Schadensbegrenzung gegenüber laufenden Rechtsruck

Mal ganz prinzipiell: Eine neue Bürgerbewegung kommt auf, und wie sonst unpolitische Bürgis nunmal meistens sind, lassen sie alle mitlaufen, die keine anstößigen Fahnen usw. dabei haben. Wie sorgt mensch nun dafür dass diese Bewegung nicht von Nazis vereinnahmt wird?

Am Beispiel Stuttgart21:
So wie bei den Stuttgart21-Protesten, wo eine große Gruppe Anarchist*innen sich zusammengefunden hat und den Protest von vorne herein unterstützte mit Küfa, basisdemokratischen Organisationsprinzipien usw. Ziemlich bald war klar, dass wenn Nazis auf den S21-Demos erkannt wurden, sie von der Demo flogen. S21-Demos hatten aber im Gegensatz zu Corona-Demos den Vorteil, dass alle Linken die auch nur einen Hauch klassenkämpferische Positionen vertreten klar hatten, dass die gleichzeitigen Einsparungen im Sozialen Bereich, bei den Kitas und Altenpflegeheimen mit einem überteuerten Prestigebau von Bahnhof nicht vereinbar war, und die Demos inhaltlich schnell eine linke Grundtendenz hatten, was natürlich Nazis nicht davon abhielt zu versuchen das Thema für sich zu vereinnahmen. Bei den jetztigen Corona-Demos spalten sich Linke in eine Mehrheit, die der gesellschaftlichen Mainstream-Maßnahmenpolitik relativ unkritisch gegenübersteht und alle Corona-Demos als Rechts einordnet, und einer Minderheit die selbst an diesen Demos teilnimmt, teilweise organisiert in der „Freien Linken“. Und eine ganz kleine Minderheit, die selbst linke Maßnahmen-Demos (z.B. das Wombat Bündnis) organisiert und daran teilnimmt, die auch Kritik an den Maßnahmen haben und als auf dezidiert linken Demos diese auf die Straße tragen wollen.
Allerdings hindert die Mehrheitslinke die Minderheitslinke leider in vielen Fällen daran, diese Strategie zu fahren, und erklärt Maßnahmenkritik allgemein zu einer rechten Position. Das geschieht durch teilweise Bedrohungen, Rauswürfen aus Hausprojekten, Graffities, Gleichsetzungsrethorik mit Rechten usw.

Was bringt eine Bewegung dazu, rechts zu werden?
Die Rechten machen da gerade aus rechter Sicht ganze Arbeit: sie scheren sich nicht drum, ob Linke oder „gutmenschliche“ (Nazisprech) Hippies die Demos dominieren, und versuchen konstant dort präsent zu sein und langsam immer mehr ihre Inhalte unterzubringen. Die Bürgis und Hippies z.b. auf Querdenken-Demos machen es den Nazis nicht leicht, weil bei ihnen nunmal großgeschrieben wird, dass „alle sind willkommen, egal welche Herkunft, welche Religion“. Einfallstor ist wohl vor allem die Opposition zu den Regierungen Merkel/Spahn und Scholz/Lauterbach.

Was könnten Linke falsch machen, um die Corona-Demos nach rechts zu drängen?
Meine These ist, dass das was die Mehrheit der Linken seit 1,5 Jahren tun, genau das ist, was sie tun müssten, wenn sie wöllten dass die Bewegung nach rechts rutscht: Corona-Maßnahmen-Demos unterschiedslos konsequent als rechts zu bezeichnen, und in besonders starken Momenten diese auch körperlich anzugreifen. Dass da rechtsoffene Bürgis dann die naheliegenden Angebote von Neonazis wahrnehmen, die Demo „zu schützen“ kann mensch sich ausdenken. Dass antifaschistische Bürgis auf diesen Demos an Einfluss und Unterstützung verlieren, wenn ihre aktivistischen Genoss*innen sich den Demos ständig in den Weg stellen und unterschiedlos alle als „Rechte“ beschimpfen, ist auch nicht schwer vorzustellen. Die Bedingungen für einen Rechtsruck der Bewegung schaffen viele antifaschistische Gruppen ungewollt selbst.

