Europäische Selbstgefälligkeit in Hochform - Kommentar zur Veranstaltung "Wie sicher ist das Tübinger Nachtleben?"

Ich halte es nicht mehr aus, halte diese stumpfen Distinktionsmanifestationen, die in Tübingen umherlaufen nicht mehr aus. Jubelnd, akademisch klopfend oder je nach Geschmack gleich euphorisch applaudierend schreiten Teile dieser Stadt, sich als Geistesmetropole vorgebend, dem Wahn rechten Reaktionismus entgegen. Mittwoch, 30.01.19 – Veranstaltung zum Tübinger Nachtleben, Boris Palmer, dieses größte Gegenteil verständigen Sprechens, dieser Vorreiter beflissener Panikmache fängt an zu sprechen und was, was ist es, mit dem er seinen Beitrag zum Nachtleben der Stadt Tübingen beginnt? – „Schwarzafrikaner“. Das Problem sind die Menschen, die gerade erst zugezogen sind, geflohen aus den Ländern, die der Westen in den vergangenen Jahrzehnten so sehr geschunden hat, geflohen aus Kriegsgebieten, in denen überall und auf allen Seiten deutsche Waffen eingesetzt werden. Wollt ihr mich eigentlich verarschen? Die Menschheit steht vor dem Zusammenbruch der Zivilisation und in Tübingen, einer der reichsten Städte in einem der reichsten Länder der Welt, tut der Oberbürgermeister nichts anderes, als die Ängste der Menschen zu bedienen, seinem gegenüber zu sagen, er sei doch Mathematiker und habe Ahnung von was er rede, um dann, kontrafaktisch zu argumentieren.

Ich habe es satt, diese ganze heuchlerische Stadt, mit ihrem Internationalismus der Reichen und dem Vergessen der eigenen Teilhabe an den Weltungleichheiten und negativen Entwicklungen des Zeitgeschehens. Amazon kommt nach Tübingen. Im Cyber Valley soll an künstlicher Intelligenz geforscht werden. Wozu all das? Um eine Industrie voranzutreiben, die zerschlagen gehört. Es geht um unser Klima und damit geht es auch um Menschenleben.

Herr Palmer, wissen sie was Menschenrechtsfundamentalismus ist, dieser Begriff, den sie negativ konnotierend, verwendeten? Wissen sie, was es bedeutet, lieber zur Wahrheit zu stehen, als bloß den menschenfeindlichen Stuss nachzureden, der heute in diesem Land allgegenwärtig geworden ist? Vor versammelter Menge reden Sie davon, dass man Geflüchtete besser sanktionieren müsse, dass man Überwachungskameras zu installieren habe, die Leute ohnehin Smartphones bei sich tragen würden, folglich die Überwachung durch Videokameras gar nicht so schlimm sei – Sie legitimieren ein Unrecht, eine Fehlentwicklung mit der anderen und dann sprechen sie auch noch von Kant, vom Gastrecht… fuck! Vom Menschenrecht haben Sie wohl nichts genaueres mitbekommen…

Beinahe zwei Stunden musste ich weißen Menschen zuhören, die über schwarze Menschen sprechen, während kein einziger Dunkelhäutiger im Raum war. Euch mag es wohl nicht aufgefallen sein, aber mir, einem sogenannten Ausländer, drückte sich in zerberstender Verzweiflung die Einsicht in den Verstand, dass wir nichts, aber auch gar nichts aus den Fehlern der Migrationsdebatten der Vergangenheit gelernt haben. Wir schaffen uns heute hier in Deutschland, die krassesten Ghettos, die es nach 45 gegeben hat und beschweren uns dann darüber, dass diese Menschen, unter der Aussichtslosigkeit ihres Lebens leidend, kriminell werden. Statt Sanktionen zu fordern und Hunderttausende für Sicherheitsdienste zu verschwenden, sollte diese Stadt lieber ein Beispiel dafür geben wie man Menschen unterschiedlicher Herkunften und Schichtzugehörigkeiten einen kann, anstatt sie in Befeuerung ihrer Ängste aufeinander zu hetzen, denn Kriminalität Herr Palmer, das können Sie als Mathematiker natürlich nicht wissen, speist sich aus sozialer Ungleichheit, Ausgrenzung und Stigmatisierung. Und was Sie tun, das ist eben Stigmatisierung von dunkelhäutigen Geflüchteten, nichts weiter.

Es ist die europäische Selbstgefälligkeit, die sich da am Mittwochabend im Hörsaal 22 des Kupferbaus freie Bahn, wieder einmal, freie Bahn geschlagen hat. Menschen, die von dem Unrecht, dass sie beklatschen nicht selber betroffen sind, bejubeln sich und ihren philiströsen Stumpfsinn. Und organisiert ist das Ganze auch noch von der LHG und dem RCDS, frühgealterten Studierenden, die sich schon mal in der neoliberalen Selbstausbeutung üben und selbsterklärten Christen, die wohl auch Demokraten zu sein scheinen – Laizismus ist anscheinend ein Fremdbegriff. An den RCDS: Seit ich lebe habe ich noch keinen aufrichtigen Christen kennengelernt, ihr seid ganz bestimmt keine. Und an die vermeintlich „einzige ideologiefreie Hochschulgruppe“: Diejenigen, die von sich Ideologiefreiheit beanspruchen, sind oft die, welche am tiefsten im Sumpf von Verblendung und Konformität festsitzen.