Re: Pandemie-Einschränkungen als Schablone für staatliche Eingriffe und das völlige Versagen der Linken

Ich stelle mir vor, wie du im Auto an der grünen Ampel stehst und wartest, bis sie rot wird und Leute drüberlaufen, um dann loszufahren, denn: diese Freiheitseinschränkung lässt du dir nicht gefallen. Wenn sich dann Spaziergänger*innen beschweren, dass sie das rücksichtslos und gefährlich finden, rufst du ihnen irgendwas von wegen „Erfüllungsgehilfen eines autoritären Staats“ hinterher. Ohne die Ampel, mit der dich der Staat in die Knie zwingt, wärst du ja stehengeblieben, aber so…?

Wir können doch nicht so tun, als ob wir nichts über Viren wüssten und wie sie sich ausbreiten. In einer Pandemie hat es eben enorme Auswirkungen auf unsere Umgebung, wie wir uns verhalten, ob wir versuchen, uns selbst aus der Infektionskette rauszunehmen (vulgo: Impfen) oder nicht. Und natürlich hat das dann was mit Solidarität zu tun. Dass das, wie du ja richtig erkennst, gerade Blättern wie der BILD nicht schmeckt, ist übrigens wenig überraschend: Rücksichtslosigkeit gehört zum Grundverständnis dieser Presse und, ja, auch dieses Wirtschaftssystems. Das ist auch der Grund, warum sich gerade neoliberale Politiker*innen an deiner Seite für möglichst schnelles Aufheben oder wenigstens Nichtbeachten von Vorsichtsmaßnahmen einsetzen – seit mittlerweile zwei Jahren, mit einigem Erfolg und im Glauben, damit als Märtyrer*innen für die Freiheit(tm) in die Geschichte einzugehen.

Ja, die Situation unseres Gesundheitssystems ist scheiße und ja, dafür ist auch die Neoliberalisierung der letzten Jahrzehnte verantwortlich, die von beinahe allen Parteien mitgetragen und vorangetrieben wurde. Aber: Mehr (und besser bezahltes, etc.) Personal in den Kliniken würde keine einzige Ansteckung verhindern. Hier die gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu verleugnen und so zu tun, als ob es in einer (wünschenswerten) nichtkapitalistischen Welt mit besserer Gesundheitsversorgung keine Pandemie gegeben hätte ist im besten Fall naiv.

Jetzt gehen also Bürgerliche, Esos, (nette?) Verschwörungstheoretiker*innen und Nazis zusammen spazieren. Das mag dich vielleicht schockieren, aber: Auch wenn diese nicht unter anderem auch gegen staatliche Maßnahmen protestieren würden, hätten sich viele Antifaschist*innen solch einer Melange entgegengestellt. Und das vermutlich auch mit polemischen, nicht immer „konstruktiv zur Debatte beitragenden“ Parolen.