Gartensia Tübingen – Statement zum g7-“Neustart“ im Winter 2020

CW/TW: sexualisierte Gewalt, victim-shaming

Einstieg

Am Anfang des Sommers letzten Jahres kam es zu einem sexistischen Übergriff in der Gartensia, dabei wurden eine Bewohnerin und eine Besucherin sexuell belästigt. Der sexualisierte Übergriff wurde von anderen Bewohner*innen des Hauses in Frage gestellt und relativiert.

Daraufhin reagierte die Betroffene mit Wut und Trauer. Sie forderte weiterhin das Hausverbot des Täters, das dann erst viel zu spät durchgesetzt wurde. Statt ihre Reaktion und ihre Wünsche ernst zu nehmen, wurde ein Plenum ohne sie abgehalten, auf dem ihre emotionale Reaktion gegen den sexuellen Übergriff aufgewogen (Tonepolicing1) und der sexualisierte Übergriff komplett verleugnet wurde.

Das Nicht-Ernst-Nehmen des Übergriffs und die Problematisierung des Verhaltens der Betroffenen führten letztendlich dazu, dass sie und die einzige mit ihr solidarische Person unter Anwendung körperlicher Gewalt aus dem Haus geworfen wurden. Über Monate hinweg wurden mehrere Hetzschriften von den Bewohner*innen, die den Übegriff nicht ernst nahmen, veröffentlicht. In ihnen wurde der Übergriff stark verharmlost bis überhaupt nicht erwähnt. Diese Schriften dienten dem Zweck, die Betroffene zu diffamieren und das Hausverbot zu „begründen“. Anstatt sich mit dem eigentlichen Problem von Sexismus auseinanderzusetzten, wurde versucht die betroffene Stimme mit allen Mitteln zu dämonisieren und stummzuschalten. Die Personen, die das getan haben, wohnen bis heute in der Gartensia.

Der Verlauf dieser sexistischen Diskriminierung ist ausführlich auf der Instagram-Seite @konsequenzia in Form von Gedächtnisprotokollen der Betroffenen und Screenshots der Hetzschriften dokumentiert.

Wer schreibt hier?

Wir sind Menschen, die sich regelmäßig treffen, jedoch im Bezug auf die bestehenden Problematiken der Gartensia bisher wenig bis nichts erreicht haben. Hervorgegangen ist diese Gruppe aus dem ‚Zukunftsplenum‘.

Unser Fokus liegt auf dem Weg zur Verantwortungsübernahme und einer Aufarbeitung der vorgefallenen Sexismen. Nur unter diesen Bedingungen, sehen wir wieder die zukünftige Möglichkeit einer politischen Arbeit mit und in der Gartensia.

Gartensia

Was ist der aktuelle Stand um die G7?

Derzeit wohnen ausschließlich Menschen in der G7, die nicht Teil des Aufarbeitungsprozess sind oder sich nicht um einen konstanten Prozess für eine Aufarbeitung kümmern. Mindestens drei der derzeitigen Bewohnenden waren an dem Rausschmiss der Betroffenen letztes Jahr beteiligt. Freundinnen (im weiteren „Kontaktgruppe“) haben sich mit einer dieser Personen Monate lang zusammengesetzt und haben sich darum bemüht Reflektionsarbeit zu leisten. Anfragen der Unterstützungsgruppe werden angehört, doch wurde bisher die Umsetzung der Forderungen blockiert. Bis heute erfolgte keine Verantwortungsübernahme der Personen, die noch in der Gartensia leben. Betroffene haben weiterhin praktisches Hausverbot.

Wir fordern:

– den Auszug der Täter-Schützer*innen und

– die Aufhebung des Hausverbots der Betroffenen.

Soweit uns bekannt ist, gibt es derzeit keine Organisierung der Bewohnenden selbst. Es gibt alle zwei Wochen ein von externen initiiertes online Plenum, das keine aktive Struktur für oder um die Gartensia stellt, jedoch der letzte „Ort“ zur Besprechung für Themen bzgl. der G7 ist.

