Kommentar zu der Frage „Gibt es bei den Tübinger Demos gegen die Corona-Maßnahmen Rechte?“

Früher hieß es mal Antifa sei „mehr als nur gegen Nazis!“.
Ja, es gibt Rechte auf den Demonstrationen. In Tübingen sicher weniger als in Bautzen. Trotzdem führt die Frage auf ein Nebengleis.
Denn dass Rechte – von Anfang an – an den Demos beteiligt waren, ist nur eines von mehreren Problemen, die Antifas mit diesen Demos haben sollten.
Es handelt sich übrigens nicht um irgendwelche zufällig mitlaufenden Rechten. Der Querdenken-Label-Gründer Michael Ballweg entpuppte sich im Oktober 2020 als Anhänger des Reichsbürgers Michael Fitzek aka „König von Deutschland“. Wer seitdem noch zu Demonstrationen unter dem Querdenken-Label geht oder sich in den entsprechenden Online-Gruppen bewegt, muss sehr blind, sehr ignorant oder ein Fan solcher Ideen sein.

Ein anderes Problem ist, dass die Demos die Gefährlichkeit von Corona leugnen. Um da irgendwas von links besetzen zu können, wie in von manchen Linken vorgeschlagen, müsste man diesen Aspekt komplett ignorieren.
Linke, die das tun, würden einen Sozialdarwinismus und und einen egoistischen Freiheitsbegriff („ich will tun, was ich will und alle anderen sind mir egal“) unterstützen.
Wer an den „Montagsspaziergängen“ teilnimmt, verhält sich unsolidarisch gegenüber den meisten Angehörigen des Pflegepersonals, die mit den Folgen von diesem Egoismus tagtäglich zu kämpfen haben. Natürlich ist das nur eine Verschärfung des kapitalistischen Normalzustandes.

Das weitere zusammen haltende Element der Demonstrationen sind Verschwörungserzählungen. Manchmal ist es eher Geraune, oft aber die feste Annahme dunkle Mächte würden im Hintergrund die Fäden ziehen. Der Übergang zum Verschwörungsantisemitismus ist strukturell zumindest angelegt. Wer mal in den Telegram-Gruppen nach Worten wie „Soros“ oder „Rotschilds“ sucht, wird schnell fündig. Wie die Endstation aussehen kann, demonstriert anschaulich Attila Hildmann.
Dass viele ihren eigenen Antisemitismus nicht erkennen oder wahrhaben wollen, gehört zum Wesen solcher gruppenbezogener menschenfeindlicher Ideologien. Für die Betroffenen ist das aber stark nachrangig.

Auch die Erzählung von den armen Verführten, die Rattenfänger*innen auf den Leim gegangen sind, führt komplett in die Irre. Es handelt sich um mündige Menschen, die eigene Entscheidungen gefällt haben. Wer mal fünf Minuten in den Telegram-Kanälen verbracht hat, die/der dürfte Antisemitismus, Reichsbürgertum, NS-Relativierungen, Lynchaufrufe und Verschwörungserzählungen aufgefallen sein, plus dem Feindbild Medien und dem Feindbild Links. Ähnliches findet sich auf der Straße, wenn auch oft verdeckt.
Wer da hingeht, weiß in der Regel worauf sie/er sich einlässt.

Wer, in offensichtlich polemischer Manier, fragt, wo die Rechten auf den Demos in Tübingen sind, offenbart ein eindimensionales Verständnis von Antifaschismus. Es geht nicht nur um die Rechten, sondern auch bzw. vor allem um die bei den Pandemie-Leugner*innen vertretenen Inhalte.
Sich gegen diese zu stellen, bedeutet den Slogan „mehr als nur gegen Nazis“ endlich einmal umzusetzen.