Aber sind die Querdenken nicht von vorne herein rechts geprägt?
Das zumindest war doch über Monate hinweg in der Presse zu lesen, im Fernsehen und Radio zu hören? Was sagt denn die wissenschaftliche Meinungsforschung?

Eine repräsentative Studie (über 1000 Befragte) der Universität Basel über Querdenken im Herbst 2020 legt klar da, dass die Teilnehmer*innen auf Querdenken-Veranstaltungen im Vergleich zum Durchschnitt der Gesamtbevölkerung in den meisten Punkten links orientiert ist: Querdenker*innen sind überdurchschnittlich dafür, dass Ausländer*innen und Geflüchtete in Deutschland leben können sollen, unabhängig von ihrem Arbeitsverhältnis; haben unterdurchschnittlich ein Problem mit der muslimischen/aus muslimischen Ländern kommenden Minderheit; sind stark überdurchschnittlich gegen Autoritätsgläubigkeit und autoritäre Erziehung. Dass auch starke Hippie-Einflüsse drin sind die z.B. rechte Fahnen (Schwarz-Weiß-Rot) verharmlosen und teilweise antisemitischen Verschwörungstheorien anhängen ist dazu leider kein Widerspruch, reißt aber das weitgehend linke Bild der Querdenker*innen nicht herum:
https://soziologie.philhist.unibas.ch/de/forschung/forschungsprojekte/politische-soziologie-der-corona-proteste/

Dies stimmt vollkommen mit eigenen Beobachtungen und denen mancher antifaschistischer Genoss*innen überhein. Und selbst anderhalb Jahre später, im Dezember 2021 konstatiert z.B. Antifa Aufbau Mannheim dass in den Querdenken Demos vor Ort keine rechten Einflüsse sichtbar sind, und ein prinzipielles Entgegenstehen von Querdenken-Demonstrationen nicht zielführend ist: http://antifaaufbauma.blogsport.de/2021/12/23/kommentar-zu-querdenken-in-mannheim-aus-antifaschistischer-perspektive/

Aber kann das sein? Sind Querdenken nicht mit der Stürmung der Reichstagstreppen mit Schwarz-Weiß-Roten-Fahnen aufgefallen?
Tatsächlich nicht, und das weiß jede*r die anwesend war: Die Treppenstürmung ging von einer seperat durch Reichsbürger (Staatenlos.info) angemeldeten Kundgebung dort in der Nähe aus. Medien die fälschlicherweise die Stürmung mit Querdenken assoziieren haben den Nazis und den Reichsbürgern einen riesigen Gefallen getan, indem sie deren Bewegungen großgelogen haben und dazu beigetragen haben, dass Querdenken nach rechts gerückt wurde.

Aber ist nicht inhaltlich die Ablehnung von Corona-Maßnahmen schon rechts und sozialdarwinistisch?
Es gibt sicher rechts-libertäre Anteile, die die Frage zwischen Freiheit und Sicherheit einseitig auf Freiheit auflösen, und die es nicht einsehen auf Kosten von Vorerkrankten und Alten (denn bei unter 60jährigen ist die Letalitätsrate bei 0,05%, bei 60-80Jährigen bei 3,5% und bei über 80jährigen bei 17%, siehe corona-in-zahlen.de, basierend auf Erhebungen des RKI fürs ganze Bundesgebiet; ab Omikron dürfte die Raten aber deutlich niedriger liegen). Aber auch Linke tendieren nicht dazu, Freiheit sofort für Sicherheit aufzugeben, „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ z.B. ist die Parole der jährlichen linken Proteste gegen die Innenministerkonferenz. Seit 1968 ist Autoritätskritik und Freiheitskämpfe sehr stark links belegt, und die Demonstrationsfreiheit die durch die Maßnahmen auch erst eingeschränkt waren wurde auch durch Linke zurückerobert. Wenn der Sinn mancher Maßnahmen kritisiert und abgelehnt wird, heißt das ja auch manchmal mehr Freheiten zu erkämpfen, ohne die Ansteckungsgefahr signifikant zu erhöhen.
Der Kampf gegen die Pharmakonzerne und ihre Lobby ist seit Jahrzehnten ein Kampf einer globalen Linken. Und nicht zuletzt die Kritik an Faschismus und Patriarchat stellen sich schon lange gegen solche autoritären Gedankenspiele wie die Impfpflicht. „My Body my Choice“ ist die Parole des andauernden Kampfes um das Recht auf Abtreibung, welche in Deutschland immernoch verboten (§218) und bloß entkriminalisiert ist und dadurch nicht beworben werden darf, schwerer zugänglich ist, selbstfinanziert werden muss und durch bürokratische Hürden erschwert ist, die oft entscheidend sein können. Aber der Kampf um das Recht auf die Selbstbestimmung des eigenen Körpers lässt sich auch darauf ausweiten, welche Stoffe der Staat dort hineinzwingen möchte. Die faschistische Vorstellung des sog. „Volkskörpers“ dagegen sieht staatliche Eingriffe in der Körper der Einzelnen als Norm an.
Ob Kritik am den gegebenen Covid-Impfstoffen wegen der Gegnerschaft zu korrupten Pharmakonzernen nun links ist, oder wegen der Impfgegnerschaft der zwischenzeitlich sehr marginalen „Germanischen Medizin“ als rechts gewertet werden soll, halte ich für eine müßige Frage. Mir scheint das Feld politisch von beiden Seiten besetzbar und an sich relativ neutral zu sein.