Ein Rückblick

In der Gartensia kam es schon vor dem oben geschilderten Vorfall zu Übergriffen. Einige FLINTA*-Personen2 sind aufgrund derer ausgezogen. Aus verschiedenen Richtungen gab es Rufe nach einer umfangreichen Awareness-Struktur, auch weil die Gartensia in ihrer ersten Phase ein sehr offener Ort war. Trotz wiederholter Versuche hat sich nie eine Awareness-Struktur etablieren können. Im damaligen Plenum wurde die Aufgabe, Awareness-Arbeit zu leisten, nie als besonders dringend anerkannt. Dies betraf auch Kritik zum Thema Rassismus. Die Gartensia war kein Ort an dem solche Bedenken geteilt werden konnten. Es war nicht möglich konstruktiv mit der vorgebrachten Kritik umzugehen und eine emanzipatorische Praxis daraus zu entwickeln.

Durch die Haltung „Wir-tolerieren-auch-Intoleranz“ (Toleranz-Paradoxon3) einiger Bewohner*innen (meist weiße, cis-männliche4), wurde die Gartensia zu einem Ort an dem Sexist*innen, Rassist*innen, Homofeindliche, Antisemit*innen und (später auch) Querdenker*innen ohne Konsequenzen leben und sich wohlfühlen konnten. Nicht-Betroffene nahmen Unwohlsein-Bekundungen von Betroffenen nicht ernst und duldeten teilweise über Monate diskriminierendes Verhalten, vielleicht aus Konfliktscheue oder Angst, die eigene soziale Position zu verlieren oder aus Empathie mit einer Täterschaft („Männerbünde“5). Die Folge daraus war, dass immer mehr Menschen, meistens FLINTA, sich aus dem Projekt zurück zogen, da sie in der Gartensia nicht mehr sicher waren.

Zwei Beispiele dieser Kultur

Zudem schlich sich immer mehr eine sexistische Doppelmoral ein: FLINTA* flogen schnell raus, bei Cis-Männern wurde hingegen vieles geduldet. So kam es dazu, dass ein Bewohner, der regelmäßig FLINTA* sexuell belästigte und offen zu seiner anti-feministischen Haltung stand, ein halbes Jahr in der Gartensia wohnen durfte. Da die Cis-Männer nicht unter der sexualisierten Gewalt leiden mussten, verhinderten sie immer wieder den Rauswurf des Täters, was zu weiteren Übergriffen führte. Eine der Betroffenen hielt es schließlich nicht mehr aus und konfrontierte ihn mit seinen Taten, bis er von alleine ging. In einem anderen Fall tätigte ein Dauergast tagtäglich homo-feindliche Aussagen, erzählte stolz von der häuslichen Gewalt, die er gegen seine Ex-Frau ausgeübt hatte und belästigte Bewohner*innen und Besucher*innen. Zwei FLINTA* konfrontierten ihn unabhängig voneinander, bei beiden reagierte er mit sexualisierenden Kommentaren zu ihren Körpern. Doch das war für das G7-Plenum kein Grund für ein Hausverbot. Stattdessen beschloss das cis-männlich-dominierte Plenum cis-Männer zu schicken, um mit ihm zu reden. Als er von ihnen darauf angesprochen wurde, ging er plötzlich auf die Kritik ein, entschuldigte sich und versprach, sich zu bessern. Die von ihm ausgeübte Gewalt ging jedoch weiter wie zuvor und nach etlichen erfolglosen Gesprächen mit dem Täter wurde Monate später im Plenum sein Hausverbot beschlossen. Nicht aus Solidarität mit FINTA* und Homosexuellen, die durch seine Anwesenheit bedroht waren, sondern weil der Täter auch ab und zu Cis-Männer anschrie und beleidigte.

Die verbliebenen Bewohner*innen diffamierten die Betroffene und warfen sie letzten September raus. Gleichzeitig lagen die Strukturen im Haus brach. Es gab keine Plena mehr. Notwendige Aufgaben wurden von Einzelnen von Außerhalb übernommen, ansonsten gab es keine Mitgestaltung von Menschen von extern mehr. Im Oktober letzten Jahres gab es dann den Versuch eines „Neustarts“.

