Ende der G7

Der Prozess der Besetzung der Gartenstraße 7 scheint verloren: Retraumatisierung der Betroffenen und ihrer Unterstützer:innen auf allen Ebenen. Ein Résumé.

 

## Triggerwarning und Thema:

Sexualisierte Übergriffe, Täterschutz, Wohnungslosigkeit, körperliche Gewalt, Relativierung, Tone-Policing und Ausschluss sind seit über einem Jahr Lebensrealität der Betroffenen und ihrer Unterstützer:innen. Nun gilt das soziale Wohnraumprojekt der Gartenstraße und die Unterstützung des Mietshaussyndikats (kurz MHS) als beendet. Tagblattartikel und öffentliche Aussagen geben nicht die Sicht derer wieder, die seit dem Prozess der Besetzung unter den Handlungen der Beteiligten leiden.

 

Liebes Tübingen,

nein, der Besetzungsprozess ist nicht nur Schuld der Besetzenden. Denn zu diesen zählten zu Beginn noch motivierte Menschen, die aufgrund der gesellschaftlichen Gewaltverhältnisse und sexistischen Strukturen in und um die G7 das Haus verlassen mussten.

Ich bin wütend! Wütend, schockiert, traurig und sekundär traumatisiert.

Was ist eigentlich passiert nach den sexualisierten Übergriffen und dem Rauswurf der Betroffenen aus der G7? Wieso konnte das Projekt nicht mehr gerettet werden? Die Dynamiken seitdem werden von allen Seiten unterkomplex betrachtet. Die Gesamtsituation, das Umfeld, Abhängigkeitsverhältnisse und die Verschränkungen der sexistischen, klassistischen und rassistischen Machtverhältnisse werden außer Acht gelassen. „Dabei sind sie entscheidend dafür, inwieweit Betroffen_en von sexualisierter Gewalt nach der Tat geglaubt wird und sie Unterstützung erfahren, oder ob sie allein gelassen werden, stumm bleiben oder zusätzliche Diskriminierung erfahren“ (Ann Wiesental 2021: Antisexistische Awareness. Ein Handbuch. Kapitel 11: Trauma.)

Doch die Bildung der Bürger:innen Tübingens in den Bereichen Sexismus, Psychismus, Trauma und Trigger sowie Rassismus und Klassismus haben wir als mangelhaft (um es milde auszudrücken) erlebt. Ein bisschen Bildung lässt sich aufholen? Das wäre dringend nötig, denn was es für Betroffene von Sexismus, Psychismus, Rassismus und Klassismus heißt, haben wir am eigenen Leib die letzten zwei Jahre erleben müssen.

Die Betroffene hat in keinem der vielen selbstverwalteten Wohnprojekte Wohnraum gefunden, obwohl diese sich öffentlich gegen Diskriminierung und Sexismus aussprechen und Zimmer neu vermietet wurden. Die Betroffene und Teile ihre Unterstützer:innen bekamen Hausverbot in der Schelling, da ihre und die Aussagen ihrer Unterstützer:innen relativiert und als Lügen dargestellt wurden. Ihr Trauma und ihre Trigger wurden missbraucht, um gegen sie zu hetzen, sie als bedrohlich zu stigmatisieren und sie auszuschließen. Auch ein Unterstützer wurde aus dem Bauwagen einer Freundin auf dem Schellinghof rausgeworfen – durch einen Mob aus mehreren täterschützenden Personen mitten in der Nacht. Nach außen hin riegelt sich die Schelling informell ab, die Bewohner:innen haben über solche Dinge zu schweigen und alles wird wohl intern geregelt. Täterschutz at it`s best.

Die Betroffene wurde vom Tübinger Awarenessteam nach den Vorfällen in der G7 unterstützt. Aufgrund der gewaltausübenden Personen und Täterschützer:innen führte dies allerdings dazu, dass Awarenessstrukturen, also traumasensible und triggerschützende Strukturen, konsequent verhindert wurden. Die Betroffene und ihre Unterstützer:innen wurden im Laufe des Prozesses dadurch immer weiter getriggert und retraumatisiert.

Ihre re- und sekundären Traumatisierungen wurden von Teilen der Besetzenden und von Bewohnenden der Tübinger Wohnprojektszene weiter missbraucht und genutzt, um die Betroffene und ihre Unterstützer:innen als Lügner:innen, als verrückt, hysterisch und bedrohlich darzustellen und auszuschließen.

Dies ist kein Einzelfall: Ausschlussdynamiken in Form von psychischer Diskriminierung, von tone-policing, gaslighting und Täter-Opfer-Umkehr gehören zu den klassischen Dynamiken, die nicht erst seit den Straftaten der sexualisierten Gewalt auf dem Festival Monis Rache als gesellschaftlich strukturell-bedingte, wiederkehrende Dynamiken bekannt sind, um Gewalt ausübende Personen zu schützen und Betroffene auszuschließen.

Diese Dynamiken bestehen im Zusammenhang mit dem Prozess der Besetzung seit dem Umgang mit der Betroffenen in der G7 und dauern BIS HEUTE an.