Der Grundsatz, Querdenker*innen und Corona-Maßnahmengegner*innen seien grundsätzlich rechts bröckelt aber auch auf linker Seite, und je schneller er das tut, desto weniger Land werden die Nazis gewinnen können. Die klassenkämpferische Gruppe Zusammen Kämpfen aus Magdeburg macht da mutige Schritte http://zusammenkaempfen.bplaced.net/2022/01/nein-zur-impfpflicht/

Neben immer mehr linken und Antifa-Gruppen outet sich nun auch unerwartet der linke Sartiriker Serdar Somuncu als Kritiker der Maßnahmen und gibt Querdenken teilweise recht, ohne jede Schwurbelei dort gutzuheißen
https://www.facebook.com/134963129902181/posts/4911044525627327/

Denn darum soll es ja auch gar nicht gehen: Es gibt weiterhin viel zu kritisieren auf diesen Demos: es werden teilweise antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet, oft werden unsoldarisch Gefährdungen von Vorerkrankten und Alten verharmlost und in Kauf genommen. Und genau das ist ein Grund, wenn mensch die grundsätzliche Kritik an den meisten Maßnahmen teilt, dort teilzunehmen und innerhalb der Demonstrationen langsam mehr linke Einflüsse einzubringen und rechte zurückzudrängen. Und bei manchen dieser (aber immernoch recht wenigen) Demos laufen auch erkennbar Nazis mit oder sind sogar in der Orga, was natürlich ein Grund ist, gegen Nazis und deren Teilnahme auf Demos selbstverständlicherweise immernoch auf die Straße zu gehen.
Das zentrale ist die Unterscheidung zwischen stark rechts vereinnahmten und nicht rechts vereinnahmten Demos zum machen.
Und zumindest seine linken Genoss*innen die gerne auf den Corona-Demos einbringen dabei zu unterstützen, wer schon nicht selbst hingehen möchte, weil sie*er nicht mit den Inhalten übereinstimmt. Wer eine linke Kritik an den Maßnahmen hat und diese und sein*ihr Engagement gegen Rechte auf den Corona-Demos ausleben möchte, der sollte das unbedingt tun!
Es würde die maximale Schadenbegrenzung bedeutet, die wir noch erreichen können. Denn wenn die inzwischen als Massenbewegung Montags auf die Straße gehenden Spaziergänge weiterhin von Links einheitlich verurteilt wird, steht dem Anschluss nach rechts nicht mehr viel im Wege, und Antifas verlieren noch weiter ihre Glaubwürdigkeit (wie der Junge, der immer Wölfe rief).
Wenn jetzt rechte Trolls mitlesen werden diese wahrscheinlich Druck ausüben Artikel wie diesen zu löschen, um die Linke auf ihrem selbstzerstörerischen Einheitskurs zu halten.

Bitte denkt über den Artikel nach, diskutiert ihr mit euren Mitstreiter*innen und kritisiert diese Position wenn dann inhaltlich, anstatt sie zu ignorieren, lächerlich zu machen oder einheitlich zu verdammen, obwohl dies im aktuellen linken Mainstream natürlich leichter wäre.