Palmers grüne Knüppelgarde

Bereits zum 25. Mal marschierten in Tübingen korporierte Fackelträger auf, um den Mai einzusingen. Auch dieses Jahr nicht ohne begleitenden Protest gegen dieses Ritual mit dem Charme eines SA-Aufzugs (durch die Uniformen, die Fackeln und die Tübinger Maisingen-Tradition 1933-35). Im Gegensatz zum letzten Jahr wurde der Bändelträger-Aufmarsch aber dieses Mal brutal durchgeboxt.

Im Jahr 2007 war noch es gelungen durch eine Blockade zu verhindern, dass die Mitglieder des „Tübinger Waffenrings“ den Holzmarkt erreichten.
Diesmal standen laut Zeitungsangaben 2.000 Demonstrierende (2007: 2.500) 200 Verbindungsstudenten (2007: 250) gegenüber, die von 500 Polizisten (2007: 250) geschützt wurden.
Nach einer – dem regnerischen Wetter zum Trotz – erfolgreichen Mayday-Parade (http://de.indymedia.org/2008/05/215132.shtml) sammelten sich Verbindungsgegner vor den Absperrgittern der Polizei. Diese waren schon 22 Uhr aufgebaut worden. Ebenso wurden ab dieser Uhrzeit schon ganze Straßen abgeriegelt. Beides war in dieser Weise in den vergangenen Jahren so nicht praktiziert wurden. Schnell wurde klar, dass die Zuständigen (OB, Polizei-Einsatzleiter) auf „Stärke“ und Eskalation setzten.
Eine Eskalation der Verhältnisse war anscheinend schon von vornherein geplant. Warum sonst sollten die Verantwortlichen vermummte Einsatz-Polizisten (wahlweise auch “Prügelbullen”, „Riot-“ oder „Robocops” genannt) in der demonstrierenden Menge vor (!) den Absperrungen postieren? Diese Riotcops bilden bei einer de-eskalativen Taktik eher die stille Reserve. So aber, war klargestellt, dass die traditionell hemmungsloseste und gewaltbereiteste (weil vermummt, von außwärts und ohne erkennbare Dienstnummer) Polizei-Einheit gleich vorne dran auf Knüppellänge bei den Demonstrierenden stand.
Und richtig, eine Runde Einsatz-Polizisten kesselte in einer abseits gelegenen Nebengassen (Hafengasse, Collegiumsgasse) dann auch ohne erkennbaren Sinn mehrere hundert Personen, Zuschauer wie Demonstrierende. Was diesen Polizisten an Zahl fehlte, versuchten sie durch Brutalität wett zu machen. Auf Leute mit erhobenen Händen und dem Ruf “Wir sind friedlich, was seid ihr?” auf den Lippen wurde exzessiv eingeschlagen. Mehrere Leute klagten auch darüber, dass Polizisten gezielt mit ihrem Schlagstock auf Hände geschlagen hätten, wenn diese auf den Gittern lagen.
Insgesamt zeigte sich in dieser Nacht ein in Tübingen bis dahin unbekanntes Ausmaß an Gewalt.
Doch bei der Hau-drauf-Taktik in der Hafengasse blieb es nicht. Der vorsorglich eingerichtete Ermittlungsausschuss dokumentierte sechs Festnahmen. Um sich mit den Festgenommen zu solidarisieren und auf deren Freilassung zu warten, versammelten sich ab 1 Uhr etwa 60 bis 70 Menschen vor der Polizeiwache in Derendingen. Die Situation war äußerst friedlich und entspannt. Bis Streifenwagen in Blaulich auffuhren, etwa 200 Riotcops ausstiegen und die Versammelten aggressiv zusammenschubsten und einkesselten. So vor dem Eingang der Polizeiwache konzentriert wurde dann wiederum befohlen sich wieder 100 Meter zu entfernen. Nachdem nicht alle eilfertig in die angegebene Richtung eilten, sondern normal gingen, wurden die letzten Abziehenden von den Polizisten durch die Büsche geschubst und sogar getreten.

Mensch darf gespannt sein, wie der verbindungs-nahe Tübinger OB Palmer (Grüne) versuchen wird den ungehemmten Schlagstockeinsatz zu rechtfertigen.

Gegen 2 Uhr wurde eine Besetzungsparty des ehemaligen Landratsamt in der Dobler-Straße (gegenüber vom Gericht) durch die Polizei beendet und die Musikanlage beschlagnahmt.

