Hindernisse der sexuellen Selbstbestimmung

Sexuelle Selbstbestimmung von Frauen* einzuschränken ist ein immer wiederkehrendes Motiv von Kirche, Staat und Patriarchat ( bzw. patriarchalem Gedankengut) und auch derzeit ist sexuelle Selbstbestimmung noch nicht gegeben. Wir möchten in diesem Text am Beispiel von Tübingen zeigen, was das für Menschen, die ungewollt schwanger sind, konkret bedeutet.

Zunächst einmal kann es auch in Tübingen passieren, dass der/die Ärzt*in nicht professionell auf eure Aussage, dass die Schwangerschaft ungeplant/ungewollt ist, reagiert.

Stattdessen kann es, z.B. bei einem Gynäkologen nähe Lustnauer Tor ( vgl. auch Bewertungen auf jameda/googlemaps), passieren, dass ihr bei der Aussage „ungeplant“ ein „ Sie gewöhnen sich dran“ hört. Hier stellt sich die Frage, woran genau die schwangere Person sich gewöhnen wird (ans Schwanger sein? Daran ein Kind zu gebären, inklusive körperlicher Belastungen und Risiken? Daran, dass sie ihr Leben komplett umstellen muss? An die finanziellen Mehrbelastungen?).

Deutet die schwangere Person an, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen will, wird deutlich gemacht, dass die Praxis „nicht zuständig“ ist. Danach wird die Person konsequent ignoriert. Daher raten wir schwangeren Personen nicht in der Nähe des Lustnauer Tors eure Ärzt*innen zu suchen ( oder euch auf ein entsprechendes Klima einzustellen).

Leider ist diese Form der „Behandlung“ rechtlich abgesichert. Denn derzeit sind Schwangerschaftsabbrüche bis zur 12. Schwangerschaftswoche zwar straffrei, aber dennoch rechtswidrig. Wäre dies nicht mehr der Fall, müsste den Bedürfnissen der schwangeren Person von Gynäkolog*innen mehr Beachtung geschenkt werden.

Zudem besteht Straffreiheit nur, wenn medizinische oder kriminologische Indikationen vorliegen oder die schwangere Person sich einer Zwangsberatung unterzogen hat.

Diese verpflichtende Beratung hat ein Ziel: die schwangere Person davon zu überzeugen, die Schwangerschaft auszutragen.
Zwar ist es vielen Berater*innen ein Anliegen zu sagen, dass der Ausgang der Beratung offen ist. Das ändert aber nichts daran, dass der Inhalt der Beratung schon aufgrund der gesetzlichen Lage nicht neutral sein kann.

Denn laut Strafgesetzbuch hat sich die Beratung „von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen“ ( §219 StGB)
Ein Schwangerschaftsabbruch kann gemäß §219 StGB nur „in Ausnahmefällen“ gerechtfertigt sein und zwar, wenn daraus “eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, daß sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt.“

Ein Resultat dieser Zwangsberatung ist nach unserer Erfahrung, dass eine spätere Unterstützung bzgl. Wohnungs- und Kitaplatzsuche versprochen wird, die nicht eingehalten werden kann (selbst wenn sich manch engagierte Mitarbeiter*innen darum bemühen). Dies ist bei der angespannten Lage auf dem Wohnungsmarkt und Kitaplätzen wenig verwunderlich. Hier sollten schwangere Personen sich nicht von der Aufzählung von Unterstützungsangeboten einlullen lassen.
Bei einer ungewollt Schwangerschaft ohne/ in einer fragilen Beziehung, ist es ratsam sich bei Alleinerziehenden zu informieren und sich ein realistisches Bild zu machen. Die prekäre Situation von Alleinerziehenden ist nicht zufällig, sondern hat strukturelle Ursachen!

Einen Abbruch durchzuführen ist in Tübingen am UKT möglich. Nach unserem Kenntnisstand gibt es in Tübingen allerdings keine Arzt*praxis, die einen Abbruch vornimmt, weshalb schwangere Personen auf das UKT angewiesen sind. Dort sind sie beim Vorstellungstermin sowie nach dem Abbruch zwangsweise von Schwangeren, Neugeborenen und Eltern umgeben, was unangenehm bis belastend sein kann und daher i.d.R. nicht das Wohlergehen der Patient*innen fördert.

Fazit: Bei der derzeitigen Rechtslage müssen Frauen* bei einer ungewollten Schwangerschaft darauf vorbereitet sein, dass Ärzt*innen ihre persönliche Meinung in die Behandlung hineintragen und die schwangere Person verurteilen. Sie ist diejenige, die sich ggf. rechtswidrig verhält.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die verpflichtende Beratung nicht neutral ist und dass sie dies nach dem Strafgesetzbuch auch nicht sein darf.
Elternschaft in einem menschenfeindlichen System wie dem Kapitalismus sollte gut überlegt sein. Das Armutsrisiko steigt, insbesondere bei Frauen*. Ebenso sinkt regelmäßig die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe. Davon abgesehen sind Schwangerschaft und Geburt mit einer enormen körperlichen Belastung verbunden.
Ob die schwangere Person diese auf sich nimmt, muss alleine ihre Entscheidung sein.
Einen Abbruch in Tübingen durchzuführen ist möglich, aber die Rahmenbedingungen können je nach Person als (ziemlich) heftig empfunden werden und dazu führen, dass lieber weitere Wege in andere Städte unternommen werden.

Die Einflussnahme bei der Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruch ist anmaßend und muss endlich beendet werden. Dem wiedererstarkenden Gedankengut von rechten Fundamental*innen und Freikirchen muss Kontra gegeben werden. Statt weiterer Einmischung müssen die Paragraphen 218,219,219a endlich aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden!

Anmerkung zum *: Wenn wir von Frauen* sprechen benutzen wir das *, um darauf hinzuweisen, dass auch bspw. nicht binäre, Inter- und Trans-Personen Kinder bekommen können. Wir wünschen uns, dass das mehr in die Debatte einfließt