…nicht…mehr…meine ANTIFA^

Seit etwa drei Jahrzehnten bin ich Antifaschist. Ich bin in all diesen Jahren sehr oft gekesselt, mehrfach eingesperrt, vor das Gesetz gezerrt und auch verurteilt worden. Ich habe mich, überzeugt, u.a. an folgenden Sprechchören beteiligt: „Gebt den Nazis die Strasse zurück – Stein für Stein“, „Stalingrad, Stalingrad, jede Minute ein toter deutscher Soldat“ und: „Ein Baum, ein Strick, ein Nazi-Genick“. Ich gebe zu, dass meine Beteiligung an diesen Sprechchören meist (oder immer) von einer Gruppendynamik getragen war und meist auch aus einer Situation der Hilflosigkeit entstand: Wenn bekennende Neo-Nazis unter massivem Polizeischutz den Rassismus gepredigt und offen antisemitisch auftreten konnten, blieb mir oft nur die eine Strategie, sie durch Sprechchöre maximal zu provozieren.

Selbst in diesen Momenten war mir die zugrunde liegende Maxime in ihrer Prekarität grundsätzlich bewusst: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“. Die Prekarität dieser Aussage hat zwei Dimensionen. In ihrem historischen Zusammenhang ist dies eine Aussage, die Aspekte wie die Presse- und -meinungsfreiheit grundsätzlich unterstützt: gerade indem sie eine grundlegende Ausnahme definiert – die entsprechend präzise definiert sein sollten. Ansonsten wird sie schnell zum Freibrief, unerwünschte Meinungen unter der Androhung von Gewalt zu unterdrücken. Das ist die eine Dimension.

Die zweite Dimension war eher ein Gedankenspiel, so lange ich als Antifaschist eigentlich immer in erster Linie der Staatsgewalt gegenüber stand anschließend von dieser verfolgt wurde. Den Faschismus in seiner Ausnahme als Tatbestand der herrschenden Gesetzgebung herauszuheben und damit z.B. auch Militanz zu rechtfertigen, scheint mir bis heute zwiespältig.

Und wenn die spektakulärsten und damit ersten, plakativsten Erinnerungen an meinen Antifaschismus nun brennende Barrikaden enthalten, so war es auch immer Teil davon, als kleine Minderheit auf einem Dorfplatz zu stehen, Leute im Freundeskreis zuzuhören und umzustimmen. Zu diskutieren, zuzuhören, manchmal auch zu widersprechen und manchmal dafür auch Gegenwind, Ärger oder ein blaues Auge zu kassieren.

Unabhängig von der Bewertung findet gerade eine Einschränkung der Grundrechte statt und „die ANTIFA“ tritt dabei als ein Akteur auf, der ohne klare Definition von „Faschismus“ Menschen die Meinungs- und Versammlungsfreiheit unter der Androhung von Gewalt absprechen. Das ist das erste Dilemma. Das zweite Dilemma besteht darin, dass sich die Antifa hierbei auf jener Situation befindet, welche auch die Regierung (parteienunbhängig) vertritt. Sie setzt mit Gewalt die herrschende Meinung durch. Das ist nicht mehr meine Antifa.