Alle Interessierten wurden zu einem online Plenum eingeladen. Es kam die Frage auf, was jetzt im Fokus stehen sollte: Eine Aufarbeitung der Vorfälle oder die Wiederbelebung der organisatorischen Strukturen des Projekts Gartensia. In einem Minimalkonsens wurde die Betroffenensolidarität des Plenums festgehalten und der Selbstanspruch eine Aufarbeitung zu betreiben, sowie diese in alle wieder entstehenden Gartensiastrukturen einzubeziehen.

Bei weiteren Treffen des Zukunftsplena zeigte sich, dass viele nicht betroffenensolidarisch waren und teilweise sogar die Vorfälle leugneten. Von diesen wurde der Minimalkonsens  immer wieder in Frage gestellt. Dies wurde durch das Plenum schweigend hingenommen. Es gab nur wenige Menschen (aus der Unterstützungsgruppe der Betroffenen) die starke Gegenrede geleistet haben.

Außerdem gab es leider einige, die die Betroffenensolidarität zwar vertraten und sich eine Aufarbeitung wünschten, jedoch diese nicht in die Tat umsetzten. So gab es die Tendenz den Aufarbeitungsprozess, zugunsten der Fortführung des Projekts (z.B. Hauskauf, Café, Aufräumen), in den Hintergrund zu drängen. Und es wurde verhindert, die dem wieder entstehenden Strukturen um die Gartensia, in den Aufarbeitungsprozess mit einzubeziehen.

Die Betroffenenunterstützung wurde überwiegend von Menschen geleistet, die keine Aktiven der Gartensia waren. Als ein erster Schritt wurden die Plenums- und AK-Teilnahme der Täter*innen verhindert, um einen Raum zu schaffen, in dem betroffenensolidarisch gearbeitet werden kann. Dies wurde von der Unterstützung der Täter*innen anfangs nicht akzeptiert und immer wieder in Frage gestellt. Um die Kommunikation mit den Gewalt ausübenden Personen wurde sich nur von einzelnen, teils selbst sexistische Diskriminierung ausübenden Personen, gekümmert. Eine Kommunikation zwischen Plenum und Hausbewohner*innen gibt es dadurch nicht. Auch der im Plenum formulierte Anspruch, dass sich diejenigen, die noch in der G7 wohnen, mit ihrer Beteiligung an den Vorfällen und dem Rausschmiss auseinandersetzen, wurde an einzelne ausgelagert. Diese haben, trotz mehreren Nachfragens und artikulierter Überforderung, keine Unterstützung aus dem Plenum bekommen.

Nach einigen anstrengenden Treffen gaben die Menschen, die die Aufarbeitung in Frage stellten, ihren antifeministischen Aktivismus in der Gartensia auf und kamen nicht mehr zu den Terminen. In einer nicht mehr ganz so geladenen Stimmung rückten die Plenumsteilnehmenden der Aufarbeitung wieder etwas näher. Als die Unterstützung der Betroffenen zum wiederholten Male gemeinsam mit dem Plenum eine Aufarbeitung planen wollte, kamen immer weniger Menschen, bis nach mehreren Wochen niemensch mehr kam. Nun treffen sich seit ein paar Wochen wieder alle zwei Wochen eine handvoll Menschen.

Dem Scheitern ins Auge sehen

Nun sitzt hier eine Gruppe, die sich stetig mit dem Thema, was eine Aufarbeitung bedeuten könnte, auseinandersetzten möchte, doch bisher hat sich immer noch nichts maßgeblich für die Betroffene an ihrer Situation gebessert. Und es wurden noch keine Bemühungen unternommen die bestehenden, eingerasteten Machtstrukturen zu verändern.

Wie kam es trotz einer aktiven Unterstützungsgruppe und einem antisexistischen Willen vieler Beteiligter am Zukunftsplenum zu der Fortführung der Untätigkeit und dem damit fortgesetzten Täterschutz? Wie kann es sein, dass linke Räume und Strukturen so sehr dem eigenen Sexismus ausgeliefert sind?

