Gartensia: „Die Besetzung ist nicht beendet!“ in Graswurzelrevolution

aus GWR 461 September 2021:

„Die Besetzung ist nicht beendet!“
Gartensia in Tübingen

Seit vor zwei Jahren die Gartenstraße 7 in Tübingen von einer Gruppe linker AktivistInnen besetzt wurde, ist es still um das Wohnprojekt geworden. Mit diesem Artikel in der Graswurzelrevolution möchten die UnterstützerInnen auf das Projekt aufmerksam machen. (GWR-Red.)

Nur wenige Monate nachdem Oberbürgermeister Boris Palmer GrundstücksbesitzerInnen mit Leerstand die Enteignung angedroht hatte, nahm sich die BesetzerInnen-Gruppe in der Nacht zum 19. Juli 2019 das Haus mit Neckarblick.
Die besetzte Immobilie wurde zum Protestdenkmal gegen eine Stadtpolitik, in der Wohnraum eine Ware wie viele andere ist. Den TübingerInnen waren ungebrochen steigende Mieten ein Dorn im Auge, während Dutzende leerstehende Häuser Verknappung und Preis von Wohnraum weiter vorantreiben.
Seit die Besetzung begann, lebten hier sowohl Erwachsene unterschiedlichen Alters als auch Kinder. Konzerte, politische Diskussionsrunden, Filmabende und Partys erfüllten das Haus. Im Erdgeschoss konnte im Café auf Spendenbasis jeder Mensch so viel Zeit verbringen, wie er wollte, und sich im Haus einbringen. Doch viele Erwartungen an das, was ein Haus für alle Interessierten sein sollte, fielen der Pandemie und inneren Streitigkeiten zum Opfer.

Am 3. August 2021 sendete die Gartensia die Information über alle Verteiler, dass das Ordnungsamt am Mittwoch, also am nächsten Tag, das Haus betreten wolle, um allen BewohnerInnen zu sagen, „dass sie auszuziehen hätten, und dabei womöglich auch ihre Personalien feststellen, was zur Kriminalisierung von den dort lebenden, ohne die Gartensia wohnungslosen, Menschen genutzt werden kann.“
In der Presseerklärung kritisiert das Bündnis, der „Automobil- und Digitalisierungsindustrie“ werde in der Stadt durch „Steuererleichterungen und läppische Preise für kommunalen Grund“ (…) „Tür und Tor geöffnet“, während der Druck auf „Pfandsammler*innen“ und „junge Geflüchtete ohne Arbeitserlaubnis und mit der unvorstellbaren Bedrohung einer Abschiebung“ steigt.

Das Ziel der Besetzung war es, in Gesprächen mit dem Mietshäuser Syndikat und der Stadtverwaltung bezahlbaren Wohnraum in der Gartenstraße zu schaffen, doch da sich die Stadt jetzt keinen AnsprechpartnerInnen mehr gegenüber sah, wollte sie die noch in der Gartensia Verbleibenden über die Lage informieren und sie „bitten, das Gebäude zu verlassen“. Seit dem Tod der vorherigen Besitzerin habe die Erbengemeinschaft signalisiert, das Haus an eine Privatperson verkaufen zu wollen. Diese Umstände veranlassten das Tübinger Tagblatt am Mittwoch zu dem Urteil „Die ‚Gartensia‘ ist am Ende“.
Doch trotz Ankündigung ließ sich das Ordnungsamt den ganzen Tag nicht blicken.
Die UnterstützerInnen kritisierten, dass die Stadt SozialarbeiterInnen vorbeischicken könnte, um den ohne Gartensia Wohnungslosen eine Alternative anzubieten. Aus Angst vor den Behörden zog eine Frau mit ihren zwei Kindern vorerst aus dem Haus aus.
Eine Unterstützerin machte klar, sie habe „keinen Bock auf Luxussanierung in einer Stadt, in der Wohnraum so schon knapp und teuer ist“, und betonte, das Haus sei auch ohne laufende Kaufgespräche und ohne Veranstaltungen eine Zuflucht für solche, die wegen des Wohnungsmarktes keine andere Bleibe finden könnten. Außerdem helfe das Haus, „den Kreislauf von kein Job, keine Wohnung und keine Wohnung, kein Job“ zu durchbrechen. Die Lösung, die BewohnerInnen in Sozialwohnungen zu stecken, nehme „den Leuten die Selbstbestimmung weg, die sich hier gegenseitig Unterstützung aufgebaut haben.“
„Wenn ich Cord Soehlke die Mülltonnen wegnehme, würde es bei ihm auch verwahrlosen“, entgegnete eine ehemalige Bewohnerin der Kritik des Baubürgermeisters, dass das Haus verwahrlost sei. Seit Jahren ist die Gartensia nicht an das Müllnetzwerk angeschlossen. Doch ist in den letzten Jahren einiges passiert: Es wurden Reparaturen vorgenommen, die Zimmer wohnlich eingerichtet, Dinge im Garten gebaut, und es werden Hühner gehalten.
Um das Projekt wieder aufleben zu lassen, appellierten die UnterstützerInnen Anfang August daran, mit der Gerüchteküche aufzuräumen, und fordern Leute anderer Wohnprojekte auf, sich zu solidarisieren und sich gemeinsam für diese Besetzung in ihrer Stadt verantwortlich zu fühlen.“