>>> Blick nach vorn: 2009 <<<
Die Kosten des Polizei-Einsatzes beliefen sich nach Angaben des „Schwäbischen Tagblattes“ auf über 100.000 Euro mit einem Anteil an 10.000 Euro für die Stadt (Für 10 Minuten schlechten Gesang!). Auf Grund der hohen Kosten und der allgemeinen Unbeliebtheit des Aufmarsches der finsteren Reaktionäre, steht die Idee einer sich harmloser ausnehmenden Ersatz-Veranstaltung im Raum.
Natürlich wäre ein Aussterben des korporierten Maisingens in Tübingen erst einmal ein Erfolg.
Das Problem an sich aber bleibt natürlich bestehen. Die Existenz sexistischer, reaktionärer und rechter Seilschaften, die ihre Ideologie in Universität und Gesellschaft verbreiten.
Auch ein korporiertes Bürgerfrühstück („Bürgerfrühschoppen“), wie es von den Verbindungen auf dem Platz vor der alten Burse als Ersatzveranstaltung angedacht ist, würde daher vermutlich auf den Protest von Verbindungsgegnern stoßen.

HINTERGRUND: Der Tübinger Waffenring
In so genannten Waffenringen organisieren sich auf lokaler Ebene alle pflichtschlagenden (fechtenden) Studentenverbindungen eines Hochschulstanortes.
Der Tübinger Waffenring (TWR) besteht aus 11 oder 12 Tübinger Studentenverbindungen (Landsmannschaft Ghibellinia, Landsmannschaft Ulmia, Turnerschaft Hohenstaufia, Landsmannschaft Schottland [Anmelder des Maisingens 2007], …) von insgesamt 33 Verbindungen Tübingens. Der TWR richtet in Tübingen in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai das so genannte Maisingen aus. Zu diesem kommen auch Mitglieder von Studentenverbindungen von außerhalb.
Laut jeweiligen Semesterprogramm nahmen auch die Stuttgarter Verbindungen Burschenschaft Hilaritas (dezeit Vorsitzende des extrem rechts dominierten Dachverbandes „Deutsche Burschenschaft“), das Corps Teutonia oder die Landsmannschaft Württembergia zu Hohenheim in Vergangenheit am Maisingen teil. Aus Rottenburg soll auch die, inzwischen inaktive, katholische Schülerverbindung Sumelocenna teilgenommen haben.
Am 1. Mai gibt es übrigens auch immer ein Maisingen der Reutlinger Verbindungen.

>>> „Rote Hilfe“ bittet um eure Mithilfe! <<<
Auf Bitten der örtlichen „Roten Hilfe“ veröffentlichen wir folgenden Aufruf:
* Wenn Ihr Bilder oder Filme von der Polizeirepression gegen die Anti-Maisingen-Proteste habt, dann schickt sie uns (gern auch anonym) bitte (Postfach-Adresse: Rote Hilfe – Ortsgruppe Tübingen-Reutlingen, c/o Infoladen Tübingen, Schellingstr. 6, 72072 Tübingen). Möglichst auf CD-Rom. Oder digital an: tuebingen@rote-hilfe.de

Fragt bitte auch mal im unpolitischen Freundeskreis herum. In der betreffenden Nacht haben auch viele ZuschauerInnen mit Handys Fotos von Polizeirepression gemacht oder gefilmt.

* Wenn es zu Verletzungen durch PolizistInnen kam, bitten wir euch diese durch einen Arzt dokumentieren und uns eine Kopie zukommen zu lassen.

>>> Berichte und Quellen <<<
* „Schwäbisches Tagblatt“, 30.04. und 02.05.2008
* „Reutlinger Generalanzeiger“, 02.05.2008
* Tagblatt-Video: Maisingen und Protest auf dem Holzmarkt, 01.05.2008, http://www.tagblatt.de/35672376/Nachrichten/Thema+des+Tages
* zwei Youtube-Videos über das Maisingen 1995 und 2006: http://www.youtube.com/watch?v=vvWynqwpnS4 & http://www.youtube.com/watch?v=i7q2aEW5vl8

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unmoderated

Ohne überhaupt auf die ganzen verdrehten bis schwachsinnigen Tatsachen, wie beispielsweise die Behauptung Palmer sei verbindungsnah, einzugehen - dies würde den Rahmen sprengen - frage ich einfach mal, wie es denn sein kann, dass, obwohl doch die so genannten "Riotcops" vor(!) den Absperrungen plaziert wurden, diese auf die auf den Absperrungen abgelegten Hände schlugen? Wiederspricht dies nicht Ihrer achso "friedlichen" Selbstdarstellung.
Eines noch, eher als Tipp gemeint. Wenn Sie über vermummte Polizisten herziehen, vermeiden Sie doch dies durch Bilder zu dokumentieren, auf denen Sie selbst vermummt sind.
Ehrlicher wirkt es, wenn man Farbe bekennt...Ach nein, das machen die Verbindungen ja schon.