Wir sehen den Versuch, die Aufarbeitung in Form eines transformative justice/community accountability Prozesses6 anzugehen, als gescheitert. Erst jetzt sehen wir, dass einige Vorraussetzungen und Bedingungen, die hierfür notwendig wären, nicht gegeben waren. Damit eine community beschließen kann Verantwortung für Vorfälle zu übernehmen, bedarf es ersteinmal einer Community, die sich als solche wahrnimmt. Eine Community, über deren Zugehörigkeit sich Personen bewusst sind und sich dadurch nicht der, im Raum stehende, Verantwortung entziehen können. Die Gartensia war jedoch schon immer ein offener Ort, aus dem sich Menschen jeder Zeit zurück ziehen konnten und sich im Laufe des letzten Jahres tatsächlich aus der Verantwortung gezogen haben. Dies widerspricht jedem Antisexistischen-Selbstanspruch und ist ein Privileg. Denn nicht allen Beteiligten und Betroffenen ist es möglich, sich einfach rauszuziehen. So hat sich ein Großteil des sozialen Umfelds und der „Gartensia-Community“ selbst abgewandt und viele wollten zu keinem Zeitpunkt Verantwortung übernehmen.

Ein Bewusstsein für strukturellen Sexismus, auch und gerade in linken Szenen, fehlt bisher immer noch, ebenso wie für andere Diskriminierungsformen. Wir müssen lernen zu sehen, dass unser „sich raushalten“ dem Sexismus und der Rape culture7 in unserer Umgebung das Feld überlässt und damit jeden Versuch einer Emanzipation erstickt. Wir dürfen Betroffene nicht margnialisieren (denn bedroht sind alle FLINTA*s) und eine Offenheit für Veränderungen entwickeln.

Die Überforderung ist berechtigt, doch dürfen wir uns nicht von ihr lähmen lassen und müssen unseren Mut und Ehrlichkeit wieder finden, um Versuche zu wagen, auch wenn wir dabei Fehler machen.

Schelling Bezug

Wir sehen auch in anderen Wohnprojekten gefährliche Tendenzen im Hinblick auf links-emanzipatorische und anti-sexistische Ansätze. Wir gehen hier auf das Beispiel Schelling ein.

Hergang in der Schelling in jüngster Vergangenheit

    • dieselbe Betroffene aus der Gartensia fordert als Betroffene von Vergewaltigung und häuslicher Gewalt ihren Schutzraum und ein Hausverbot für den Täter ein, der in der Schelling ein und ausgeht

    • sie trifft in der Schelling auf dieselben Einzelpersonen, die auch schon im Kontext der Gartensia Täterschutz, Tonepolicing und andere sexistische Dynamiken angetrieben haben und sie entsprechend sofort diffamieren und als unglaubwürdig darstellen
    • der Täter wird unter dem Schutzschild der Kleinfamilie verteidigt, da eine Schellingbewohnerin ein Kind von ihm erwartet. Sein Hausverbot wird nicht durchgesetzt, da sich die bereits bekannten Täterschützer*innen vehement dagegen aussprechen und eine schweigende Mehrheit dem nichts entgegensetzt
    • wenig später erhält die Betroffene Hausverbot in der Schelling, da sie eine täterschützende Person als solche benennt, sie wird nicht verteidigt und ihr Hausverbot wird durchgesetzt
    • die öffentliche Thematisierung durch die Betroffene beim feministischen Kampftag wird als Angriff auf das Projekt gesehen, sodass das wichtigste Top zu sein scheint, dass in Zukunft keine internen Informationen nach außen geraten
    • gegen externe Hilfe für eine Aufarbeitung wird von den bekannten Personen ein Veto ausgesprochen
    • schließlich wird siebenseitiges Pamphlet geschrieben, in der sämtliche Vergewaltigungsmythen reproduziert werden und der Betroffenen das ihr Widerfahrene abgesprochen wird und sie völlig entmenschlicht und mit absurden Vorwürfen belastet wird
    • eine Gruppe von Schellingbewohner*innen verteilt das ausgedruckte Pamphlet in allen WG´s der Schelling
    • selbst eine Thematisierung dieser extremen Form von Täterschutz bleibt auf der HV völlig aus und die entsprechenden Personen können, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen in der Schelling wohnen
    • die Betroffenen lässt einen Minimalkonsens weitergeben, der dem Täter Zugang nur zur WG seiner Freundin und seines Kindes ermöglicht und zusätzlich eine Aufarbeitung und Ablegung, der von ihm ausgeübten Gewalt fordert. Gegen diesen unzureichenden Kompromiss sprechen die oben genannten täterschützenden Personen ein Veto aus.
    • die eindeutige Forderung von mehreren FLINTA*s, dass sie ihren Wohnraum nicht mit einem Vergewaltiger teilen möchten wird ebenso wenig ernst genommen, wie die Forderung von Bewohner*innen, die sich sogar ihre WG mit ihm teilen müssen und sich auf ihren Zimmern mittlerweile einsperren
    • von den wenigen solidarischen Schellings ziehen mehrere aus, eine weitere solidarische Person wird gewaltsam rausgeschmissen

