Kranz entführt – Soldaten sind Mörder

Am 14.11.21, dem sogenannten Volkstrauertag, hat die DAF (Demokratische Aktionsfront) den Kranz der Universitätsstadt Tübingen vor dem Kriegsdenkmal an der Steinlach entführt und dem am 1. März 1971 von der Polizei erschossenen 17-jährigen Lehrling Richard Epple umgewidmet.

Der nach dem ersten Weltkrieg eingeführte Volkstrauertag sollte damals den gefallenen Soldaten gedenken, unter den Nazis wurde er zum Heldengedenktag umbenannt und so Mörder zu Helden stilisiert. Die DDR setzte einen Kontrapunkt und ersetzte den Volktrauertag durch den internationalen Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg. Dagegen blieb der Umgang mit dem Volkstrauertag in der BRD vage. Wenig verwunderlich bei der Kontinuität an Nazis im Staat. Er ist ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Gefallenen beider Weltkriege.

Zumindest ist er das offiziell, denn dass die Universitätsstadt Tübingen

zwar an Soldatendenkmälern Ehrenkränze hinterlegen lässt, aber keine am Synagogenplatz, also dem Ort des Gedenkens an die größte Opfergruppe des Nationalsozialismus, zeigt auf, dass zumindest Tübingen es darum geht die Opfer des Nationalsozialismus zu vergessen, alleine das alte Soldatengedenken weiterzuführen und damit die Geisteshaltung die den

Nationalsozialismus mächtig machte zu erhalten. Am Synagogenplatz gedachten nur die (durch die Konservativen als antisemitisch diffamierte) Linksfranktion und der Jugendgemeinderat mit Kränzen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus.

Die Tradition der Nazis und deren Steigbügelhelfer setzt Tübingen mit Kränzen für gefallene Soldaten bis heute fort. Dabei wäre heute ein Tag sich als Universitätsstadt mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Denn Tübingen war schon vor der Machtübergabe an die Nazis 1933 nicht nur eine Hochburg des Nationalsozialismus, sondern „eine Hochburg der Hochburgen“ (Geschichtswerkstatt Tübingen). Die Professorenschaft und die Studentenverbindungen waren großteils national-konservativ bis völkisch und in Tübingen mussten 1933 auch keine jüdischen Professoren entlassen werden, da es schon damals gar keine mehr gab. Damit setzte die Universität eine Tradition fort, deren Grundstein schon der Namensgeber, Eberhardt im Bart, 1477 gelegt hatte: Er hatte die Jüd:innen aus ganz Württemberg vertreiben lassen.

Noch immer finden wir die Aufarbeitung der Stadt Tübingen erschreckend unzureichend, obwohl seit der Abwahl des Oberbürgermeisters Gmelins (SPD) 1975 mittlerweile 46 Jahre vergangen sind. Gmelin war unter anderem Standartenführer bei der SA, wurde jedoch trotzdem von der Tübinger Bevölkerung 20 Jahre lang ( 1955-1975) zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt, er versorgte andere Nazigrößen der Stadt mit politischen Posten und verhinderte aktiv eine Aufarbeitung.

Die Universitätsstadt Tübingen sollte nicht den Mördern der Kriege gedenken, sondern den Opfern von Faschismus und Krieg. Sie bleibt dabei einer Ideologie treu, die die Nazis an die Macht gebracht hat und  hat diese offensichtlich noch immer nicht überwunden.