Kundgebung: Schluss mit den Räumungsdrohungen und sozialer Kälte in unserer Stadt!

Dienstag, 14. Dezember 2021 um 17 Uhr vor der Gartenstraße 7

Eine schwangere Frau steht mit ihrem Partner auf der Straße und sucht nach Obdach.

Klingt wie die Weihnachtsgeschichte.

Diese trägt sich gerade jedoch nicht in Betlehem zu, sondern genau hier in Tübingen.

Betroffen sind von der drohenden Obdachlosigkeit in unserem Fall allerdings mehr als zwei Personen, darunter auch eine jugendliche Schülerin, ein Kleinkind, mehrere Alte und Menschen mit chronischen Erkrankungen.

Schon wieder eine Räumungsdrohung für die Gartenstraße 7 – mitten im Winter, mitten in der Pandemie und mit einer Frist nur zwei Tagen!

Am Morgen des 13.Dezembers 2021 betraten der Makler zusammen mit vier weiteren Personen in Zivil die seit Juni 2019 besetzte Immobilie in der Gartenstraße, fotografierten das Zuhause der dort lebenden Menschen und drohten in einem Brief mit strafrechtlichen Konsequenzen und einer Zwangsräumung, wenn die Bewohner*innen bis Mittwoch, 15.12.2021

um 9 Uhr das Haus nicht verlassen haben sollten. Außerdem sollen Strom und Wasser abgedreht werden. Im Gegenzug bietet die Erb*innengemeinschaft allen zehn Bewohner*innen zusammen läppische 500€, wenn sie das Haus innerhalb der Frist verlassen. Ein Hohn in einer Stadt, in der mensch für dieses Geld nicht mal für einen Monat eine Wohnung mieten kann.

Der Tübinger Wohnungsmarkt ist erbarmungslos.

Selbst für Studierende ist es schwer in Tübingen ein bezahlbares Zimmerchen zu finden.

Für Menschen ohne vorheriges Obdach, geregelte Arbeitsverhältnisse, umfangreiche Deutschkenntnisse und deutsch klingende Namen ist es in Tübingen unmöglich von heute auf morgen eine Wohnung zu finden!

Die Besetzung der Jahrzehnte leerstehenden Immobilie in der Gartenstraße 7 war im Sommer 2019 mit viel Hoffnungen verbunden. Die größte Hoffnung der Besetzer*innen war, das Haus mithilfe des Mietshäusersyndikats zu kaufen und so Wohnraum für mehr als 20 Menschen schaffen zu können, dabei Leerstand zu beenden und Raum für Selbstorganisation, geldfreie Begegnungen und Veranstaltungen zu schaffen.

Für kurze Zeit entstand in der Gartenstraße im zuvor ungenutzten Raum eine Utopie.

Im Café mit Kinderspielecke konnte jede*r vorbeikommen und sich einbringen, ohne konsumieren zu müssen. Fast jeden Tag fanden Konzerte und andere Veranstaltungen statt. Entscheidungen wurden jeden Abend basisdemokratisch getroffen. Mit der Stadt und der Erb*innengemeinschaft fanden Verhandlungen statt. Verschiedenste Menschen tümmelten sich unter dem Dach des ehemaligen Porzellanladens und arbeiteten zusammen.

Im Winter 2019 wurde das Haus zum ersten Mal ein Zufluchtsort im großen Stil. Im ersten Stock reihte sich Matratze an Matratze. Menschen aus verschiedensten Kontexten und Generationen überwinterten in der Gartenstraße und begannen im Haus zu Hause zu sein. Studierende lebten zusammen mit Arbeiter*innen und Arbeitslosen. Junge Erwachsene lebten zusammen mit Kindern und alten Menschen. Die Lebenssituationen und Muttersprachen im Haus hätten kaum diverser sein können.

Als die Pandemie kam, machte das zuvor offene Haus die Türen zu und die Menschen, die es zuvor von außen getragen, belebt und unterstützt hatten, zogen sich in ihre privaten Räumlichkeiten und Kreise zurück. Im Haus blieben vor allem die Menschen, die keine privaten Räumlichkeiten haben oder hatten, in die sie sich zurückziehen könnten. Wurden wir im Laufe der Pandemie nicht immer wieder dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben?

Seit uns die Pandemie 2020 erreicht hat, war die besetzte Immobilie in der Gartenstraße 7 ein Zuhause für obdachlose Menschen in der Corona-Pandemie.

Vieles hätte besser laufen können: Die Kommunikation mit Verhandlungspartner*innen, wie dem Mietshäusersyndikat und der Stadt, sowie der Umgang mit internen Konflikten.

Trotzdem können wir nicht zusehen, wie die Bewohner*innen nach 2 Jahren Besetzung mitten im Pandemiewinter mit 2 Tagen Ausziehfrist auf die Straße gesetzt werden. Geht’s noch? Das Recht auf Wohnen ist ein Menschenrecht – und das verteidigen wir.

Kommt am Dienstag, 14. Dezember 2021, um 17 Uhr vor die Gartenstraße 7 und lasst uns gemeinsam eine menschliche Lösung von Stadt und Erb*innengemeinschaft fordern!

Die Zermürbungstaktik, alle paar Monate mit Räumung zu drohen und mit existentiellen Notlagen zu spielen, muss aufhören.

Eine nachhaltige, menschenwürdige Lösung muss her!

Außerdem: Wir freuen uns auch, wenn sich so viele Menschen wie möglich am Mittwochmorgen ab 8 Uhr, vor der Gartensia einfinden, um die Bewohnenden in ihrer verletzlichen Lage zu unterstützen.