Wir erkennen nicht nur ähnliche Dynamiken sondern auch personelle Überschneidungen von Personen, die an den Vorfällen in der Schelling maßgeblich beteiligt waren und sich auch die ersten Monate der G7-„Neustart“-Plena massiv dafür eingesetzt haben, eine Aufarbeitung und Betroffenensolidarische Plena zu verhindern. Nun wiederholen sie dies auch in den Prozessen der Schelling.

Das reicht und reichte von: Betroffene in Plena gewollt zu triggern; Leute/Gruppen, die sich betroffenensolidarisch äußern, anzurufen, zu schreiben, zu besuchen und damit unter Druck zu setzen; sich selbst als Opfer „autoritärer Betroffenensolidarität“ zu inszenieren; Konzepte wie Transformative Justice gänzlich deren Grundlage zu berauben und beispielsweise gegen zugrundeliegende Konzepte wie Awareness oder Definitionsmacht auszuspielen, um vermutlich dafür zu kämpfen den patriarchalen Status Quo aufrechtzuerhalten.

Auch sehen wir, dass wir als G7 Plenum versäumt haben mit gutem Beispiel für eine solche Auseinandersetzung voranzugehen! Und auch am Beispiel Schelling hätten wir eventuell verhindern können, dass falsche kursierende Gerüchte über betroffene Personen nicht weiter verwendet und auf Anklang hätten stoßen können. Wir hätten täterschützende und betroffenenunsolidarische Personen als solche outen und uns gegenseitig informieren können, damit sie nicht weiterhin emanzipatorische Prozesse blockieren.

Wir hätten die Betroffene unterstützen und uns öffentlich hinter sie stellen müssen, um ihr und ihren Unterstützer*innen diesen schmerzhaften und kräftezehrenden Weg ersparen zu können. Damit hätten wir gegebenenfalls die vielen Nebenschauplätze und erneuten Angriffe verhindern oder zumindest eindämmen können.

Dies und einiges mehr können wir nun im Nachhinein sehen und damit inständig an die mutigen, solidarischen Schellinge appellieren – macht diese Fehler nicht noch mal! Besteht konsequent auf anti-sexistische Grundlagen und lasst euch nicht verunsichern von starken anti-feministischen, anti-awaren und betroffenen-unsolidarischen Kräften.

Manchmal kann das auch heißen, sich nicht an Prozessen abzuarbeiten und festzuhalten, dass Projekte keinen Anspruch mehr darauf haben sich links und anti-sexistisch nennen zu dürfen und sie als Teil linker Räume und Infrastruktur aufgeben zu müssen.

Weitergehende Bezüge

Wir glauben nicht, dass die aktuellen Vorfälle in der Gartensia und Schelling Einzelfälle sind. Wir sehen sie stattdessen als Beispiele, in denen generelle Dynamiken in linken Strukturen (in Tübingen), in die auch wir uns explizit einordnen, sichtbar werden.

Es scheint einen allgemeinen Konsens darüber zu geben, einen antisexistischen Selbstanspruch zu stellen. Es gibt Anti-Macker-Parolen, antisexistische Plakate oder Awareness-Konzepte auf Partys und Demos. Generell ist uns der Kampf gegen Sexismus und Patriarchat allen unglaublich wichtig – zumindest in der Theorie.

Der Schock, nachdem ein sexualisierter Übergriff thematisiert wird und die Überforderung damit, einen emanzipativen, betroffenensolidarischen Umgang zu finden, zeigt uns in der Praxis jedoch immer wieder, wie wenig wir diesem Anspruch gerecht werden.

