Ab durch die Krise: Tueinfo-Interview mit „about:utopia“

1. Frage: Bitte stellt euch kurz vor.

Antwort: Wir sind eine Gruppe unterschiedlicher Menschen. Wir haben nicht immer dieselben Interessen und sind uns auch nicht immer einig. Was uns verbindet ist unsere Wut auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Deshalb diskutieren, kritisieren und protestieren wir gemeinsam! Was wir uns wünschen sind Solidarität und neue Utopien. Wir wollen füreinander und für andere da sein, einstehen und neue Formen des Zusammenlebens suchen und ausprobieren. Unser Selbstverständnis findet ihr unter https://aboututopia.org/portfolio-item/selbstverstandnis/.

2. Frage: Wie hat sich Politik von den Themen her für euch unter Corona-Bedingungen verändert?

Antwort: Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass die Fehler und die Misere des kapitalistischen Systems breiter in der Gesellschaft diskutiert werden. Unsere Themen haben sich nicht verändert, sind durch den bestehenden Diskurs aber „anschlussfähiger“ für Menschen außerhalb der linken Szene geworden.

3. Frage: Wie hat sich Politik von der Praxis her für euch unter Corona-Bedingungen verändert?

Antwort: Stark, weil wir das Virus ernst nehmen und uns und andere schützen möchten. Wir wollen eigentlich Politik auf die Straße tragen und für alle Menschen erlebbar machen, mussten dann aber fast alles ins Web verschieben. Dadurch haben wir uns aber auch neue Skills angeeignet, die wir jetzt und in Zukunft nutzen können, um unsere Inhalte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Zum Beispiel in dem wir Veranstaltungen in Hybridform, also sowohl in Präsenz als auch mit Liveübertragung oder Aufzeichnung, anbieten.

4. Frage: Wart ihr an Nachbarschafts-Hilfen beteiligt?

Antwort: Als Gruppe waren wir nicht an Nachbarschafts-Hilfen beteiligt.

5. Frage: Was vermisst ihr als politische Gruppe am meisten?

Antwort: Die intensive Auseinandersetzung inhaltlicher Natur hat unter der Corona-Pandemie stark gelitten, da ein Zusammensein zeitweise nicht verantwortungsvoll möglich war. Das gilt ebenso für den Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen politischen Gruppen.

6. Frage: Welche Stellung bezieht ihr als Gruppe gegenüber der staatlichen Corona-Politik?

Antwort: Als Gruppe streben wir eine Gesellschaft an, in der die zwischenmenschliche Fürsorge und Rücksichtnahme einen viel größeren Stellenwert einnimmt, als dies aktuell der Fall ist. Vor diesem Hintergrund wäre aus unserer Perspektive eine Informationskampagne zur Steigerung der Sensibilität ein besseres Mittel gewesen, um die Menschen dazu zu bewegen, sich rücksichtsvoll zu verhalten. Es ist uns jedoch ebenfalls bewusst, dass Selbstverpflichtungen in der kapitalistischen Realität gegenüber wirtschaftlichen Akteuren kaum wirksam sind.
Die Corona-Politik des Staates hat uns nicht überrascht. Es ist eine Politik, die wirtschaftliche Interessen über den Schutz der Menschen stellt und sich durch einen autoritären Charakter auszeichnet. Unserer Meinung nach macht die Corona-Politik die grundlegenden Probleme des kapitalistischen Systems noch spürbarer als sonst. Denn Menschen müssen letztlich ihr Leben und das ihnen nahestehender Personen aufs Spiel setzen, indem sie trotz Pandemie weiterhin zur
Anwesenheit in Betriebe und Großraumbüros gezwungen werden. Währenddessen sollen sie aber auf sämtliche private Kontakte und Freizeitgestaltung verzichten. Die staatliche Corona-Politik verfehlt außerdem das Ziel, einen solidarischen Umgang mit den zusätzlichen Belastungen, die durch die Pandemie hervorgerufen wurden, zu finden und begünstigt einen solchen auch nicht.

7. Frage: Aus linken Zusammenhängen wird von Konflikten im persönlichen und allgemeinpolitischen Umgang mit den Corona-Verordnungen berichtet. War das bei euch auch so?

Antwort: Wenn die staatliche Politik auf Mittel wie Ausgangssperren zurückgreifen, die sonst nur zur gewaltsamen Bekämpfung von Putsch(-versuch)en oder Revolution(-sversuch)en bekannt sind, dann ist das für uns eine Politik aus der Perspektive von alten, reichen Menschen und geht vollkommen an unserer Lebensrealität vorbei. Wir gehen nicht abends auf Empfänge mit ausgewähltem Publikum, sondern treffen uns mit unseren Freund*innen auf der Straße, weil wir zum einen nicht in riesigen Villen leben und zum anderen ein Treffen unter freiem Himmel für viel verantwortungsvoller erachten. Insofern: ja, wir befinden uns in einem persönlichen Konflikt mit den Corona-Verordnungen – gleichzeitig jedoch natürlich auch mit Menschen aus dem sogenannten „Querdenker“-Umfeld.

8. Frage: Wie seid ihr mit persönlichen, krisenverursachten Problemen (Einkommen, psych. Probleme) von Mitgliedern eurer Gruppe umgegangen?

Antwort: Eines unserer Ziele ist es, das solidarische Miteinander zu fördern und im Hier und Jetzt Alternativen vorzuleben und sichtbar zu machen. Das versuchen wir natürlich auch innerhalb unserer Gruppe umzusetzen und individuelle Probleme kollektiv aufzufangen und Lösungen zu finden. Auf Details möchten wir an dieser Stelle aber nicht eingehen.

9. Frage: Welche lokalen/globalen Themen sind eurer Meinung nach zu sehr im ‚Corona-Schatten‘ verschwunden?

Antwort: Die persönlichen und strukturellen Belastungen, die durch die Corona-Pandemie hervorgerufen wurden, haben es aus unserer Perspektive in fast allen Betätigungsfeldern linksradikaler Politik schwerer gemacht, Aufmerksamkeit zu generieren. Davon lassen wir uns jedoch nicht entmutigen, sondern gehen umso motivierter vor und entwickeln neue Strategien um unsere Inhalte sichtbar zu machen.

10. Frage: Zum Schluss, ein Blick in die Zukunft. Was muss eine Linke jetzt tun?

Antwort: Eigentlich hat sich nichts geändert. Es gilt die gleichen Dinge zu verändern wie vor der Corona-Pandemie. Der Kampf der Linken muss der Überwindung des Kapitalismus und aller anderen menschenverachtenden Einstellungen und Verhaltensweisen gelten.