Tagblatt (neuer Artikel): Nach dem Theater zur Demo gegen Abschiebung auf dem Holzmarkt

Zirka 500 Leute protestierten am Samstagabend auf dem Holzmarkt gegen die Abschiebung des in Tübingen verheirateten Bilal Waquas.

Zu der Demonstration aufgerufen hatten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landestheaters Tübingen (LTT). Denn Bilal Waquas ist mit einer Kollegin verheiratet. Unter den etwa 500 Protestierenden waren unter anderem LTT-Intendant Thorsten Weckherlin, einzelne Stadträtinnen von SPD, Grünen und Linken, Schauspieler des Tübinger Zimmertheaters sowie die Initiativen Seebrücke, Attac und Kein Mensch ist illegal.

„In der letzten Woche hat die Abschiebepraxis des Innenministeriums radikal in das Leben einer unserer Kolleginnen eingegriffen“, sagte die LTT-Schauspielerin Lisan Lantin: Am 6. Januar gegen 22.30 Uhr klingelten Polizeibeamte an der Wohnungstür des Paars in Tübingen. Bilal Waquas blieben nur wenige Minuten, um ein paar persönliche Dinge einzupacken. Seiner Frau konnte er noch telefonisch mitteilen, dass er nach Frankfurt gebracht werde. „Dann wurde ihm sein Handy abgenommen.“ Die Begründung der Polizei: Abschiebungen sollten nicht gefilmt werden. „Eine Möglichkeit, sich von seiner Frau, die ihm mit dem Auto nach Frankfurt nachgereist war, zu verabschieden, gab es nicht.“ Auch seinen Anwalt konnte Waquas nicht mehr kontaktieren.

„Wir werden dieses staatliche Vorgehen nicht als Teil unseres gesellschaftlichen Normalzustands akzeptieren“, rief Lantin. „Wenn ein Mensch durch behördliche Anordnung und polizeilichen Zwang in Form einer überfallartigen Abschiebung aus seinem Leben gerissen wird, stellt das einen Zivilisationsbruch dar. Darum fordern wir das Baden-Württembergische Innenministerium auf, diese Abschiebepraxis zu unterlassen.“

Für die Initiative „about:utopia“ sagte die Tübinger Studentin Linnea Hoffmann: „Wir sind bestürzt, aber auch wütend über dieses politisch gewollte und zutiefst gewaltsame Auseinanderreißen von miteinander verbundenen, ein Leben teilenden Menschen.“ Es mache Hoffnung, wie solidarisch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LTT ihrer Kollegin und deren Ehemann zur Seite stehen. Doch gerade aus dem Tübinger Rathaus schalle es laut heraus: „Wir können nicht allen helfen“, sagte Hoffmann und warnte: „Wenn wir uns an solche Sätze halten, geben wir wichtige Grundsätze des sozialen Miteinanders zugunsten sogenannter Sachzwänge auf.“

Grundlegend für jede Form von Demokratie sei, „dass wir Verantwortung füreinander übernehmen und allen ein sicheres und gutes Leben ermöglichen“, so die Studentin. Wenn das in den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen nicht möglich sei, sei gemeinsam zu fragen: „Wie können wir die Strukturen verändern? – über die konstruierten Grenzen der Nationalstaaten hinaus“. Im Namen ihrer Gruppe sagte Hoffmann: „Wir schließen uns der Forderung nach einem absoluten Abschiebestopp an.“ Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl schätze die Zahl der Abschiebungen aus der Bundesrepublik allein für das Jahr 2019 auf mehr als 20.000.

Der Fall von Bilal Waquas zeige, „wie gnadenlos, rechtlich unhaltbar und absurd Abschiebungen sein können“, sagte Andreas Linder vom Bündnis Bleiberecht. Die Abschiebung müsse rückgängig gemacht, und Waquas auf Kosten des deutschen Staats nach Tübingen zurückgeholt werden.

Leider werde die gegenwärtige Flüchtlingspolitik von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen. „Wenn sich daran etwas ändern soll, muss sich von unten mehr bewegen“, so Linder. Ein afghanischer Klient von ihm, seit mehr als zwei Jahren in Ausbildung in einem Handwerksbetrieb, solle am Montag bei der Ausländerbehörde vorsprechen. Sein Asylantrag wurde abgelehnt; er lebe mit einer Duldung in Deutschland und wurde einmal wegen Schwarzfahrens verurteilt. „Er hat Angst, dass er am Dienstag in den Abschiebeflieger nach Afghanistan gesetzt wird.“

Aus dem Umfeld von Bilal Waquas war zu hören, er habe immer einen Job gehabt und nie Sozialleistungen in Anspruch genommen. Er ist Diabetiker und hat nur für wenige Tage Insulin bei sich.