TOS und „Marsch des Lebens“ auf dem Tübinger Marktplatz

Wie schon im letzten Jahr, hat die evangelikal-fundamentalistische Tübinger Offensive Stadtmission (TOS) zusammen mit der Organisation „Marsch des Lebens“ derzeit auf dem Tübinger Marktplatz eine Laubhütte aufgebaut. Auf der Website der TOS heißt es dazu:

Unter dem Titel „Sukkot XXL“ im Rahmen des Jubiläums 1700 jüdisches Leben in Deutschland laden die jüdischen Gemeinden in Deutschland dazu ein, vom 20. bis 27. September mit ihnen zusammen Sukkot (das Laubhüttenfest) als Begegnungsfest zu feiern. Das einwöchige Fest erinnert an die Wüstenwanderung Israels beim Auszug aus Ägypten und wird in Gemeinschaft von Freunden, Nachbarn und Familie verbracht. Gemeinsam mit dem Marsch des Lebens e.V. folgen wir diesem Aufruf und bauen am Montag und Dienstag, 20./21.9.2021 auf dem Tübinger Marktplatz eine Laubhütte auf. Am Montag um 18 Uhr findet unter Beachtung der geltenden Corona-Regeln vor der Sukka eine Auftaktveranstaltung im Rahmen eines Open Air-Gottesdienstes statt, zu dem jeder herzlich eingeladen ist. Dienstags ist die Sukka von 10-17 Uhr durchgehend für Besucher geöffnet und bietet neben Informationen zum Fest auch eine kleine Ausstellung zum Thema Antisemitismus. Interessierte können darüber hinaus auch die Ausstellung „Aufdecken – Entdecken – Das Schweigen brechen“ im Gewölbekeller des benachbarten Treffpunkt Jesus Live besuchen. Der Nachmittag endet ab 15 Uhr mit einem bunten Kinderprogramm. Eine Anmeldung ist dafür nicht notwendig. Der Marsch des Lebens e.V. arbeitet in Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Reutlingen- Tübingen und hat weitere Events an Sukkot in anderen Städten Deutschlands mitinitiiert. Weitere Informationen über das Versöhnungsprojekt „Marsch des Lebens“ finden Sie unter www.marschdeslebens.org.

In der Studie Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland findet die TOS mehrfach Erwähnung. Kritisiert werden vor allem die von Pflicht und Gehorsam geprägte hierarchische Struktur und die in ihr praktizierte Art der „Dämonenaustreibung“. Es handelt sich um fundamentalistische Christen, für die die Bibel als „Wort Gottes“ die unumstößliche Wahrheit ist, was entsprechend zu problematischen, beispielsweise patriarchalen, Auffassungen und Regeln führt. Es gab deshalb 2019 einen Anschlag auf die TOS. Zu dem Anschlag bekannte sich eine „Feministisch Autonome Zelle“. Diese schrieb, sie habe sich für die „symbolträchtige“ Aktion „mit Farbe und Feuer“ entschieden, „um auf einen überregionalen antifeministischen Akteur […] hinzuweisen“.

Im April 2007 veranstaltete die TOS erstmals einen „Marsch des Lebens“. Dieser folgte „der Route der Todesmärsche von der Schwäbischen Alb nach Dachau“. Laut Selbstauskunft ist der Marsch „eine Initiative von Jobst und Charlotte Bittner und den evangelisch-freikirchlichen TOS Diensten aus Tübingen in Deutschland. Gemeinsam mit Nachkommen deutscher Wehrmachts-, Polizei- und SS-Angehöriger veranstalten sie Gedenk- und Versöhnungsmärsche an Orten des Holocaust in Europa und weltweit“, wie es auf der Website marschdeslebens.org heißt. Seit 2009 finden diese Veranstaltungen auch international als March of Remembrance statt. Der Marsch ist als „ein Zeichen für Israel und gegen Antisemitismus“ gedacht. Bei Wikipedia heißt es:

Der „Marsch des Lebens“ 2015 zum KZ Dachau stieß auf Kritik seitens der Evangelischen Kirche und des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, die Gedenkstätte versagte den Veranstaltern jegliche Unterstützung. Laut Angabe von TOS ist der Marsch des Lebens seit 2015 ein eigenständiger Verein. 2011 und 2015 wurde er von der israelischen Knesset für sein besonderes Engagement für Holocaustüberlebende ausgezeichnet.

