konzerns gebaut werden, dessen
Beteiligung v.a. für die “internationale Strahlkraft” des Projekts
essentiell sei, aber auch, weil das Unternehmen die enormen Datenmengen
zur Verfügung stellen kann, mit denen Methoden des Maschinellen Lernens
entwickelt und erprobt werden.

Künstliche Intelligenz und das Maschinelle Lernen auf der Grundlage von
Big Data sind v.a. auch militärisch relevant und eröffnen wahrhaft
dystopische Möglichkeiten zur Überwachung und Steuerung der Bevölkerung.
Einer Lösung der drängenden Menschheitsprobleme wie dem Klimawandel
werden sie uns nicht näherbringen. Dies gilt insbesondere im Falle des
Cyber Valley, wo diese Forschung auf die Erzeugung privater Gewinne
ausgerichtet ist und in enger Zusammenarbeit mit der Automobil- und tw.
sogar der Rüstungsindustrie stattfindet. Auch die intransparente und
undemokratische Entstehungsgeschichte des Cyber Valley lässt uns nicht
annehmen, dass hier Forschung im Dienste der Allgemeinheit stattfinden
soll. Vielmehr handelt es sich um eine Forschungspolitik, die der
Umverteilung von unten nach oben dient und (kritische) Sozial- und
Geisteswissenschaften weiter marginalisiert und präkarisiert. Dies gilt
auch für die vorgesehenen Bauprojekte und die Auswirkungen auf den
Wohnungsmarkt. So sollen für den Bau des Amazon-Entwicklungszentrums
öffentliche Flächen der Stadt verkauft werden. Die Verknappung
öffentlichen Eigentums bei gleichzeitigem Zuzug internationaler
“Spitzenkräfte” wird die Mieten weiter steigen lassen – beobachten lässt
sich diese Verdrängung und Spaltung der Gesellschaft bereits seit Jahren
am großen Vorbild des Cyber Valley: dem Silicon Valley in der Bay Area
bei San Francisco.

Die Proteste gegen das Cyber Valley begannen im Sommer des vergangenen
Jahres mit einer Kundgebung. Seit dem fanden verschiedene Aktionen und
Veranstaltungen statt, darunter eine Demonstration und die Besetzung des
Hörsaalzentrums Kupferbau. Das öffentliche Bewusstsein und die
Diskussion über das Cyber Valley, seine Auswirkungen auf Stadt und
Universität haben dadurch enorm zugenommen. Es wurde über die
Steuervermeidung, die Geschäftspraktiken und die Dienstleistungen des
Amazon-Konzerns für das Pentagon informiert. Die Beteiligten sahen sich
genötigt, zu reagieren und der Tübinger Gemeinderat fordert einen
“Ethikkatalog” - ohne von seiner Unterstützung für das Projekt
abzurücken.

Wir fordern weiterhin:

- Eine Offenlegung aller Pläne und Strukturen des Cyber Valley;

- Eine umfassende Demokratisierung und Grundfinanzierung der Hochschulen
statt deren weitere Ökonomisierung;

- Keine Ansiedelung des Amazon-Konzerns in Tübingen und keinen Verkauf
öffentlicher Flächen;

- Keine schnelle Umsetzung neuer Technologien in die Praxis ohne
öffentliche Diskussion, Technikfolgenabschätzung und kritische,
sozialwissenschaftliche Begleitforschung;

- Eine Zivilklausel für den Technologiepark;

- Eine soziale Stadt für Alle statt den “Kampf um die besten Köpfe” auf
dem Wohnungsmarkt;

Kurz gesagt: Eine Wissenschaft, die den Menschen dient – nicht
Industrie, Überwachung und Krieg!