Kontext Wochenzeitung über Polizeigewalt gegen eine Tübingerin

Triggerwarnung: Gewalt und herabwürdigende Sprache

Die Wochenzeitung Kontext berichtet ausführlich über die Pläne und das Ankommen einer Tübinger Künstlerin in Jungnau – einem kleinen Ort bei Sigmaringen. Anlass ist ein Übergriff der Polizei im vergangenen Mai, der mit einer Blutentnahme unter Zwang, einer Nacht in der Arrestzelle und der faktischen Verteibung der Frau aus dem Ort endete. Eine zufällig mitlaufende Aufnahme vom Handy des Opfers dokumentiert über Stunden die Polizeigewalt sowie ein Denken und Sprechen, das in vielen Amtsstuben Alltag sein dürfte. Einleitend heißt es in dem Beitrag:

Am Ende bleibt ein Polizeiprotokoll mit vielen Blutflecken. Und das Wissen darum, wie manche PolizistInnen ticken, wenn keiner hinschaut und wie eine junge Frau behandelt wird, die PolizistInnen für eine „Links-grüne Hippie-Votze“ halten. Man solle ihr eine reinhauen, sagt ein Polizist auf der Tonspur, die zufällig entstanden sein soll. Dieses Audiodokument, das stundenlang die Übergriffe einiger PolizeibeamtInnen konserviert hat, ist der Höhepunkt eines Konflikts im schwäbischen Outback.

https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/555/aus-dorftratsch-wird-polizeigewalt-7843.html

Was auch Alltag sein dürfte, ist dass die Presse die Darstellung der Polizei erstmal übernommen und (abgesehen von Kontext) auch bis heute nicht revidiert hat. Sie machte sich damit auch hier zum verlängerten Arm der Polizeigewalt und jenem Teil der Anwohner*innen, welchem die die „Alternative“ und die zu Besuch kommenden „Althippies aus dem Tübinger Epplehaus“ schon Länger ein Dorn im Auge waren. Dazu Kontext:

„Betrunkene Autofahrerin greift Polizisten an“, steht drei Jahre später, am 2. Mai 2021 auf „südkurier.de“. In der Nacht zuvor, der vom 1. auf den 2. Mai, ist Tatjana Matter vor ihrem Haus in Jungnau mit der Polizei aneinander geraten. Sie sei Schlangenlinien gefahren, habe BeamtInnen angegriffen und „aufs Übelste“ beleidigt, steht in der Zeitung. „Die Nacht verbrachte die Frau dann in einer Arrestzelle. Ihr Führerschein wurde beschlagnahmt und es schließen sich umfangreiche, strafrechtliche Ermittlungen an.“ In der Meldung wird Matters VW erwähnt, die Straße benannt, in der sie wohnt. Alle DorfbewohnerInnen wissen, wer gemeint ist.

Tatsächlich wurden in ihrem Blut aber keine Drogen und nur 0,47 Promille Alkohol festgestellt. Trotzdem wurde ihr Führerschein fast ein halbes Jahr einbehalten – was für eine alleinerziehende Mitter in Jungnau natürlich erhebliche Einschränkungen bedeutet. Auch Beleidigungen, das ist den Tonaufnahmen zu entnehmen, gingen zumindest auch von der Polizei aus. Das V-Wort soll in Bezug auf das Opfer jedenfalls sehr häufig und selbstverständlich gefallen sein.

Das sagt natürlich einiges über die entsprechende Polizeidiensstelle in Sigmaringen aus. Früher wäre dies vermutlich noch Anlass einer „Still not Loving…“-Demo oder -Kungebung gewesen. Aber zumindest die Tübinger Szene scheint gerade mit anderen Gewalt-Begriffen und Themen beschäftigt zu sein. Die Gewalt, die von offenbar rechtslastigen, bewaffneten Staatsdiener*innen in Uniform und dem hinter ihnen stehenden Justiz- und Diskursapparat ausgeht, sollte darüber jedenfalls nicht aus dem Blick geraten.