Auf der Website des Marsches werden Stimmen von in erster Linie konservativen Politikern zitiert, die sich positiv dazu äußern. „Der Marsch des Lebens setzt ein Zeichen – für den Staat Israel“, meint etwa Gitta Connemann, CDU-Abgeordnete und Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Weiter werden Leute wie Gila Gamliel zitiert, eine israelische Politikerin des Likud, der größten konservativen Partei in Israel, deren Vorsitzender Benjamin Netanjahu ist, oder Yuli Edelstein, ebenfalls Likud, der in der israelischen Siedlung Neve Daniel lebt, die zum Siedlungsblock Gusch Etzion im besetzten Westjordanland gehört. Auch der CDU-Politiker und Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung Norbert Lammert wird zitiert.

Hier zeigt sich die Nähe zwischen christlichem Fundamentalismus und politisch konservativen und neokonservativen Strömungen. Ähnliche Tendenzen erstrecken sich bis in die Neue Rechte. Bereits im Jahr 2010 haben verschiedene europäische neurechte Parteien anlässlich eines Besuchs von Partei-Delegierten in Israel eine sogenannte „Jerusalemer Erklärung“ verabschiedet, in der es heißt: „Ohne jede Einschränkung bekennen wir uns zum Existenzrecht des Staates Israel“. Dafür wurden die rechten Parteien dann auch von Teilen der „Antideutschen“ gefeiert, die sich über ihre „Solidarität“ mit Israel und dessen rechter Regierung von der Linken abwandten und selbst ins rechte Lager abwanderten. Wie das vonstatten ging, hat eine Broschüre aus Tübingen schon vor einigen Jahren gut beschrieben. Eine angemessene Kritik aus der Linken zu diesem Phänomen blieb allerdings größtenteils aus, die „Antideutschen“ wurden in den linken Szene-Treffs nach wie vor toleriert, selbst wenn sie deutlich rechte Positionen vertraten. Heutzutage kommt es deshalb zu solch absurden Ereignissen, dass „Antideutsche“ wie Thomas Maul im selbstverwalteten autonomen Zentrum Conne Island in Leipzig offen die AfD loben, welche „die einzige israelsolidarische, antisemitismuskritische und – zumindest, was das muslimische Patriarchat betrifft – patriarchatskritische Partei“ in Deutschland sei, bzw. die „EINZIGE Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag“.

Leider ist die linke Szene auch in Tübingen für diese Art der Querfront ziemlich blind. Die selbst noch immer stark durch „antideutsche“ Positionen beeinflusste Szene übt keine Kritik daran; im Gegenteil werden teilweise noch entsprechende Veranstaltungen beworben und unterstützt. So fand beispielsweise am 1. August eine Kundgebung mit dem Titel „Gegen jeden Antisemitismus“ statt, organisiert von der Grünen Jugend Tübingen. Unter den „Mitveranstalter*innen“ aufgeführt fanden sich illustre Organisationen wie beispielsweise die Junge Union Tübingen sowie die Jungen Liberalen Tübingen. Das aber hielt beispielsweise den linken Infoladen Tübingen allerdings nicht davon ab, die Kundgebung in seinem Newsletter zu bewerben. Auch hier auf TueInfo wurde die Veranstaltung eingestellt, ohne dass es irgendeine Art der Kritik daran gab.

Was die TOS angeht, so sollten ihre Aktivitäten und ihr vorgebliches Engagement gegen Antisemitismus als das entlarvt werden, was sie sind: Zutiefst reaktionär und ideologisch motiviert. Dasselbe gilt für jene autonomen „Linken“, die sich nicht schämen, für eine vermeintlich gute Sache zusammen mit der Jungen Union auf die Straße zu gehen. Hier bräuchte es dringend mehr Ideologiekritik. Den „antideutschen Betrug“ an der Linken hat beispielsweise Gerhard Hanloser kompakt in seinem im Unrast-Verlag erschienenen Buch „Die andere Querfront“ zusammengefasst.