Das große Nach-Außen-Tragen unserer (theoretischen) antisexistischen Einstellung ist oftmals nur ein „performativer Deckmantel“, d.h. es wird von sich als antisexistisch gesprochen, das eigene sexistische Verhalten wird aber nicht reflektiert und abgelegt. Dies erschwert es uns dabei sogar noch, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Eine antisexistische Haltung entwickeln wir nicht, indem wir feministische Transpis aus dem Fenster hängen, sondern indem wir uns zusammentun, Fehler reflektieren und gemeinsame Strategien für die Zukunft entwickeln. Wo feministisch drauf steht ist nicht auch automatisch Feminismus drin! Dafür müssen wir arbeiten. Das Patriarchat stürzt sich nicht von allein.

Doch dafür fehlt es uns häufig an einem konstruktiven Umgang mit Kritik. Anstatt Kritik als Möglichkeit zu sehen, sich zu ändern und schlechte Muster abzulegen, nehmen wir sie viel zu oft als Angriff war, wehren uns und suchen Wege und Ausreden uns von den Anschuldigungen freizusprechen.

Wir sind alle in dieser sexistischen und patriarchalen Gesellschaft aufgewachsen. Wir haben nicht gelernt, wie ein emanzipativer Umgang mit sexualisierter Gewalt aussehen kann. Dafür können wir nichts. Wir können aber sehr wohl etwas dafür, wenn wir aus diesen Fehlern nichts lernen, wenn wir nicht an uns arbeiten und wenn wir keine Strategien entwickeln, um solche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Wir dürfen damit auch überfordert sein. Wir dürfen uns von dieser Überforderung aber nicht lähmen lassen. Wir sollten offen über unser Scheitern und unsere sexistischen und machtvollen Strukturen sprechen, um diese verändern zu können. Dabei ist eine theoretische Auseinandersetzung zwar wichtig, aber nicht ausreichend. Es müssen auch Handlungen in der Praxis folgen.

Wir denken, dass es kein Umgang sein kann, sich aus den Kämpfen gegen sexualisierter Gewalt in den eigenen Communities herauszuziehen. Denn das bedeutet, dass diesem Thema keine Wichtigkeit eingeräumt und sie als private Konflikte bagatellisiert werden. Diese Verantwortung darf nicht in das Private abgeschoben werden – das Private ist politisch! Dieses Handeln hat sonst zur Folge, dass Sexismen fortgesetzt und zukünftige Übergriffe nicht verhindert werden. Kein-Kampf gegen sexistische Strukturen bedeutet Täterschutz.

Hier sehen wir vor allem auch unsere cis-männlichen Genossen und Freunde in der Verantwortung. Antisexistische Arbeit wird größtenteils von FLINTA*s geleistet. Sie haben als Betroffene nicht das Privileg, Sexismus ignorieren zu können, dabei ist es auch für Cis-Männer möglich und nötig als Ally8 in diesem Kampf aktiv zu sein. Informiert euch selbstständig, hört Betroffenen zu, setzt euch mit eurem Verhalten auseinander und findet Wege, sie in ihrer feministischen Arbeit zu unterstützen.

Hinweis: Sich selbst über toxische Männlichkeit9 zu bemitleiden ist kein Feminismus oder ‚kritische Männlichkeit‘.

Fazit

Am Ende dieses Schreibens sollten wir uns alle folgende Frage stellen: Auf welchen Grundlagen wollen wir Politik machen ? In was für einer Welt wollen wir leben?

Auch wenn wir von dieser Welt noch weit entfernt sind, ist es jetzt an der Zeit eine antisexistische Praxis zu leben und nicht die sexistische Kackscheiße zu reproduzieren. Dadurch entfernen wir uns immer weiter von unserer Utopie und unterscheiden uns nicht von den Strukturen, die wir mit unserem politischen Kampf hinterfragen und verändern wollen.

Die Geschehnisse in Tübingen und der darüber ausgelöste Diskurs, könnten also auch für einen Aufbruch genutzt werden. Es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen, sich energisch Sexismus entgegenzustellen und unsere Stimmen zu erheben. Denn nur wenn wir die Aufmerksamkeit auf diese sexistischen Strukturen lenken, ihre „Normalität“ laut in Frage stellen, dann ist Veränderung möglich.

