Buchrezension „Gerhard Bialas“

Einen ‚Gogen-Kommunisten‘ nannte ihn einst ein Lokalblatt. Die Rede ist von dem 1931 geborenen Gerhard Bialas. Diesem wurde einem in diesem Jahr erschienene Biografie mit dem Titel „ Gerhard Bialas. Gärtnermeister – Friedenskämpfer – Kommunist“ gewidmet.
In dieser heißt es über den Porträtierten:
„Seit 70 Jahren ist Gerhard Bialas unermüdlich und unbeugsam als Kommunist und Kommunalpolitiker aktiv. Was ihn dabei antrieb und zu seiner Lebensaufgabe wurde, war die Empörung über die Not der vielen Menschen, die an Ausbeutung und sozialen Ungerechtigkeiten litten, der immense Reichtum Weniger im Kapitalismus, das Leiden und Morden in Kriegen – er kämpft sein Leben lang dafür, das zukünftigen Generationen zu ersparen.“
(Seite 195)

Bialas wurde 1931 in eine deutschnational eingestellte Familie in Schweidnitz im damals zu Deutschland gehörigen Schlesien geboren. Später wird sein Vater zum Hitler-Anhänger. Bialas beschreibt wie sein Vater ein lebensgroßes selbst gemaltes Hitler-Porträt am Führer-Geburtstag ans Fenster stellte.
In der Schule herrschte damals ein autoritärer Erziehungsstil vor, der u.a. die Prügelstrafe beinhaltet, die Bialas öfter erleiden muss.
Mit der näher rückenden Front schließt sich die Familie von ihm dem Strom der nach Westen Flüchtenden an.
In Westdeutschland werden die Ostflüchtlinge, wie z.B. aus Schlesien, lange in Flüchtlingsheimen untergebracht. In dieser bitteren Nachkriegs-Not wächst der junge Bialas auf. Seine Mutter starb 1948 an den Kriegsfolgen, u.a. an einer TBC-Erkrankung .

Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelt Bialas eine starke Abneigung gegen den Krieg seit Anfang 1950 Sympathien für den Parteikommunismus.
Er wird von Oktober 1951 bis zum staatlichen Verbot 1956 Mitglied der KPD.
Gleichzeitig verschlug es ihn 1951 nach Tübingen, wo er bis heute ansässig ist.
Hier heiratete er 1954 Christa mit er zusammen fünf Kinder hat. Christa Bialas ist ebenso wie er eine überzeugte Parteikommunistin.
Nach dem KPD-Verbot wurde Gerhard Bialas dann in der erfolglosen Partei „Deutsche Friedensunion“ aktiv.
Später, im Jahr 1968, schließt er sich dann der DKP an. Für die DKP wird er 1974 in den Gemeinderat und 1979 in den Kreisrat gewählt.
Insgesamt war er 21 Jahre Kreisrat und 31 Jahre Gemeinderat.
Er engagierte sich in diversen Bürgerinitiativen aktiv. Themen sind der Erhalt der Ammertal-Bahn, die Erinnerungspolitik oder die Forderung „Wohnungen statt Kasernen“.
Sein Engagement ist verdienstvoll und nicht selten auch von Erfolg gekrönt.
Auch per Leserbrief meldet sich Bialas häufig zu Wort; er verfasste weit über 500 Leserbriefe und schreibt bis heute welche.
Diese Leserbriefe sammelt auch der Inlandsgeheimdienst ‚Verfassungsschutz‘, der Bialas von 1950 bis heute (!) bespitzelt. Eine Folge des rigoroser Antikommunismus der Nachkriegszeit, die Bialas Positionen lange zu dem einer Minderheit in den Kommunen machten.

Beruflich wird Gerhard Bialas Landschaftsgärtner. Er ist lange Zeit im Botanischen Garten für den Steingarten aktiv ist. Passend dazu ist Bialas privat seit frühster Jugend ein passionierter Imker.
Sein kommunalpolitisches Engagement und seine Bodenständigkeit sorgten dafür das Bialas fest verwurzelt ist und auch als Kommunist immer wieder gewählt wird.

Das dargestellte Lebenswerk von Bialas mit seinem Idealismus und seiner Hartnäckigkeit nötigen einem Respekt ab, sollten aber nicht davon abhalten auch mal etwas kritisch hinzuschauen.
So wird Bialas mit dem folgenden Satz über die Wende 1989/90 zitiert: „Diese Wende betrachtete ich als die schlimmste Niederlage für die Arbeiter- und auch Friedensbewegung nach 1945.“ (Seite 73)
Das sehen Ehemalige in der DDR-Bürgerrechtsbewegung vermutlich und zu Recht etwas anders, die unter einigen Risiken die SED-Diktatur stürzten. Zumal die DDR mindestens ebenso militaristisch war wie Westdeutschland. Generationen von Schüler*innen mussten in der DDR zum Beispiel an vormilitärischen Übungen teilnehmen.
Gerne hätte man als Leser*in auch mehr zur Positionierung von Bialas zu verschiedenen weltpolitischen Geschehen erfahren. Hat er z.B. die bejahenden Positionen der DKP zur militärischen Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968 mitgetragen? Hier hätte die damalige und die heutige Position von Bialas zu dieser Haltung schon auch die oder den Leser*in interessiert.

Negativ fällt auch ein im Buch enthaltener Text von Jona Textor auf. Dieser ätzt:
„Ein Großteil der studentischen Linken und der »linken Szene« in den diversen Tübinger Wohnprojekten war stark antikommunistisch eingestellt und beschäftigte sich mit postmoderner Identitätspolitik, Israelsolidarität und der Verteidigung der eigenen »Freiräume«.“
(Seite 218)
Kritik an Fans des autoritären Staatssozialismus mit dem Label ‚Antikommunismus‘ abzuwehren, ist dann doch recht billig.

So bleibt bei der Lektüre für libertäre Leser*innen leider ein gewisser bitterer Nachgeschmack zurück. Trotzdem kann die Biografie von Bialas mit einigem Gewinn in Bezug auf die linke Kommunalgeschichte Tübingens gelesen werden.
Das Buch ist reich bebildert und enthält viele Zitate von Gerhard Bialas.

Gisela Kehrer-Bleicher und Martha Stirner (Hg.): Gerhard Bialas. Gärtnermeister – Friedenskämpfer – Kommunist, Verlag holunderwerk, Tübingen 2021.