Konsequenz des Ganzen: Die Ansprechpersonen der Stadt und der Makler verwaschen und blockieren den Kontakt der Betroffenen und ihren Unterstützer:innen, die aus dem Leerstand ein FLINTA-Wohnprojekt (Female Lesbian Inter Non-Binary Trans A-Gender) machen wollten, um Betroffenen von Traumata einen sicheren Wohnraum in Tübingen zu schaffen. Teile der regionalen Koordinationsstelle des MHS (Träger:in vieler Wohnprojekte in Tübingen) verbieten der Betroffenen und ihren Unterstützer:innen, den Kontakt zum MHS auch nur zu erwähnen, trotz besserem Finanzierungsplan und professionell erarbeitetem Sozialkonzept (für das niemand Interesse hatte, auch die Ansprechpersonen der Stadt nicht). Die Koordinationsstelle des MHS in Tübingen möchte bezahlbaren und sozialen Wohnraum schaffen, das Konzept der Projekte interessiert aber nicht die Bohne.

Informationen über den Hauskaufprozess werden gegenüber den Unterstützer:innen verschwiegen. Ein Freund der städtischen Ansprechpartner verteidigte über eine Wohnraumbündnis Mail-Adresse die untransparenten und falschen Aussagen der städtischen Ansprechpersonen, traf sich mit der Betroffenen und Ihren Unterstützer:innen, um den Konflikt für seine Freund:innen zu klären, verteidigte dort hauptsächlich die rassistischen Mailaussagen der städtischen Ansprechpersonen und ging danach nicht mehr auf die Aussagen und Unterstützungswünsche der Unterstützer:innen ein. Die sexistischen Dynamiken sind soweit vorgedrungen, dass die Betroffenen und ihre Unterstützer:innen generell nicht angesprochen und gemieden werden. Pseudo-investigativ recherchieren Menschen aus der Tübinger Wohnprojektsezene inwieweit den Aussagen der Betroffenen und ihren Unterstützer:innen im Hauskaufprozess geglaubt werden kann. Sie fragen nicht bei der Betroffenen und den Hauskaufplanenden nach, sondern schaffen so Missverständnisse und Hass gegenüber der Betroffenen und ihren Unterstützer:innen in weiteren politischen Räumen und Gruppen.

Und nicht nur das: Sie schaffen auch erneute Retraumatisierungsdynamiken. Die Unterstützer:innen und die Betroffene sind erneut wieder soweit, das Projekt aufgrund der retraumatisierenden Dynamiken abgeben und aufgeben zu müssen. Es werden offene Kontakt- und Unterstützungsangebote suggeriert, bei denen erst im Nachhinein erkennbar ist, dass der eigentliche Grund der Kontaktaufnahme ein anderer war. Es sind keine ehrlichen Beziehungsangebote, sondern Schutzdynamiken, mit denen sich das MHS, die Ansprechpersonen der Stadt und weitere Beteiligte vermeintlich vor dem schützen wollen, was mit der Betroffenen und ihren Unterstützer:innen seit zwei Jahren passiert: Dass schlecht über sie geredet wird. Und dadurch der gute Ruf und die erarbeiteten Handlungsmöglichkeiten flöten gehen. Doch dies ist Selbstschutz auf Kosten der Betroffenen und den Unterstützer:innen. Die retraumatisierenden Dynamiken verstärken sich. Erneut erfahren die Betroffene und die Unterstützer:innen Druck, sich gegenüber Unbekannten outen zu müssen und transparent zu sein, trotz der Gewalt die sie dadurch erfahren haben. Wird dies aber getan, sind die kontaktierenden Personen nicht mehr bereit, ebenso ehrlich und transparent zu sein. Es ist kein ehrlicher Kontakt auf Augenhöhe. Den Betroffenen und ihren Unterstützer:innen wird dadurch vermittelt, dass ehrliches Interesse und ein ehrliches Beziehungsangebot gemacht wird, was sich danach als nicht richtig darstellt. Sie öffnen sich und werden danach mit Desinteresse gestraft. Dies ist Vertrauensmissbrauch. Ob gewollt oder nicht. Genau dieses Gefühl von Vertrauen, das aufgebaut wird und dann zerstört wird, geschieht auf die Gefahr hin, die Betroffene und ihre Unterstützer:innen wieder zu triggern und zu retraumatisieren. Eine Unterstützung erhalten sie nicht. Dabei sind ehrliche und auf Verständnis basierende Beziehungen für Betroffene und traumatisierte Menschen essentiell, um wieder Sicherheit zu erleben und von dem Gefühl Abstand zu bekommen, entmenschlicht zu werden und handlungsunfähig zu sein.

Heimatliche Vetternwirtschaft bestimmt die Wohnmöglichkeiten in der Projektszene Tübingens auf Kosten von denen, die genau durch diese gesellschaftlich-strukturelle Diskriminierung betroffen sind: in unserem Fall FLINTA. Zur Wohnprojektszene zu gehören heißt nunmal nicht automatisch, diskriminierungsfrei zu handeln. Wenn ihr aktiv Politik machen wollt, ist jetzt Bildung angesagt, liebe Freund:innen.

Ich schäme mich für Teile der Besetzenden, für Teile des MHS, die städtischen Ansprechpersonen und deren Freund.

Mein Dank gilt der Betroffenen, meinen engsten Freund:innen, meinen Supporter:innen und meiner Universität, durch die ich trotz meiner Traumatisierung noch handlungsfähig bin.

Zugeschickt durch Unbekannt

Veröffentlicht durch TMA-Tübingen

Mail: TMA-tuebingen@protonmail.com

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