Kein Dialog ohne Mitbestimmung – Kommentar zur Rundmail von Bernd Engler bezüglich des Cyber Valleys

KI, Konzerne, Überwachung, Krieg, Kommerz und freie Wissenschaft – eine Stadt ist im Gespräch. Studierende, Bürger, Aktivisten, Gemeinderäte, Wissenschaftler, aber auch Einzelhändler und fleißige Leserbriefschreiberinnen stellen sich die Frage, in was für einer Stadt sie leben möchten. Diskussion ist angesagt. Protest, Einschreiten, Kritisieren, all das war, ist und wird weiterhin an der Tagesordnung sein.

Wollen wir das Cyber Valley? Wenn ja, was für eines? Darf eine Universität mit Konzernen zusammenarbeiten, gar Geld von ihnen entgegennehmen und „schnell kommerzialisierbare“ Forschung betreiben? Kann Tübingen sich eine friedliebende Stadt nennen, wenn ein Monopolist wie Amazon in eben dieser Stadt an „Zukunftstechnik“ arbeiten möchte – ein Konzern der bereitwillig auch mit dem Pentagon, dem de facto größten Kriegstreiber des Planeten zusammenarbeitet? Diese Fragen warten immer noch auf klare und bindende Antworten.

Kein Wunder also, dass Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen, in einer ersten Rundmail, die pünktlich zum Semesterende, Studierende und Angestellte erreicht, ganz selbstverständlich und betont reflexiv, von KI spricht; davon, dass viele Menschen, so eine „repräsentative Umfrage“, die er zitiert, die neuen Informationstechnologien als „Risikotechnologie“ einstuften und „Misstrauen gegen den Einsatz von Künstlicher Intelligenz“ hätten. Es ist erfreulich, dass infolge der Besetzung des Kupferbaus, endlich auch das Rektorat nicht mehr umhinkommt, gesellschaftspolitisch relevante Fragen bezüglich des Projekts einer digitalisierten Gesellschaft zu stellen: „Wie kann man sicherstellen, dass Künstliche Intelligenz dem Menschen nützt und nicht schadet?“, fragt Engler. Mensch könnte meinen: „Super, die Sache ist gegessen, der Kerl hats endlich verstanden. Der Protest hat sein Ziel erreicht, denn immerhin wird es Informations- und Diskussionsangebote geben“, doch nirgendwo in der Rundmail macht Engler klar, dass die Universität oder das MPI auf die Forderungen der Besetzerinnen eingehen will. „Dialog“, spricht Engler, doch Diskussionsveranstaltungen, die nicht in einer aktiven Neugestaltung des Cyber Valleys durch Studierende, Angestellte und Bürgerinnen münden, sind nichts weiter als ermüdende Ansammlungen von heißer Luft.

Wo, Herr Engler, gehen Sie auf das Problem der Konzerninteressen ein, die mit dem Cyber Valley an die Uni kommen? Warum haben, weder das Rektorat noch das MPI, nicht ein einziges Mal verpflichtend zugesichert, dass im Cyber Valley nicht an Militär- oder Überwachungsinteressen geforscht wird? – Warum?
Stattdessen redet Engler davon, dass man das Misstrauen ernst nehmen müsse, nicht um das Cyber Valley, den Interessen der Menschen anzupassen oder dementsprechend das Vorhaben abzubrechen, sondern, um zu verhindern, dass die Akzeptanz der Forschung nicht verloren gehe, sprich: das Reputationsrisiko nicht weiter ansteigt. Hier will keiner eine wirklich kritische Auseinandersetzung, hier will einer den Menschen ihre „fundamentalen Interessen“ verdeutlichen.

Immer noch geht es darum, ein an sich falsches, weil von Kommerzinteressen, statt kritischem Problembewusstsein geleitetes, Forschungsprojekt, in seiner Ausführung zu legitimieren. Engler spricht nicht von einer Neuverhandlung des Cyber Valleys, Engler spricht davon das Cyber Valley den Leuten, schmackhaft zu machen. Zwar soll eine „Arbeitsgruppe“ entstehen, die „sich ausschließlich mit ethischen Fragen befassen wird“, doch ist nicht die Rede davon, dass diese ethischen Fragen, Forschungen unterbinden werden, wenn diese dem Wohl der Allgemeinheit schaden. Das ist Ethik zur Deko, nichts weiter. Solange Amazon an diesem Projekt beteiligt ist, muss an der wissenschaftlichen Integrität der Eberhard-Karls-Universität gezweifelt werden. Solange weiterhin von „schnell kommerzialisierbarer“ Forschung geredet wird, ist das Cyber Valley grundlegend zu verneinen. Deswegen, immer noch: Kein Cyber Valley. – Kein Cyber Valley!