Wir erleben momentan eine verstärkte Auseinandersetzung mit Sexismus in mehreren (Wohn-)Projekten, sowie politischen Gruppen und damit einhergehend ein sich bewusst machen über die Notwendigekit von antisexistischer Praxis. Durch diesen Diskurs haben sich in einigen Kreisen Menschen zusammen gefunden, um in ihrem Umfeld dafür zu sensibilisieren, Awareness Konzepte zu konzipieren und umzusetzen.

Diese Auseinandersetzung und der Aufbau von solidarischen Awareness Strukturen ist ein wichtiger Schritt, um unsere politische Praxis in Tübingen zu verändern. Für diese Veränderung müssen wir lernen sexistische Strukturen zu erkennen, aufzubrechen und zu bekämpfen. Damit Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, auf unsere Unterstützung zählen können!

Wir sollten aus unseren Fehlern und unserem Versagen lernen und nicht alle immer wieder die gleichen machen. Unterstützen wir uns also beim Aufbau antisexistischer Strukturen und lernen wir einen solidarischen Umgang mit Betroffenen.

Wir sollten damit beginnen gemeinsam in unseren Freund*innenkreis, Umfeldern und unseren Gruppen über erlente sexistische Verhaltensweisen zu reflektieren. Im selben Zuge sollten wir uns alle über unsere Möglichkeiten, die wir haben, Gedanken machen, um zu einer antisexistischen Praxis beizutragen. Bringen wir gemeinsam die sexistischen Zustände ins Wanken! Auf zu einer Welt ohne Sexismus und ohne sexualisierte Gewalt. Fangen wir hier und jetzt damit an.

Tübingen, den 03.05.2021

Nachtrag: In dem Text schreiben wir von regelmäßigen Treffen bzgl der Gartensia. Diese Treffen finden seit zwei Monaten nicht mehr statt, zu dieser Zeit ist jedoch der Text entstanden.

1Tonepolicing ist eine Argumentationstaktik, bei der die (emotionale) Art der Vermittlung eines Inhaltes kritisiert wird, und nicht der Inhalt selbst. Dies wird zum Silencing von marginalisierten Stimmen verwendet. https://en.wikipedia.org/wiki/Tone_policing

2FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen – also Personen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität patriarchal diskriminiert werden.

3Das Toleranz-Paradoxon wird wirksam, wenn eine tolerante Gruppe aufgrund ihrer Toleranz intoleranten Kräften erlaubt oder ermöglicht, die eigene Toleranz einzuschränken oder abzuschaffen. https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

4cis Mann: Die Vorsilbe ‚cis‘ wird benutzt, um auszudrücken, dass eine Person sich mit dem Geschlecht identifiziert, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurde.

5Männerbünde: Hier nicht als offizielle Institution gemeint, sondern als in Freundschaften bestehende Geschlechterkomplizenschaft die Täterschutz als ‚empathische Solidarität‘ zwischen Cis-Männern betreibt. Diese verteidigen Strukturen, die die Vormachtstellung des cis-männlichen Geschlechts gewährleisten (z.B. durch Ausschluss von FLINTA*s aus Machtpositionen)

7rape culture (engl. „Vergewaltigungkultur“) beschreibt die gesellschaftliche Tolerierung von Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt. So eine „Vergewaltigungskultur“ normalisiert Gewaltausübungen und überträgt häufig die Verantwortung für Vergewaltigungen teils oder ganz den Betroffenen, etwa indem ihnen vorgeworfen wird, eine Vergewaltigung durch die Wahl ihrer Kleidung, durch ihr Verhalten oder anderweitig provoziert zu haben (victim blaming). Damit geht die Verharmlosung von Vergewaltigungen und die Herabsetzung Betroffener oder potenzieller Opfer zu Sexualobjekten einher https://de.wikipedia.org/wiki/Rape_Culture. Ein Zine zum Weiterlesen: https://archive.org/details/BetrayalACriticalAnalysisOfRapeCultureInAnarchistSubcultures