[KUT] Feministischer Materialismus im Anschluss an Judith Butler und Karl Marx. Ein Vortrag von Franziska Haug

04.06.2019 19:00
04.06.2019 20:59

Franziska Haug: Feministischer Materialismus im Anschluss an Judith Butler und Karl Marx.

Vortragsreihe „Feminismus und Materialismus“ der Kritischen Uni Tübingen (KUT) im SoSe 2019

Dienstag, 04.06.19
19 Uhr c.t.
Kupferbau, Hörsaal 23

Gegenwärtige feministische Debatten teilen sich in Deutschland weitestgehend in zwei Lager auf: Auf der einen Seite wird mit Rückgriff auf differenzfeministische Positionen eines universellen „wir“ der Frauen, ein materialistischer oder zuweilen auch frauenpolitischer Feminismus für sich in Anspruch genommen. Auf der anderen Seite steht ein intersektionaler Queerfeminismus mit einem Fokus auf diskursive Identitätspolitik. Erstere Position wirft der zweiten vor, das geschlechtliche und körperliche Subjekt gänzlich in poststrukturalistischer Sprachvermittlung ohne Material und Geschichte aufzulösen. Letztere Position wirft der ersteren vor, eine problematische Essentialisierung der Frau zu betreiben. Besonders in der politischen Praxis grenzen sich beide Ansätze voneinander ab, wenngleich sie analytisch betrachtet einen wesentlichen Knackpunkt teilen: Während die meisten queeren/intersektionalen/postkolonialen Theorien zwar einen bestimmen Historizismus für sich in Anschlag bringen, dabei jedoch nicht materialistisch im Sinne einer ideologiekritischen Gesellschaftskritik operieren, tendieren sich heute als materialistisch verstehenden Ansätze zu einer fehlenden Vermittlung im Sinne der Herstellung des Materials mit der Historie.

So ließe sich verknappend zusammenfassen, dass die einen zwar die (diskursive) Produziertheit des Geschlechts denken können, dabei aber den Zugriff auf dessen spezifische Materialität verlieren. Die anderen fokussieren zwar die Materialität, verlieren aber jeden Sinn für die Produziertheit der Materie, für Performanzen, Anrufungen und Herstellungsverfahren und laufen daher Gefahr, (biologisch) zu essentialisieren.

Mit Blick auf Judith Butlers Bodies that matter soll im Vortrag Materie im Allgemeinen und der (geschlechtliche) Körper im Besonderen als durch die materielle, historische Praxis konstituiert und vermittelt begriffen werden. Entgegen des Vorwurfes, Butler erkläre den Körper als lediglich diskursives Zeichen oder zerstöre mit dem Prinzip der Dekonstruktion des biologischen Geschlechts sämtliche Somata lebender Subjekte, schlägt sie in Bodies that matter eine „[…] Rückkehr zum Begriff der Materie [vor], jedoch nicht als Ort oder Oberfläche vorgestellt, sondern als ein Prozeß der Materialisierung, der im Laufe der Zeit stabil wird, so daß sich die Wirkung von Begrenzung, Festigkeit und Oberfläche herstellt, den wir Materie nennen.“ (Butler 1997, 32) Butlers Augenmerk liegt hierbei nicht auf der Untersuchung des ontologischen oder phänomenologischen Status von Materialität, sondern vielmehr auf der Frage, wie Materialitäten hervorgebracht werden. Nur über die Analyse der Hervorbringung ließe sich, so Butler, nachvollziehen, dass Materie kein festes Unveränderliches ist, sondern durch permanente wiederholende Prozesse erst konstituiert wird. Sie wendet sich damit „[g]egen die Behauptung, der Poststrukturalismus reduziere alle Materialität auf linguistischen Stoff […]“ (ebd., 55) und entwickelt ein „[…] Argument […], das zeigt, daß Materie zu dekonstruieren nicht heißt, die Brauchbarkeit des Begriffs zu negieren oder abzuschaffen”. (ebd.)

Die Analyse der Hervorbringung von Materie im Anschluss an Judith Butler soll anschließend mit Marx Konzept der Arbeit in dem Sinne, dass es produktiver- und reproduktiver Arbeit bedarf, um Materie herzustellen, verknüpft werden.

Franziska Haug hat Germanistik, Soziologie, Kunstpädagogik, Philosophie und Geschlechterwissenschaften studiert. Ihre Magistra-Arbeit schrieb sie zur "Ästhetischen Produktion von Geschlecht bei Lady Gaga". Sie hat als Lektorin in der deutschsprachigen Literatur im S. Fischer Verlag gearbeitet. Aktuell ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Literaturwissenschaft an der Uni Frankfurt und promoviert zu ästhetischen Verfahren der Produktion von Geschlecht durch Arbeit.

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